The Music Of JG Thirlwell
May 4th, 2010
The Music Of JG Thirlwell
Für die bislang überzeugendste visuelle Umsetzung/Interpretation von J.G. Ballards The Atrocity Exhibition von Jonathan Weiss schrieb ein anderer J.G., nämlich Thirlwell, den Soundrack für diese Chronik über den mentalen Zusammenbruchs eines Arztes, der seine Patienten in eine Serie von bizarren Aufführungen einbindet. Ein Konstrukt des Filmes – bestehend aus einem an einen Antennenmast montierten Stuhl, ein TV – Gerät, einer Satellitenschüssel und einer Art Gartenzaun – steht immer noch auf dem Dach von Thirlwells Brooklyner Apartment.
In Melbourne 1960 geboren, zog J.G. Thirlwell schon mit 18 Jahren, nachdem er zuvor kurz in die Kunstschule schnupperte, nach London, wo er bei einer Plattenkette als Verkäufer arbeitete und mit Nurse With Wound – Kopf / Steven Stapleton in Kontakt kam und mit dem er die ersten musikalischen Aufnahmen realisierte. Nebenbei wurde er von diversen Exil – Australiern – Birthday Party und co – und von in London regelmäßig gastierenden Vertretern der New Yorker No-Wave-Szene mit gleichsam ausgesucht üblem Leumund sozialisiert. Schon damals gab Thirlwell nicht nur den genialen Heimwerker, sondern spielte auf seinen Aufnahmen auch jedes Instrument und sang jede Stimme selbst. Das sprach sich herum und seine Allrounder-Qualitäten brachten ihm Engangements und Produzententätigkeiten bei u.a. bei The The, Soft Cell, Einstürzende Neubauten, Coil und dem Some Bizarre Label, also den Protagonisten der hedonistischen Fraktion des 1980-ies – Undergrund, ein. Letztlich unglücklich in Thatcherland zog er 1983 nach New York, der Stadt, die seiner chronischen künstlerischen Nervosität und kurzen Aufmerksamkeitsfähigkeit am nächsten kam. Foetus , sein Alter Ego, wurde für Liveauftritte zur Band; die Attitüde auf der Bühne – überzogen-ironische/kathartische Kraftmeiereien – erwiesen sich allerdings zunehmend als redundant.
Während die Weggefährten meist in dieser Sackgasse verharrten, begeht Thirlwell seit den 1990ern unterschiedlichste künstlerische Pfade, die an seine frühen Experimente andocken und ihn wieder als einen der einfallsreichsten und – das wird sich wohl erst später zeigen – einflussreichsten Vertreter der nicht akademischen Avantgarde auszeichnen.
Die frühen Aufnahmen, ursprünglich auf verstreuten Kult-Samplern wie An Afflicted Mans Musica Box bzw. überhaupt noch nie offiziell erschienen, sind vor einiger Zeit im Package Limp (CD, Buch, DVD) kompiliert von Thirlwell wieder zugänglich gemacht worden: Limp – Minimal Compositions, Instrumentals and Experiments 1980 – 1983. Inspiriert von Post-Punk, Minimal-Music, der Seriellen Neuen Musik, Reich, Glass, Cage, Stockhausen, Filmklassikern wie Bunuel und Serien wie The Prisoner und The Avengers , sind dies Thirlwells mittels Kassettenrekordern und diversem Billiggerätetum der Prä-Personal Computer/Midi-Ära idiosynkratische Abstraktionen und Reaktionen auf diese Einflüsse, was nun zeitversetzt betrachtet schlichtweg die Avantgardeströmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren.
Obwohl seine Musik schon einen ständigen Bilderfluss suggeriert und eine zusätzliche visuelle Komponente eigentlich nicht nötig hätte, ist das Genre Filmmusik aber natürlich eine offensichtliche Versuchung, die Kompositionen um eine zusätzliche Kunstform zu bereichern. Die Cartoon-Serie The Venture Brothers liefert dazu wie schon The Atrocity Exhibition das ideale Versuchsfeld. In einer Art Zuammenstauchung von möglichst vielen Elementen in möglichst kurzer Zeit wird man mit den gemeinhin erwarteten, einschlägig überdrehten Scores beglückt, die ihre Vorbilder weniger in den klassischen Soundtracks der anarchistischen Walt Disney – Produktionen suchen als in den freien Spirou – Adaptionen des verblichenen Nato – Labels und natürlich John Zorns Interpretaionen von Godard und Spillane, und nicht zuletzt Naked City. Thirlwell will sich aber selbstverständlich einer kleinen Verbeugung vor den großen Meistern des Genres, Morricone und Rota beispielsweise, deren stilistische Handgriffe immer wieder als kleine Parikel ins Gesamtkonstrukt eingestreut werden, nicht enthalten.
Von sich selbst sagt Thirlwell, dass er nur schwer seinen Hang zum Bombast im Zaume zu halten vermag – was mitunter durchaus tongue in cheek zu verstehen sein dürfte, beweist er durch mit u.a. Limp Gegenteiliges, nichts destotrotz, bei seinem Projekt Steorid Maximus kann er diese Disposition voll ausleben. Ein Bigband-Orchester, das seine Stücke in der Manier von Foetus-Produktionen umsetzt, also halsbrecherisches Tempo, strenge Schnitte, genial arrangierte Überleitungen, brachiale Auswuchtungen, aber eben auch ein gehöriges Maß an Ambiguität, dass die Musik in verschiedene Kontexte stellt. Bei Aufführungen von Steorid Maximus gibt Thirlwell standesgemäß den weirden Zampano am Dirigentenpult.
JG Thirlwell macht seinem Ruf, ein wandelndes musikalisches Kompendium zu sein, auch bei Manorexia, einem weiteren nun über drei Alben geführten Ableger seiner selbst, alle Ehren. Die ruhigeren, aber trotzdem äußerst dynamischen instrumentealen Stücke, die ihren Ursprung in einem Elektronik- und Sample-geprägten Konzept, das er 2000 ins Leben rief, haben, wurden nun für das dritte Album, das auf Tzadik erschien, in ein kammermusikalisches Format gebrach. Die geheimnisvolle Musik von Manorexia spiegelt das Thema des Albums – The Mesopelagic Waters, die unerforschten Tiefen des Meeres mit ihren gleichsam unbekannten Lebewesen – wider. Neuere Auftragsarbeiten für das Kronos Quartet oder die Installationen mit Michael von Hauswolf zielen in eine ähnliche, zwar nach wie vor freigeistige, aber auch das Hochkultur – geschulte Publikum, ansprechende Richtung.
foetus