Ripples November 2014
November 9th, 2014
Alte Meister – Konzerte im Sommer und Herbst
Chédalia Tazartès, Albert Marcoeur, Big Rain, MMM, Massacre, Young Marble Giants
Chédalia Tazartès an einem sonnigen, späten Sommernachmittag im Garten des Museu do Chiado live zu erleben, hat etwas Bizzarres, erinnert aber an eine frühere Begegnung ähnlicher Art. Einen idealeren Auftakt für drei ausgewählte Abende beim 31sten Jazz Em Agosto – Festival im Gulbenkiangarten darf dieser unabhängig davon stattfindende Anlass an einem Ort, wo Musikinteressierte, Cafebesucher und Passanten aufeinandertreffen und ein stetiges Kommen und Gehen stattfindet, kann man sich kaum wünschen.
Tazartès, nach seinem Frühwerk und seinen bahnbrechenden zwei Alben für AYAA, die, so noch nie dagewesen, Chanson, Ethnologische Musik, Elektronik, Lärmkunst und undefinierbar Exzentrik aufeinanderprallen ließen, hat sich in den Neunzigern und Früh-Zweitausendern vor allem filmmusikalischen Projekten gewidmet, um dann in den vergangenen Jahren eine Art Revival mit Solo- und Gruppenprojekten zu erfahren, was vor allem auch in einem erwachten Interesse eines jüngeren Publikums begründet ist. Den magischen Frühabend im Amphietheater von St. Remy beim Mimi-Festivival 1987, als Tazartès mit Akkordeon auf den alten Mauern herumturnte und seine Magie entfaltete (die dann von den japanischen After Dinner noch verlängert wurde) meint man trotz aller Unwägbarkeiten des Langzeitgedächtnisses noch genau in Erinnerung zu haben, um hier mit Erstaunen festzustellen, dass sich knapp drei Jahrzehnte später, nicht viel an der mysteriösen Figur und an der Musik geändert hat. Mit geschlossenen Augen vor dem Mikrophon am Rand des langgezogenen rechteckigen Rasens des Museumgartens stehend und nur ab und zu an seinem kleinen Tisch mit Klangerzeugern (Tonschale, Perkussion) hantierend, entlockt er seiner Stimme die unverwechselbaren Töne, die sich mit der vorfabrizierter Musik unterschiedlichster Stile – schroffe Noisestrukturen, wüstenartige Karawannenmusik, Phantasie-Ethnomusik, Opernhaftes – amalgamisiert.
Die nomadenhafte, mysteriösen Erscheinung, die man aufgrund der Musik meint in der Person Tazartès zu erkennen, das einem nicht zu geringen Teil der Faszination ausmacht, wird durch die, bei der Konversation mit dem Publikum sehr down to earth wirkende sogleich ad absurdum geführt.
Wie schon an anderer Stelle behauptet (und bislang nicht widerlegt), finden die gewagtesten Aufeinandertreffen experimenteller Künste seit einiger Zeit nicht mehr unbedingt in den Untergrundklubs des Erdballs, sondern in Kulturinstituten wie dem Gulbenkian oder Teatro Maria Matos in Lissabon, dem Mousonturm in Frankfurt oder gar der Philharmonic Hall in Liverpool statt. In Zeiten der Krise und knapper werdender Budgets reagieren manche Stätten der Hochkultur mit einer politischeren Ausrichtung und einem Ausbau der experimentellen Labore. Die Gulbenkian-Stiftung kann im Gegensatz zu manch staatlicher Einrichtung allerdings aus dem finanziellen Fundus ihres Ahnherrn schöpfen. Das Jazz Em Agosto – Festival, nun im 31ten Jahr, ist zwar kein interdisziplinäres, aber von jeher offen für Seitenpfade der Avantgarde. Im Amphitheater des phantastischen Gartens findet über zehn Tage im August jeweils ein Konzert pro Abend statt. Zuvor hat man die Gelegenheit in der Cafeteria ein ausgezeichnetes Abendessen einzunehmen, danach gibt es noch die Gelegenheit sich an den Ständen von Trem Azul mit Musik einzudecken. Im vergangenen Jahr feierte John Zorn hier mit unterschiedlichen Projekten seinen Sechzigsten, dieses Jahr liegt der Schwerpunkt bei Gitarristen.
Franz Hautzingers Regenorchester gab es schon in verschiedenen Besetzungen, u.a. trugen Fennesz, Philip Jeck, Tony Buck, Otomo Yoshihide ihren Teil dazu bei, die musikalischen Welten zwischen Jazz, Neuer Musik, Improvisation, Soundskulpturen und Rock ständig neu zu bestimmen.
Big Rain nun, Hautzingers 2013 in Saalfelden ins Leben gerufene neues Projekt, bricht scheinbar mit dem demokratischen Verständnis des Regenorchesters insofern, als dass mit Keiji Haino eine natürliche Autorität auf der Bühne steht, die automatisch den Fokus auf sich zieht.
Aber, das ist bei weitem noch nicht alles: Eigentlich laufen ständig mehrere Konzerte parallel. Der Bassist und frühere Ornette Coleman– und James Blood Ulmer – Mitstreiter Jamaaladeen Tacuma und Hamid Drake aus dem Chicagoer – Jazzpool spielen ihre Art von World Music, vertrackt und treibend. Franz Hautzinger gibt an der Trompete den Reduktionisten, um dann doch bei Zeiten ins Black Magus’sche auszuscheren. Und Keiji Haino? Steigt in den Rhythmus der Bass- und Schlagzeugfraktion ein, spielt melodische Psychedelica, fräst dann messerscharf Schneisen in den Himmel der Nachbarschaft, stampft auf der Bühne, um den Rhythmus vorzugeben, singt in seiner von einem anderen Stern – Art und…zieht sich nach einer Stunde schwarze Handschuhe an, um mit elektronisch verkabelten Spiralen seinem Ruf als Noise-Master gerecht zu werden. Er wirkt dabei – wie die einheimische Zeitung Público am nächsten Tag schreibt – wie eine Schamane in Trance.
Mit dem MMM Quartett (ein Link zum Mills College in Oakland, mit dem der Großteil der Besetzung Verbindungen hat oder hatte), respektive Joëlle Leandre, Alvin Curran, Urs Leimgruber und Fred Frith (der während des Festivals in verschiedenen Formationen präsent ist) bekommt man es dann am 8. August mit improvisierter Musik auf hohem Niveau wie aus dem Leo Records – Manual zu tun. Von meditativen Zuständen sich ins Dramatische steigernd und wieder zurück, dabei die Gesetze des Musikgenresvokabulars bewusst umgehend, ist das Konzert aber eben trotzdem sehr vorhersehbar, denn, obwohl die Improvisation erste Pflicht ist, entwickeln sich bei solchen Darbietungen immer die gleichen Abläufe.
Alvin Curran am Piano und mit elektronischen Verfremdungen zu Werke gehen in Aktion zu sehen, ist ein Vergnügen, Frith mit Sombrero und rosa Sonnenbrille ausgestattet (wahnsinnig komisch) spielt das Lied des einsamen Cowboys. Leimgruber nutzt das Saxophon als Spielwiese und Leandre gibt den Takt an. Auf hohem Niveau enttäuscht zu werden, gehört zum Risiko bei Festivals. Als dann aber Madame Leandre zum Schluss hin in einen fetzigen Groove überwechselt und lautmalerisch zu singen beginnt, ist es für mich Zeit das Weite zu suchen.
Und dann am 9.8. Massacre! Seit Killing Time (1981) ist einiges Wasser vom Tejo oder Hudson ins Meer geflossen. Was damals als Reaktion auf die Energie des Punks – und von der Produktionstätigkeit Friths’ des No No York – Samplers beeinflusst war, lässt sich nicht in das Jahr 2014 transferieren. Das wussten Frith und Bill Laswell natürlich auch schon Ende der Neunziger, als man Massacre mit Charles Hayward anstelle von Fred Maher wiederbelebte. Die Musik, die man im Gulbenkiangarten, über den, als zusätzliche Komponente zum Improvisieren ständig Flugzeuge Richtung des Stadtflughafens im Sinkflug sind, zu hören bekam, ist nach wie dringlich. Die Querverweise zu Pionieren wie DNA, Teenage Jesus oder James White sind aber einer Zeitlosigkeit gewichen. Zwischen Noise, Progrock, Dub fesselt das Trio das Publikum in den lang angelegten Stücken mit dem ständigen Ausjustieren und Verschieben von Laut- und Leiseelementen. Als Haywards Melodika wie zu besten Camberwell Now – Zeiten zum Einsatz kommt, erhält auch die Melancholie den ihr ihren gebührenden Platz.
Das Jazz á Mulhouse bzw. Méteo – Festival ist berühmt (- berüchtigt) u.a. dafür, neben dem Kanon der improvisierenden Jazzer auch diesbezügliche Misfits – Carla Bozulich, FM Einheit, erik m, Francisco Lopez, Philipp Niblock, Maja Ratke u.a. – in das jährlich Ende August über einen Zeitraum von fünf Tagen stattfindende Festival einzubauen. Neben dem Nervecenter im alternativen Noumatrouff kann man auch jeweils das industrielle Vermächtnis der Stadt Mulhouse nutzen und Konzerte an ungewöhnlichen Locations aufführen. Das können dann ehemalige Fabrikgebäude, Galerien oder aber auch ein altehrwürdiger Kulturtempel sein. Im prunkig-überladenden architektonischen Juwel Téatre de la Sinne hatte man dieses Jahr die seltene Gelegenheit zum kick off des Festivals Albert Marcoeur sehen und hören zu können. Das Urgestein der frankophonen Exzentrik hat zu einer Spätform gefunden, die das Beste aus dem immer dem Außenseitertum verpflichteten Ouevre zu einer Einheit vereint. Zugegeben, uns nur rudimentär Französischkundigen entgeht da vieles, aber auch nur der halbe Spaß, ist ein immenses Vergnügen. Der Meister an einem Katheder sitzend und in seinem Textbuch blätternd, wird vom kongenialen Streichquartett Le Quatuor Béla, das man auch schon auf der letzen Veröffentlichung von 2008 Travaux Pratiques hören konnte, begleitet. Der Atmosphäre gerecht werdend, startet man konventionell mit romantisch-anmutenden Kammermusik, bis Marcouer, zunehmend von Gähnen und Langeweile übermannt, scheinbar kurz vor dem Einschlafen, das Ganze in eine marcoeursche Richtung hin überleitet. Subtil, sperrig, knorzig-krächzig breitet sich das lyrische Universum mit genauen, abstrusen, schwarz-humorigen Alltagsbetrachtungen in der von Brüchen, Feinheiten und Anspielungen dichten Musik aus.
Marcoeur rezitiert, singt und erzählt, gibt, wenn nötig mit den Handflächen auf die Schreibtischoberfläche trommelnd, den Takt vor. Die Kompositonen, alle bis in kleinste Detail durcharrangiert, an diesem Abend, stammen von den letzten Platten, die der Besetzung geschuldet, man teilweise in anderen Arrangements hört. Auch einiges Neues bekommt man zur Gehör. Der Meister, gertenschlank und immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht, sprüht vor Vitalität, führt auf Abwege und kristallisiert merkwürdige Details des modernen Lebens heraus.
Im grandios verwitterten Manchester Dance House, unweit der Universitäten und inmitten einem der angesagten Ausgehviertel um die Oxford Street gelegen, gaben sich die Young Marble Giants die Ehre. Ein zweifellos rarer Anlass, denn, trotz einiger verstreuter Festivalauftritte in den vergangenen Jahren, die seit einem Special für BBC Radio Wales Anfang der 00er Jahre stattfanden, kann von einer Reunion nicht wirklich die Rede sein. Trotzdem war das Publikum an diesem Sonntagabend von überschaubarer Größe – und, schätzungsweise, 75% der Anwesenden dürften Colossal Youth, das singuläre Album, schon bei Erscheinen 1980 erstanden haben. Ironischerweise wirkten die älteren Damen und Herren im Auftreten und Stil beim Vorabdrink in der Bar – man sah Swell Maps T-Shirts, schräge Brillen etc. individualistischer und nonkonformer als die jüngeren, die im Viertel anzutreffen sind mit ihrem Einheitslook aus Skinny Jeans und, wahlweise, Vollbart oder Hippiefrisur. Aber vielleicht möchte man das auch einfach nur glauben.
Und die legendäre Band – Alison Statton, Philip Moxham und Stuart Moxham wurde um einen weiteren Moxham Verwandten Andrew am elektronischen Schlagzeug erweitert – aus Cardiff?
Alison Statton ist entspannt und souverän. Erzählt von der Namensfindung der Band und der Platte (stammen von einem aus der örtlichen Bibliothek ausgeliehenem Skulpturenbuch), widmet ein Stück einem Pärchen, das sich beim letzten Auftritt vor schätzungsweise dreißig Jahren in Manchester kennenlernte und immer noch zusammen ist, und ihre Zwischenbemerkung, dass sie heutzutage auf der Bühne nur noch Tee ohne Milch trinken würde, wurde von der freundlichen Crew des Dance Houses sofort aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Stuart Moxham, der sich für 99% der YMG-Stück verantwortlich zeichnet, wirkt nun wie ein zerstreuter Kunstlehrer und immer noch sehr sophisticated. Philip Moxham, hager und smart spielt den charakteristischen melodischen Bass und ein weiterer Verwandter, Andrew, bedient die elektronischen Drums, die urpsprünglich nur von einer Bandmaschine kamen.
An diesem Abend hört man keinen neuen Ton, werkgetreu bewegte man sich durch das schmale Ouevre und doch stellte sich die gleiche Faszination wie beim ersten Hören nach dem Erscheinen des Debuts ein. Die kristallene, minimalistisch-karge Schönheit der Musik in der Kombination mit der wie unbeteiligt wirkenden Stimme Stattons, deren Meisterschaft, den amateurhaften Charme zu bewahren und doch perfektionistisch zu sein, sich auch an diesem Abend zeigte.
Auf dem Heimweg durch die regnerische Manchester Oktobernacht Richtung Victoria Station trudelnd, wo der letzte Zug nach Liverpool erreicht werden will, kann man sich, das architektonische Vermächtnis der Industrtiellen Revolution links und rechts aufgereiht, die Post-Punk-Stimmung noch etwas länger bewahren.
Michael Zinsmaier