Ripples November 2016

November 22nd, 2016

Musica 2016 Groupe de Recherches Musicales / OOOL Sound Fictions

Beim diesjährigen musica – festival in Strasbourg gab es zwischen Steve Reich, Johann Sebastian Bach, Karl-Heinz Stockhausen, Ciné – Konzerten oder dem Grenzüberschreiter Rodolphe Burger mit Play Kat Onoma auch eine Nische für das Acousmoninium du GRM; und zwar im schönen Salle de Bourse, unweit des sich rasant entwickelnden neuen Quatiers um die Place d’Etoile mit seinen Industriedenkmälern und moderen Einkaufszentren gelegen.

sound-fictions


In zwei Konzerten gab es die seltene Gelegenheit historischen und zeitgenössischen Werken des mythischen Experimentallabors zuzuhören. Auf der Bühne, die legendären Lautsprecherkegel- und Türme. Ansonsten gab es als kleine Abweichung von der “Reinen Lehre” nur ein der jeweiligen Komposition farblich angepasste Veränderung der spärlich-kargen Deckenbeleuchtung über der Bühne. Theoretiker fanden bei der Einführung und im Programmheft genug Stoff, um die Stücke in ihre tönenden Partikel zerlegen zu können und zu analysieren, ob es sich dabei um Quellen aus elektronischen, instrumentalen, vokalen, ambienten oder alles zusammen handelt und ob sie verfremdet wurden. Sich einfach der Musik hinzugeben und sich wie vor einer besseren Surround-Stereoanlage zu fühlen, war aber auch eine Möglichkeit.
Für das Konzert mit den historischen Werken stellte der musikalische Leiter von Ina-Grm auch die wohl bekanntesten Komponisten zusammen. François Bayle, Pierre Schaeffer, Bernard Parmegiani, Luc Ferrari und, als Vertreter der aktuellen Generation, Gilles Racot.
Vom GRM-Gründer Pierre Schaeffer konnte man die beiden, sehr “konkreten” Étude aux allures (bestehend aus Glockenresonanztönen) und Étude aux sons animés (mit einem gewissen dramatischen Spannungsbogen) hören. Gegenüber den akademisch-trockenen und hermetischen Werken Schaeffers sind die François Bayles von aktuellen Musikströmungen beeinflusst. Bevor dem Sampling-Zeitalter waren die Arbeiten Bayles von seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne geprägt, d.h. schroffe Wendungen und Zusammenarbeiten mit u.a. David Allen, Robert Wyatt, Kevin Ayers. Auch alle Schattierungen der klassichen Musik flossen ein. L’Expérience Acoustique stellte das eindrücklich unter Beweis. Eine weitere wichtige Figur im GRM-Universum ist zweifellos Bernard Parmegiani. Bei L’OEil écoute kam zum ersten Mal ein Synthesizer bei GRM zum Einsatz. Ähnlich offen und uneinsortierbar war Luc Ferrari. Sein Einfluss auf die jüngere Generation von Musikern, die sich im weiten Feld der EA bewegen, ist ungebrochen. J’ai été coupé ist ein enorm spannendes Stück Musikgeschichte, bei dem Ferrari, bevor sich scheinbar unendliche Möglichkeiten zum Töne erzeugen und komponieren mit Computern und Synthesizern auftaten, sich zwischen den Rollen des Musikkomponisten und Heimwerker bewegt.
Mit Anamorphées vom 1985 geborenen Gilles Racot endete der erste Teil des Doppelkonzerts. Sein Stück steht im Spannungsfeld zwischen Tradition und Neuer Technologie.
Nach 90 Minuten Pause konnte man beim zweiten Teil zeitgenössische Komponisten hören.

erikm
Auf den musikalischen Grenzgänger eRikm war ich am meisten gespannt. Beim Méteo-Festival konnte man ihn in seiner Geburtsstadt Mulhouse vor einiger Zeit schon im Duo mit F.M. Einheit sehen, und seine Zusammenarbeit mit z.B. Mathilde Monnier gehört zum Spannensten, was die aktuelle elektronische Musik zu bieten hat. Nun aber komponierte er mit Draugalimur, membre fantôme ein Stück für das Acousmonium. Dramatische sonore Flächen wechseln sich mit Stille und einem isländischen Gedicht, vorgetragen von Dominique Poulain und Haraldur Jónson (nicht in persona, selbstverständlich) ab. Schroffe Kontraste und Unangepasstheit; so sollte die Geschichte des Experimentallabors fortgesetzt werden.
Giuseppe Ielasi, eigentlich Gitarrist und ein musikalischer Grenzgänger wie er im Buche steht, komponierte mit Untitled January 2014 ein wunderbares Drone-Stück; mit einem Kassettenrekorder als primäre Tonquelle und dem Feedback eines Walkmans als Rhythmusquelle: Die oszillierenden Obertöne reizen das Lautsprecherarsenal zur Gänze aus.
Dagegen fielen die anderen beiden Vertreter für meinen Geschmack deutlich ab. Vincent-Raphaël Carinola zitiert in Cielo Vivo Federico Garcia Lorca und bezieht sich musikalisch sehr linientreu auf das GRM-Vermächtnis. Konventionell geht es auch bei Daniel Teruggi zu: Springtime ‘ist eine Reise in unseren Köpfen’und versucht die Gerüche, Farben und Gefühle zu beschreiben, wenn der Winter in den Frühling übergeht.
Als Ergänzung zum musica – Programm konnte man in der Mulhouser La Kunsthalle die Ausstellung OOOL – Sound Fictions mit akustischen Arbeiten von Mathias Delplanque, Luc Ferrari, Eddie Ladoire und Cédric Maridet hören und sich in die manigfaltigen Konzepte einlesen.

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