Ripples Oktober 2012

October 16th, 2012

Go Kart Mozart – On The Hot Dog Streets

Malka Spigel – Every Day Is Like The First Day

Ob Pulp die letzte letzte klassische Art School – Band war, die der Arbeiterklasse entsprang und noch etwas Relevantes zu sagen hatte, wie der Architekturkritiker Owen Hatherley in seiner liebenswert unprätensiösen Hommage Uncommon  (Zero Books ) behauptet, ist vielleicht nur der Affinität des Autors geschuldet, aber unbezweifelbar schrieb Jarvis Cocker , insbesondere auf  His ‘N’ Hers und Different Class noch über  komplexe Themen (Klassensystem, Geschlechterkampf, Acrylhemden… ).

gokart

Heutzutage sind die smarten Bands mit allen Wassern der Avantgarde und Pop-Art gewaschen, singen aber über Apfelkuchensauce und Waldschrate. Zugegeben, in den 1980ern war es noch etwas einfacher, sich mit Einstellungen abseits des Mainstreams Gehör zu verschaffen. In einer merkwürdigen (und kurzen) Phase, in der die britische Musikpresse enormen Einfluss auf Plattenfirmen, Radio und Fernsehen hatte, wurde ein Exzentriker und das Leben der Bohème propagierender Außenseiter wie Lawrence, dem man nebenbei noch verschiedene Phobien nachsagte, mit seiner Band Felt zum Beinahe-Popstar. Das Konzept: 10 Alben in zehn Jahren veröffentlichen und sich dann auflösen. Die Musik: melancholische, fragile Gitarrenminiaturen, anfangs minimalistisch-klassisch, meditativ, später in Richtung cleveren Popsong tendierend. Als man den 10-Alben – Plan umgesetzt hatte und sich tatsächlich auflöste, änderte sich auch die Musikwelt. Den erzkonservativen, regressiven Bripop und Grunge– Wellen setzte Lawrence mit Denim – und dann Go Kart Mozart beissende Ironie entgegen. Mit einer Verklärung des britischen Lifestyles der Sechziger konnte man ihm nicht kommen. Ähnlich wie ein Dan Treacy oder ein Ed Ball erzählt Lawrence meist Working Class-Geschichten und persifliert die musikalischen Stile von fünfzig Jahren Musikgeschichte. Mit Denim und vor allem Go Kart Mozart wendete er sich vom Gitarrenpop von Felt ab; es stehen Synthesizer und elektronische Spielereien im Vordergrund, die Songs sind aber weiterhin im klassischen Format aufgebaut. Bei Eingeweihten und der spezifizierten Presse stießen die Platten auf meist positive Resonanz, kommerziell allerdings sind alle ein Desaster. Zwischenzeitlich stürzt Lawarence in die Obdachlosigkeit ab und verbringt gar einige Zeit in die Psychiatrie. Paul Kelly’s Film Lawrence Of Belgravia erzählt in einer Mischung aus Hommage und Dokumention all diese Widersprüchlichkeiten des Künstlers und der Person Lawrence. On The Hot Dog Streets ist nun ein ziemlich überraschendes Comeback (?) Obwohl sich konzeptuell nicht viel verändert hat: die merkwürdige Mischung aus aus Billigelektronik generiertem Bubblegum-Punk und beißend-sarkastischen Texten kennt man so seit der ersten Denim-Platte, nichts desto trotz gelingt ihm auf jeder neuen Platte der eine oder andere Klassiker – hier White Stilettos In The Sand und West Brom Blues. Lawrence phantasiert sich, wie man in der der Pop-Art entsprungenen Hüllengstaltung sehen und lesen kann, in eine ideale Welt, in der Labels West Midland Records heißen (nicht zuletzt stammt der Meister selbst aus Birmingham) und die Bands Zooney Higgs, Central Heating oder Rabbis Of Tomorrow. Auch darf ein Manifest nicht fehlen. Das zwischen Selbstverweigerung, Arroganz und Luzidität pendelnde fragile Ego scheint intakt zu sein.
A West Midlands Record, Cherry Red

Die israelische Wave-Worldmusic-Gitarrenband Minimal Compact residierte in den 1980ern in Amsterdam und war im Prinzip der Wegbereiter hin zur globalen Ausrichtung ihres damaligen Labels Crammed Discs. Die Bassistin – Malka Spigel – war bei den imposanten Auftritten meist für die stilleren, leicht lasziven Momente zuständig. Nachdem sie künstlerisch und privat mit Colin Newman zusammen fand, änderten sich auch ihre musikalischen Präferenzen.

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Newman’s mehr als Suite als als Avantpop konzipiertes Solo-album Commercial Suicide prägte sie nicht unwesentlich mit, die Avantband Githead (mit Scanner) und drei von ambienten elektronischen Tönen dominierte Soloalben folgten über die Jahre und stehen exemplarisch für das Soundbild des Swim-Labels. Unter dem Künstlernamen Maya Newman arbeitet sie auch photographisch, ein Nachweis ihrer naturalistisch-abstrakten Photos kann man auf der Hülle und im Booklet des aktuellen Albums betrachten. Every Day Is Like The First Day klingt nun wie die Quintessenz ihres musikalischen Werdegangs. Außer Malka Spigel und Colin Newman gibt es die eine oder andere Unterstützung von Roland Lippok, Andy Ramsay, Alexander Balanescu oder Johnny Marr, dazu dezente Beiträge diverser Cellistinnen. Der kristallklare unterkühlte Gitarrensound ist immer noch schwer vom New Wave inspiriert, wie auch die schwelgerischen Melodien. Trotz der unüberhörbaren Referenzen ist Every Day Is Like The First Day zeitlose Musik. Malka Spigels warme Stimme kontrastiert angenehm mit der Musik; ihre Texte, konkret-poetische Alltagsbetrachtungen und Situationsbeschreibungen, ein Travelogue für uns Armchairtraveller, zelebrieren nimmermüde die Romantik des Reisens/Nicht Sesshaften/Verlorensein/Verlust der Heimat/Schutzsuchen. Swim

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