Ripples

December 31st, 2024

Clothilde – Cross Sections
Molero – Destellos del Éxtasis
Polido – Hearing Smoke
Midget – Qui Parle Ombre

 

Sofia Mestre, die Künstlerin hinter Clothilde, musste erst 40 Jahre alt werden, bevor sie das Komponieren von Musik für sich entdeckte. Nun, sechs Jahre später, erfährt Clothilde durch Holuzam nach verschiedenen schon hervorragenden Tapes und digitalen Veröffentlichungen mit ungewöhnlicher Drone-Musik “für und von” Maschinen, aber auch Produktionen für das Theater die nächsthöhere Anerkennung mittels einer LP- Produktion auf dem wohl innovativsten Label im Land. Zuvor studierte und lebte sie einige Jahre in Spanien und arbeitete als Coloristin für das Kino und für diverse Werbeagenturen. 2009, als in der sich anbahnenden Krise viele junge Menschen Portugal verließen, kehrte sie in ihre Heimatstadt Lissabon zurück und widmete sich in ihrer freien Zeit dem Zeichnen und der Fotographie. Zusammen mit ihrem Partner experimentierte Sofia Mestre auch mit dem Bauen und Entwickeln von Modularen, die schließlich zu einer elektronischen Maschine gedeihten, mit der man Sonores ähnlich wie beim Zeichnen gestalten konnte.
Die ersten Veröffentlichungen gingen Hand in Hand mit einer sanften Aufbruchswelle von gleichgesinnten portugiesischen Musikerinnen – Raw Forest, Jejuno oder Caroline Lethô – die den Spuren der Pionierinnen der elektronischen Musik folgten und durch die Verfügbarkeit von modernerem Equipment eigenständige, neue Musik komponieren konnte, ohne auf den guten Willen von Produzenten angewiesen zu sein.
Wie Sofia Mestre mit einem Augenzwinkern bemerkt, läuft auch die selbstgebaute Maschinerie auf Cross Sections immer mal wieder Gefahr aus dem Ruder zu laufen und die Kontrolle zu übernehmen. Die Songs sind aber ganz im Gegenteil präzise durchstrukturiert und bilden aber auf dem Album ein breites Spektrum von introspektiven bis roh- brutalistischen und emotionalen Stimmungsbildern ab, die man so tatsächlich noch nicht gehört hat.

Alexander Moleros Debut-Album Ficciones Del Trópico war in der auflagenarmen Welt der experimentellen elektronischen Musik, in der 500 gepresste Exemplare schon meist schon zuviel sind, ein überraschender Erfolg und sogleich, wie auch die Zweitauflage, vergriffen. Der nach Barcelona übersiedelte Venezulaner Molero vermochte mit einem Yamaha CS-60 Synthesizer, Flöten und Naturaufnahmen von Vögeln und anderen Bewohnern des Tropenwaldes und einem ironischen Blick von außen auf seine Heimat ein üppiges Soundgemälde zu kreieren.

Die Vorstellung wie Naturforscher, Abenteuerer und Künstler aus Europa und den USA die Wildnis über Jahrhunderte romantisierten bewegte Molero und mit “time on his hands” erschaffte er ein alternatives Traveller-Manual. Ein wenig an die Tzadik-Formationen Death Ambient (Kato Hideki, Ikue Mori, Fred Frith) und Phantom Orchard (Ikue Mori, Zeena Parkins) oder das Kult-Album von David Toop und Max Eastley Buried Dreams und nicht zuletzt Mike Coopers Explorationen angelehnt, lässt es sich bestens in eine stimulierende und simultierte Welt abtauchen.
Die Songs auf dem Nachfolgealbum Destellos del Éxtasis sind nun, obwohl auch hier mit dickem Pinsel aufgetragen wird, introspektiver und verästelter, aber auch beliebiger. Anstatt mit neugierigem Blick sich Schritt für Schritt in den Urwald vorzuwagen, hat der Protagonist diesesmal wohl beim erstbesten Schamanen- Camp haltgemacht und Frösche abgeleckt. Die daraus resultierende Ekstase ist aber eher schal als schillernd ausgefallen und der Grad der Bewusstseinserweiterung ist überschaubar, obwohl die musikalischen Zitate aus hippieeskem Krautrock und Eso-Ambient natürlich ihren Reiz haben. Molero sucht diesen auf Destellos Del Éxtasis in einer neuen Innerlichkeit.
Übrigens bedient sich Fenna Schilling, die für die Covergestaltung verantwortlich zeichnet, auf das Offensichtlichste bei Johannes Scheblers Baldruin Ablum Relikte Aus Der Zukunft und dessen Sci-Fi-Psychedelic-Ästhetik.

João Polido zelebriert auch auf seinem neuen Album Hearing Smoke, wie schon auf der Doppel-Kassette mit der Filmmusik für Madalena Fragosos und Margarida Meneses Film Sabor A Terra und A Casa E Os Cães, die kurze Aufmerksamkeitsspanne. Schon nach zehn Minuten sind die ersten vier Stücke des Albums durch und doch laufen die Songs nicht Gefahr, sich in Überambition zu verlieren.

Sehr eigen und doch ganz in der Tradition der experimentellen Musik in Portugal, die erstaunlicherweise trotz aller Gentifizierung auch der Kultur ein ganz eigenen Weg verfolgt, springen die scharf-geschnittenen Montagen von abstrakten Beats zu Jazzelementen, von Noise zu Zitaten zeitgenössischer portugiesischer Komponisten prä- und postrevolutionär. Vieles passiert simultan und man hört der Musik mit seinen manigfaltigen Stimmungsbildern zwischen Introspektion, urbaner Hektik, düsterer Vorahnung vor allem auch den Filmkomponisten, der er unter anderem ist, an.

Claire Vailler und Mocke Depret veröffentlichen nach sieben Jahren ihr viertes gemeinsames Album als Midget! auf dem Pariser Künstler-Label Objet Disque. Mehr Kammer- als Popmusik – unter anderem vertonen sie ein Gedicht von Apollinaire – sind die Songs wie schon auf dem Vorgänger Ferme Tes Jolis Cieux äußerst ambitioniert.

Im Gegensatz zu den zahlreichen anderen individuellen Projekten von Vailler und Depret haben sie hier die Leichtigkeit und Zugängichkeit zu Gunsten einer existenzialistischen, traumhaften Schwere außen vor gelassen, noch verstärkt durch Streicher und Harmonium. Die Songs klingen wie in der Zeit eingefroren; nichtsdestotrotz lässt sich in den Arrangements der Stücke weiterhin subtil die Vorgeschichten der Beiden heraushören, was eine faszinierende Mischung aus Sophistication und Zugänglichkeit ergibt, wie sich das Mittelalter mit der Gegenwart vereint. Mit Qui Parle Ombre setzen sich Vailler und Depret gerne zwischen alle Stühle – nicht impressionistisch, nicht romantisch, nicht neutönerisch, nicht chansonesk, nicht avantgardistisch und doch alles auch zusammen.

 

http://www.holuzam.bandcamp.com

http://www.objetdisque.org

 

 

Ripples

March 25th, 2022

Maria Da Rocha – Nolastingname
Filipe Felizardo – Red Cross
Clothilde – Os Principios Do Novo Homem
Septeto Interregional – Dito
Hidden Horse – Opala

Die Pandemie trieb die Musiker in den vergangenen zwei Jahren zwangsläufig von der Bühne ins Wohnzimmer oder Heimstudio; immerhin lässt sich trotz allen Entbehrungen und finanziellen Verlusten  festestellen, dass weiterhin außerordentlich fesselnde Musik aufgenommen und veröffentlicht wird. Und das auch wieder bevorzugt in physischer Form. Die wenigen noch existierenden Presswerke für Schallplatten können die Nachfrage wiederum nur mit teilweisen enormen zeitlichen Verzögerungen bewältigen, was zum Teil aber auch am absurden Wiederveröffentlichungsboom liegen mag: Wie Cordelia/Deep Freeze Mice – Mastermind Alan Jenkins schon in den 1980ern anmerkte: Nachdem mit dem Aufkommen der CD alle ihre Tubellar Bells und Dark Side Of The Moon – Schallplatten zum Trödler getragen und sie sich die gleichen Alben dann im neuen Format zugelegt hatten, werden nun erneut die gleichen Gassenhauer des Mainstream-Kanons mit dem Einläuten des Vinylrevivals verkauft. Zahlreiche Off-Stream-Labels machen nun aus der Not eine Tugend und entdecken mit der Kompaktkassetten noch ein Relikt aus der vordigitalen Zeit neu.

Wie schon ihr Album “Beetroot & Other Stories”, das auf dem experimentellen Sublabel von Clean Feed shhpuma erschien, wurde das 35minütige Stück “nolastingname” im für Klangforschung bekannten EMS-Studio in Stockholm (Kali Malone, Ellen Arkbro) aufgenommen. Maria Da Rocha; von Haus aus klassisch geschulte Violinistin, verlässt wie ihre lusitanischen Zeitgenossinnen Joana Guerra und Joana Gama gerne das enge Korsett der Hochkultur, um mit zeitgemäßeren Genres und Themen zu experimentieren. Dem Buchla-Synthesizer in Stockholm und ihrer Violine entlockt sie Töne, die bearbeitet und komponiert, in so undefinierbare wie unheimliche Grauzonen vordringen, in denen sich Drones, Post-Industrial, Neue Musik oder Folk vermischen.
Die Violine versucht sich mit zarten und der Erdenwelt entrückt wirkenden Melodien zu behaupten, aber verwaschene Beats, entfernte Trommeln und Synthieschwaden lassen nicht nur Taghelles erahnen und führen direkt in verschwommenere Gefilde des Unterbewusstseins. Wie eine Schwester im Bunde von Sunn O>>> oder Nocturnal Emissions sucht sie in ihrer Musik nach der Schönheit in der Introspektion und mit Stilmitteln der elektronischen Obertonmusik und dem immer wieder faszinierenden Gegenspiel von Atonalität und Schönklang.

 

Das Septeto Interregional ist eine Formation, die inmitten des ersten Lockdowns auf Initiative des Musikklubs Musicbox und des Labels Lovers & Lollypop als virtuelles Projekt ins Leben gerufen wurde. Sechs Musiker aus der einheimischen Alternativszene wurden per Zufallsprinzip angefragt, ob sie zusammen ein Album aus dem “Home Office” schreiben und aufnehmen wollen. Erstaunlicherweise entstand zwischen der venezulanischen Sängerin Ariana Cassellas von der Band Sereias, Bruno Monteiro (Mr. Gallini, Stone Dead), Rafale Fereiro (Glockenwise), Rodrigo Carvallo (Solar Corona), Violeta Azevedo (Savage Ohm), Zézé Cordeiro (José Pinhal Post Mortem Experience) und Serafim Mendes (Visuals) schnell eine besondere Chemie. Die sieben facettenreiche Stücke, die pop-affin und mit scheinbarer Leichtigkeit Garagenrock, psychedelische elektronische Ausflüge, Folklore mit einem schrägen Latino-Touch und einiges mehr an Einflüssen verbinden, klingen so inspiriert wie organisch, die auf eine längerfristige Zusammenarbeit hoffen lässt.

 

Felipe Felizardos Lockdown-Tape Red Cross klingt wie eine konzentrierte Zusammenfassung seiner musikalischen Affinitäten und wäre eine logische Fortsetzung der diversen Veröffentlichungen, die der Gitarrist für das Lausanner Label Three:Four einspielte. There’s An Endness To It huldigt nochmals einem seiner Vorbilder – John Fahey – und schließt gleichzeitig diesen Zirkel an Hommagen ab. Elegisch, spirituell knüpft er natürlich nebenbei auch gleichzeitig an die Tradition der großen portugiesischen Gitarristen an. Innehalten und Konzentration sind die Eigenschaften, die in Zeiten der Seuche gefragt sind. When Spring Time Comes Again dagegen ist ein dreißigminütiges Drone-Stück, dass dunkel-noisig die lange Zeit der Isolation reflektiert und nur hier und da etwas lichtere Momente zulässt; die Hoffnung auf den Frühling aka ein Ende der Bedrohung ankündigen mögen.

Mit einer ähnlich angelegten düsteren musikalischen Landschaft hat man es, kennt man ihre Musik, erwartungsgemäß bei Clothildes neuem Tape – Os Princípios Do Novo Homem – zu tun. Clothilde (aka Sofia Mestre) befasst sich nicht nur mit Musik, sondern ist auch Fotographin, Illustratorin, Zeichnerin. Gemein mit ihren anderen künstlerischen Ausdrucksformen ist ihr in der Musik das kolorieren bzw. das freie Gestalten ihrer Strücke mit ihren analogen Synthesizern.

Os Princípios Do Novo Homem entstand in Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Pedro Saavedra für das gleichnamige Stück. 1581 residierte der König Felipe in Lissabon für drei Jahre und wollte eine neue Dynastie entstehen lassen, die eine iberische Handschrift tragen sollte. Das Ergebnis solcher Großmannssucht kennt man und erlebt sie gerade wieder aufs Neue. Eingebettet in oszillierenden Drones, bedrohlichen Beats/Trommelwirbel mit beißenden Noise-Spitzen und teilweiser subaquatischer Atmosphäre ist das epische Ambient – Musik für Fortgeschrittene.
Die zwei Masterminds der vom free-folkigen Psychedelica- und Tropicalismo-Virus infizierten Masterminds der Lissaboner Band Beautify Junkyards – João Kyron und Tony Watts spielen als Fingerübung ein Tape ein, das ihre Ideen nochmals in eine etwas andere, elektronischere, Richtung weiterführt. Im Gegensatz zur Musik mit sonnigem Gemüt der Beautify Junkyards tauchen Hidden Horse in eine imaginäre okkulte Welt ein, dessen Facetten sich aus obskuren Fernsehserien, deutscher Elektronik und einer heftigen Dosis Industrial speist.

http://www.flur.pt

Ripples

October 22nd, 2019

 

Outfest 2019: Festival Internacional De Música Exploratório Do Barreiro

1994 ist Lissabon Europäische Kulturhauptstadt. Kurz zuvor werden auch das Centro Cultural de Belem und das Culturgest eröffnet. Dort entstehen Laboratorien für die zeigenössichen Künste und die Stadt legt nach und nach das verstaubte Image ab, nur Anlaufpunkt für Nostalgiker zu sein, die sich an der aus der Zeit gefallenen Atmosphäre berauschen. Auch im Jahr 1994 gründet eine handvoll Enthusiasten aus der Alternativkultur im damaligen Ausgehviertel Nummer Eins – Bairro Alto – das Zé Dos Bois (ZDB). In einem Interview mit der Tageszeitung Público blickt Naxto Checa, seines Zeichens künstlerischer Leiter, auf das Vierteljahrhundert zurück und erklärt warum das ZDB mit seiner partizipativen Mitarbeiterstruktur den krassen Wandel des Quatiers, hin zu einer Dienstleistungs- und Vergnügungsgesellschaft, und die schroffen finanziellen Kürzungen im Kultursektor sogar gestärkt bewältigte.
In Portugal existieren nicht viele Plattformen wie das ZDB, das sowohl auf lokale wie globale Tendenzen in der Kultur reagiert und Raum bietet für die Avantgarde, sei es in der Musik, der Kunst, dem Film oder dem Theater. Checa unterstreicht, dass sich auch die Beziehung von Produktion und Künstler verändert habe und es zu fruchtbaren Zusammenarbeiten bei der Realisierung komme und Starallüren obsolet sind. Künstlern wie Dirty Beaches, Grouper und einigen anderen wurde eine Künstlerresidenz offeriert. Daneben wurden Platten von Loosers, Grouper oder Gabirel Fernandini produziert. Die sehr aktive Jazz- und Improvisationsszene von Portugals Hauptstadt gibt sich im Aquarium, dem Konzertraum des ZDB, praktisch die Klinke in die Hand. Schon vor dem großen Immobilienboom konnte die Equipe des ZDB, nachdem man bei der Gründung einen monatlichen Mitgliedsbeitrag festgelegt hatte und damit einen kleinen Raum gemietet hatte, schließlich das heruntergekommene Gebäude in der Nähe, in der Rua de São Paulo, dem ehemaligen Palácio Baronesa de Almeida, kaufen und nach und nach renovieren, so daß man nun trotz gekürzter städtischer Zuschüsse überleben kann.

Über dem Fluss in der sich gerade neu erfindenden Industrie- und Hafenstadt Barreiro sorgt ein anderes Veranstaltungskollektiv dafür, dass die mittelgroße Stadt mit seinen beeindruckenden Gebäuden und der Arbeiterstadtatmosphäre auch als Ort für Undergroundmusik wahrgenommen wird und damit auch kulturell wieder aus seinem Dornröschenschlaf erwacht: Die Assoçiação Cultural Out.Ra.
In verschiedenen Institutionen wie der städtischen Bibliothek oder der Musikschule finden während des Jahres immer wieder herausfordernde Veranstaltungen statt, die auch Zuhörer jenseits des Tejo anziehen. Der Höhepunkt bleibt selbstredend das jeweils im Oktober stattfindende Outfest.

Sechsundzwanzig Konzerte an drei Tagen von Künstlern aus Portugal, Brasilien, Spanien, den USA, Irland, England, Dänemark Schweden, Finnland, Ägypten und Tanzania in ungewöhnlichen Spielstädten, die auch einen wichtigen Teil der Stadtgeschichte repräsentatieren, standen auf dem Programm der sechszehnten Ausgabe: Genres wie Jazz, Rock, Hip Hop, Noise, Punk, Electronica oder Neue Musik vermischen sich und die Grenzen verblassen, so das erklärte Anliegen der Veranstalter.
Am Donnerstag Abend konnte man schon Gabriel Ferrandini mit der Camerata Musicial do Barreiro und Peter Evans in der Igreja Paroquial de Santo André bei intimen Konzerten beiwohnen. Der eigentliche Startschuss des Festivals erfolgte dann am Freitag in einer anderen Kirche, der barocken Igreja da nossa Senhora Rosário: Kali Maloni, die seit längerm in Schweden residierende junge Amerikanerin, die über einem Background von klassischem Gesang und Gitarre zum Orgelspiel fand, improvisierte im ersten Teil ihres außergewöhnlichen Konzertes auf dem Hausinstrument. Im zweiten Part beschallte Malone die Kirche mit ihren, auch hinsichtlich des Lautstärkepegels herausfordernden psychedelisch irrwandelnden Dronegebilden. Meditativ, ohne sich im Raster der Minimal-Music von ähnlich veranlagten Zeitgenossen zu verfangen, erlebte man schon einen der Höhepunkte des Festivals. Oszillierend, dunkel und in ungewöhnliche Richtungen ausbrechend, ist ihre Musik live noch intensiver als z.B. auf ihrem diesjährigen Album The Sacrified Code.

Anschließend fanden sich alle im ADAO, einem ehemaligen Feuerwehrhaus, unweit der Fährestation, das zu einer Künstlerenklava umgewandelt wurde, ein.
Calhau! fühlten sich in dieser Umgebung bestens aufgehoben, kommt doch das Duo aus Porto, das u.a. ein herausragendes Album auf Kraak veröffentlichte, ursprünglich aus der Kunst und ihr musikalischer Output spielt immer mit einer völlig eigenständigen Mixtur aus Sound, Sprache, Performance und Collage. Man fühlt sich angenehmerweise an DDAA erinnert, die eine vergleichbar freie Auffassung von Kunst vertreten. Thematisch arbeiten sich Marta und João aber immer wieder an der katholischen Kirche und anderen kultischen Riten ab. Mit diversen Alltagsgegenständen und tönenden Kunstwerken Marke Eigenbau war auch dieser Auftritt wieder völlig einzigartig. Intensiver Lärm, zerstückelte Wortfetzen, die durch einen akustisch verstärkten Abwasserschlauch gejagt werden und eine am Rande platzierte Pianistin, die die eine oder andere spärliche, aber prägnante, Einlage miteinstreute, lassen einen etwas ratlos, aber intellektuell beflügelt zurück.

Alpha Maid, aka Leisha Thomas & Band aus London, bringen dann das Tanzbein in Schwung, und das selbstverständlich auch mit einer eklektischen Dosis an eigentlich Unvereinbarem: Big Black, Mica Levi, Raster Notion, Mego oder gar Neue Deutsche Welle werden von Thomas als Referenzpunkte genannt und alles tönt zugleich groovig wie zerschreddert. Ilpo Väisänen, ohne seinen verstorbenen Panasonic-Kollegen, auf Solopfaden unterwegs, gab sich anschließend mit einem reduziert, knochig-trockenen Auftritt die Ehre.
Die nicht gerade subtil agierenden Brasilianer von Deaf Kids mit einer Fusion aus Punk, Metall und tribalistischen Elementen waren nicht meine Tasse Tee, dafür sorgte dann das schräge Duo von Tochter und Vater aus Newcastle Yeah You mit einer eigenwilligen Fusion von Home Made Throbbing Gristler und Hip Hop für bloßes Erstaunen.
MCZO und Duke, all the way from Tanzania, legten anschließend einen DJ-Set hin, während ich mich auf die Nachtfähre nach Lissabon begab.
Am Samstag galt es dann, da mehrere Veranstaltungen parallel liefen, die richtigen Entscheidungen zu treffen bzw. in sich zu gehen und den eigenen Affinitäten zu folgen. In der restaurierten Moinho Pequeno, mit Blick auf die Feuchtgebiete und das Meer der Stadt, gab es ein Stelldichein der jungen experimentellen portugiesischen Szene. Bezbog, David Machado (Klarinette, Elektronik etc. ) und Dora Vieira (Melodika, Elektronik etc.)
aus Porto und eng mit dem pulsierenden Kassetten – und CDR-Label Favela Discos verbandelt, machten den Auftakt. Zwischen Obertonmusik, Field Recordings, Free Jazz, Noise und punkigen Ausbrüchen erzeugten sie mit einer höchst eigenwilligen Auswahl an Klangerzeugern ein fesselnde Verbindung aus Stille und Krach, Reduktion und Überschwang. Erstaunlich wie abgeklärt und innovativ die Musik der beiden jungen Musiker schon ist.
Luar Domatrix ist das Projekt von Rodolfo Brito, der einen Hälfte von Yong Yong, einem Duo, das sich zwischenzeitlich in Glasgow niedergelassen hatte und zwei Platten auf dem dortigen Night School – Label veröffentlichte. Brito auf Solopfaden schloss sich mit dem Discrepant – Label kurz, ein weiteres Projekt eines Exil-Portugiesen: Gonçalo F. Cardoso. Er komponiert nun eine weitaus dunklere Musik, die an verschiedene Pioniere des verkopften Industrials – Zoviet France, Nocturnal Emissions etc. – anknüpft und eine subitle exotische Ethno-Note miteinfließen lässt. Die junge Flötistin Violeta Azevedo öffnete die großen verglasten Türen und ließ das Rauschen des Meeres und das Summen der Insekten und Vögel in den zum Konzertsaal umfunktionierten Raum der Mühle hinein. Ihre Musik passt da auch zu gut zum Ambiente. Federleicht ihre Musik, Eno, Delia Derbyshire oder die Kranky-Szene, bekundet die Musikerin, seien wichtige Einflüsse.

Im Teatro Municipal traten das dänische Duo Bryne und die angeblich etwas geheimnisumwobenen Candura aus der Hauptstadt auf, während in der Biblioteca Municipal gleichzeitig ein weiterer Höhepunkt des Festials vonstatten ging: Keith Fullerton-Whitman, sicherlich einer der geschultesten und hellsten Köpfe der elektronischen Avantgarde, tat sich für dieses Auftragsprojekt mit den einheimischen Musikern André Gonçalves, Clothilde und Simão Simões zusammen. Sie setzten den Saal der Bibliothek in eine sanfte Schwingung und führten die Zuhörer auf Abwege durch ihr musikalisch bezauberndes Labyrinth.
Als eine ähnlich veranlagte Künstlerin darf man Magarida Magalhães aka Raw Forest bezeichnen, die ihre gleichermaßen komplex und leicht wirkende Musik, die Ambient als Gegenteil von Minimal auffasst und den Geist Brian Enos mit Cutting Edge Electronica von heute in Verbindung bringt, im Foyer der Bibliothek, präsentierte. Ihre hervorragende Kassette “Post Scriptum” auf dem Labareda Label, einem weiteren wichtigen Mosaikstein der jungen portugiesischen Undergroundszene, gehört zu den Höhepunkten 2019.
Auf dem Marktplatz vermischten sich dann Festivalgänger zwanglos mit zufällig Vorbeikommenden und denjenigen, die den Samstagnachmittag auf dem zentralen Platz mit seinem anschließenden Park genießen. Chão Maior und Davy Kehoe beglügelten zwar nicht zum großen Tanzevent, aber das eine oder andere Wippen war doch zu verzeichnen.
Der große Veranstaltungssaal SIRB und die im Foyer beheimatete grandiose Bar Os Penicheiros war die angemessene Örtlichkeit für den Publikumsandrang am Samstagabend.
James Ferraro, der Konzeptkünstler des Hypnagogoc Pop, ist in letzter Zeit etwas aus dem Fokus verschwunden, während Zeitgenossen wie Daniel Lopatin oder Laurel Halo das Zepter übernommen haben. Die Gründe dafür, könnten sich, nähme man seinen Auftritt als Maßstab, leicht erklären lassen. In permanentem Kunstnebel gehüllt, wirkte seine aktuelle Musik in erster Linie gnadenlos bombastisch und, käme da nicht modernstes Computerequipment zum Einsatz, wie aus einer Zeit, in der ELP, Yes und Jean Michel Jarré uns den Spaß an der elektronischen Musik vergällten. Leider, so das subjektive Fazit, eine redundante Angelegenheit.

Ganz anders da die kettenrauchende und auch ansonsten äußerst agile Ägypterin Nadah El Shazly, die mit ihrer Band eine nahezu perfekte Show und einen Überblick ihrer vertrackten Musik bot. Eine Musik, die mühelos und ohne mit der Wimper zu zucken von der traditionellen Songform zum Free Jazz, vom brüchigen Avantgarde Rock zur kakafonischen Elektronik, vom meditativen Drone zum schroffen Aufschrei wechseln kann. Auch das Instrumentarium vereint verschiedene Welten. Flöten, Oud treffen da auf Kontrabass, Keyboard und Computer. Wichtigstes Element ist aber selbstredend Nadah El Shazlys variationsreiche Gesangskunst, die trotz den traditionellen Bezugspunkten eher von einem Punk-Spirit beseelt scheint und sich in keinster Weise in den World Music- oder Jazzgenres pressen lässt.

El Shazly ist eine wichtige Schlüsselfigur des musikalischen Undergrounds in Kairo, der trotz Einschüchterung scheinbar prächtig gedeiht. Sam Shalabi, der Gitarrist der Band, und Alan Bishop von den Sun City Girls sind ebenfalls in den vergangenen Jahren wichtige Botschafter gewesen, um auch auf eine moderne, freidenkende Seite der arabischen Kultur aufmerksam zu machen.
Die New Yorker Hip Hop-Veteranen Dälek und aka Still folgten dem Auftritt El Shazlys mit Dancefloor-tauglichem Stoff, bevor es dann für die immer noch Tanzwütigen ins Edifício A 4 an den Tejo ging, wo diverse DJ-Sets die Stunden, die von der Nacht übrigblieben, beschallten.