Ripples November 2011

November 25th, 2011

Saint Ghetto 2011
Jeweils drei Tage im November wird die Berner Dampfzentrale einmal nicht von Tanztheatern, Performances und Discoveranstaltungen, sondern von anders veranlagten, gerne auch Gestalten der schrägeren Art, heimgesucht. Saint Ghetto heißt das Festival, dessen Programm dieses Jahr zum vierten Mal von Christian Pauli und Roger Ziegler hochkarätig zusammengestellt wurde. Nur Marc Almond gesellte sich dieses Mal zur Ahnengalerie der wegweisenden und genreerfindenden Künstler aus einer anderen Zeit, die man in den vergangenen Jahren erleben durfte, u.a. Brigitte Fontaine, Hermine, The Residents, The Fall, Nurse With Wound, Little Annie, Chédalia Tazartès. Ansonsten hieß das Konzept: Gegenwartsmusik (wenn das auch, angesichts des plunderphonigen Zitierens beinahe aller Künstler oft theoretischer Ansatz bleiben musste).


Carla Bozulichs dunkle Präriemusik präsentiert sich auf dem vierten Album In Animal Tongue und in der aktuellen Bandbesetzung noch entkernter und desperater als bisher. Das überschaubare Publikum hielt strikten Abstand zur Bühne; die gedimmte Beleuchtung und die Stehtischchen im Saal suggerierten die Atmosphäre eines nicht in Gang gekommenen Partykellertreffens. Frau Bozulich nahm’s mit Humor und sang, sozusagen als Alternativveranstaltung, dem Keyboarder ein Geburtstagsständchen.
Die Musik von Espen & The Witch, dem britischen Beitrag zum Witch House – Hype, wird vor allem durch die starke Präsenz der Sängerin und Perkussionistin Rachel Davis geprägt. Weniger furchteinflößend als vielmehr den romantisch-ätherischen Sound von Goth-Light-Vorbildern wie This Mortal Coil und den Cocteau Twins aufgreifend, ist die Umsetzung im Live-Gewand erstaunlich perfekt. Die pantomimischen Anwandlungen des in Socken herumhampelnden Gitarristen untermauerten freilich den Hippie-Verdacht aufs Nachhaltigste.
Volker Bertelsmann aka Hauschka ließ sich am Samstag im bestuhlten Turbinensaal beim Tastengreifen auf die Finger schauen. In der Avantgarde und der Minimal Music geschult, ist sein Ansatz mit den Techniken des Präparierten Klaviers zu komponieren ein eher Pop-beeinflusster. Seine Musik klänge beinahe franzsösich, in der Tradition von Künstlern wie Pierre Bastien und Look De Bouk, die wiederum stark von der Art Brut beeinflusst sind, in der spielerischen Art wie er mit schrägen Elementen, die durch Manipulation der Tasten entstehen, umgeht. Allerdings gibt es bei Hauschka auch die perfektionistische, beinahe sterile Seite, die ihn auch zu einem einflussreichen Vertreter der Elektronikszene machte.
Das Konzept von AnikaAnnika Henderson, Beak > und Portishead – Schlagzeuger Geoff Barrow und drei weitere Musiker – klingt wie ein schlechter Witz: ein Repertoire von Balladen aus den 60ern, eine Sängerin mit schwerer Zunge und Akzent, eine Band, die wie die damals von Judy Nylon dubbig zerschreddert wird. Aber es funktioniert. Annika Henderson mimt das am Geschehen völlig unbeteiligte Filmsternchen oder Model, das nebenbei sich auch noch zum Popstar berufen fühlt und mit überbetontem – natürlich ebenfalls gefakten – teutonischen Akzent völlig emotionslos die Lieder vom Verlust der Liebe oder der Einsamkeit vorträgt; Blickkontakt zur Band oder gar zum Publikum käme ihr aus Prinzip nie in den Sinn. Eingebettet in schwerem, experimentellem Dub und so entschleunigt, dass die Musik beinahe gefriert, kann man sich dem Groove nur schwerlich entziehen.
Marc Almond präsentierte zum Abschluss am Sonntag zwar nicht die insgeheim erhoffte Revue des experimentelleren, düsteren Repertoires aus den 80ern, die er in England derzeit aufführt, sondern ein Best Of seiner kommerziellen Hits; nichts desto trotz sah man einen Showman, der die Brüche und Abgründe seiner Vita scheinbar unverhüllt offenlegt.

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