Daphne X – The Plumb Sutra
Drew Mulholland – Through The Glass Darkly
Drew Mulholland – CP1919
Fiesta En El Vacio – Fiesta En El Vacio
Le Diable Dégoutant – Dito
Enhet För Fri Musik – Inom Dig, Inom Mig
DEK – 1981-87 Vol.1
Me Lost Me – RPG

 

Wien und Linz dienen als temporäre Ausgangsbasen für die griechische Musikerin und Soundartistin Daphne X (Xanthopoulou), die live bei diversen experimentellen Musikfestivals in letzter Zeit zu sehen und hören war und dessen ausgezeichnetes Tape The Plumb Sutra auf dem Londoner Label Bezirk Tapes (das klingt zweifelsohne auch nach einer österreichischen Verbindung) erschien.
Die Songs für das Album entstanden im beinahe gänzlich entvölkerten galizischen Hinterland und spiegeln mit – gefühlt –
bis in die Unendlichkeit sich wiederholenden Piano-und Synthie-Loops, elektronischen Verfremdungen und Natur- und Gesprächs-Aufnahmen die Atmosphäre wider. Daphne X zieht in ihren Kompositionen einerseits Parallelen zu Pauline Oliveiros Deep Listening Musikphilosphie, aber fühlt sich auch von Neo-heidnischen Folksongs inspiriert. Wäre The Plumb Sutra allerdings nur die Suche nach einer esoterischen Grenzerfahrung, klänge das nicht weiter erwähnenswert. Durch Brechung und Montage schafft Xanthopoulou aber eine nicht leicht entwirrbare, unheimliche Grundstimmung, die durch eine spröde Punkästhetik befeuert, an die geheimnisvollen, post-industriellen Musiklandschaften von Zoviet France anknüpft und den Songs eine besondere Tiefe gibt.

In Glasgow verschrieb sich Drew Mullholland mit seiner Musik schon immer dem Überweltlichen und Nicht-Eindeutig -Erklärbaren dieser oder anderen Welt(en), und das meist mit einem im Post-Industrial-Genre unüblichen Augenzwinkern. The Séance At Hobs Lane, Mulhollands Kollaboration mit Musikern aus der Glasgower Szene und Adrian Utley als Mount Vernon Arts Lab gilt zum Beispiel zurecht als Meilenstein und Referenz für die Library Music – Protagonisten und Hauntology. “…The forthcoming end of the world will be hastened by the construction of underground railways burrowing into infernal regions and thereby disturbing the Devil.” (Rev. John Cumming, 1860) liest es sich auf dem Cover, des dann auch folgerichtig auf Ghost Box – Records erschienenen Albums. The Norwood Variations ist dagegen eine eklektische Mischung aus Kammermusik und einem Spoken Word- Vortrag über Psychogeographie; The Warminster UFO Flap macht diverse UFO-Sichtungen und scheinbar wahrgenommene Audio-Signale aus dem Weltraum um Salisbury herum zum Thema für eine andere Kultplatte.
Spezielle Plätze, an denen Unerklärliches geschehen sein mag oder Personen, denen solches widerfahren ist, sind oft der auslösende Impuls für Drew Mulholland, sich dem intensiver künstlerisch zu widmen.
So auch bei den beiden diesen Sommer erschienenen Tapes auf dem jungen, sehr empfehlenswerten britischen Label Human Geography: Through The Glass Darkly und CP1919.

John Dee wurde 1527 in London geboren und war so intelligent, dass er als 20-jähriger neben umfassenden Kenntnissen der Astrologie, Astronomie, Mathematik und Navigation auch Griechisch, Latein und Hebräisch beherrschte. Er wurde nicht nur deswegen, sondern auch aufgrund seiner voluminösen Bibliothek mit okkulten Büchern zum Außenseiter. Er fühlte sich mit seinem Wissen befähigt mithilfe eines zweitausendjahre alten obsidischen reflektierenden Glas/Steins/Spiegels, das heute im Britischen Museum ausgestellt ist, direkt mit Gott und Engeln zu kommunizieren.
Während seiner Zeit als Composer in Residence an der Schule für Astrophysik an der Universität von Glasgow wurden Mulholland selbstverständlich auch einige seltsamen Ereignisse zugetragen : Ein von Jocelyn Bell 1967 am Mullard Radio Astronomy Observatory registriertes, alle 1377 Sekunden auftauchendes, nicht erklärbares Signal oder die kosmische Mikrowellen Raditation, die 1964 von zwei Astronomen in New Jersey als Töne wahrgenommen wurden und letzlich auch die Big Bang-Theorie bekräftigen.
Die Musik: Wie zäh dahinfließende, grau-schwarz-schillernde Magma tönen im übertragenden Sinn die Tape Loops und Drones, die Drew Mulholland für die beiden Tapes komponierte. Schon als Zwölfjähriger, wie er in den Linernotes zu The Norwood Variations schreibt, habe er mit einem Freund mit Loops experimentiert. Das Rohmaterial stammte aus Field Recordings, die in vergessenen Bunkern aus der Kriegszeit, verlassenen Industrierelikten oder neben Bahnlinien aufgenommen wurden. Die Fragmente der Industriellen Revolution dienen Mulholland als Gestaltungsmittel für eine kosmische Musik, die hier nichts Befreiendes oder Schwebendes innehat, geschweige denn kitschige Synthesizersounds, sondern ganz spröde nur dunkle Geheimnisse verspricht.
Musik als Hommage für die Visionäre aus einer Zeit, in der die Wissenschaft auch ein Lauschen in die unendlichen Weiten der nächtlichen Himmel mit abenteuerlichen Gerätschaften bedeuten konnte.

Luna Cedrón berief sich bei der Namensgebung für ihr Projekt im musikalischen Metier auf ein Gedicht der argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die ähnlich wie Sylvia Path mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und schließlich Suizid beging, aber in ihrem Werk eher Schönheit und Klarheit als Verzweiflung in Worte fassen konnte: Fiesta En El Vacio (Party in der Leere).

Cedrón wurde in Spanien geboren, lebte dann aber mit ihrer ruhelosen Mutter in Südfrankfreich, in Mexiko, Argentinien, Kuba und ist zwischenzeitlich in Brüssel gelandet, wo sie mit der hyperaktiven musikalischen Außenseiterszene partizipierte und auch einen bleibenden Eindruck beim letzten Kraak-Festival vor dem Covid-Lockdown 2020 hinterließ. Ihre home-made Popsongs, die sie für ihr Debut-Album für das französische Label Simple Music Experience aufnahm, huldigen dem Geist der Wohnzimmerproduktion, kleiden ihre Affinitäten – Gedichte, Synthie-Pop, Flamenco, okzitanische Folksongs in leicht melancholische, experimentelle und stilistisch abwechslungsreiche Popsongs mit einem leichten Cold Wave-Flair, die trotz aller Subtilität eine ungemein suggestive Wirkung entfalten.

Pauline Marx, die eine Hälfte des Duos La Fureur De Vouivre, verfolgt auf ihrem Debut-Solo-Album Fleur De Chagrin als Le Diable Degoutant ihrer ganz eigenen Version von “Hauntology” made in France. Die studierte Ethnologin und Feldforscherin vergräbt sich in alte Mythen aus Frankreich, Island und Irland; interpretiert überlieferte Balladen in vergessen gegangenen Sprachen mit seltsamen Instrumenten. Wie auch die Mikroszene aus dem Nürnberger Raum um Läuten der Seele, dem Gespensterland-Sampler oder Baldruin entsteht eine nicht wirklich einzuordnende Musik, die ein geheimnisvoller Zauber umrankt und zwischen Drones und Folk balanciert, aber auch, vielleicht unbewusst, die Tradition von legendären, der Art Bruit – zugewandten Bands wie Look De Bouk oder Klimperei weiterführt.

 

Die schwedische Formation Ehnet För Fri Musik, die sich aus Mitgliedern von verschiedenen jungen Undergroundbands zusammengefunden hat, versprüht auf Inom Dig Inom Mig keinen dementsprechend juvenilen Elan, sondern wirkt wie sie die letzten europäischen Benzodiazepin-Bestände gehamstert und konsumiert hätte, nur um dann in den Hobbykeller der Eltern hinabzusteigen und sich einem Freak-Out der anderen Art hinzugeben. Auf leisesten Sohlen wird mit Saxophon, Bass, Keyboards improvisiert. Darüber legt sich hin-und wieder die zwischen unbeteiligt und traurig wirkende Stimme der Sängerin, die die Gabe hat, den geneigten Hörer doch noch in den Bann zu ziehen. Seltsames Skandinavien.

Inspiriert von The Residents, Marc Perry, Negativland und wohl auch von Krautrock und Dada dokumentierten ab 1981, abseits der Metropolen im Französischen Süden Patrick Dekeyser und Vincent Epplay unter dem Namen DEK (Des Enregistrements K7) ihre nächtlichen Zusammenkünfte, die sich in durchstrukturierten minimalistischen Soundcollagen manifestierten. Noch deutlich von der Aufbruchsstimmung des Punks inspiriert, aber sich schon für experimentellere Ausdrucksformen interessierend, ist die Wiederveröffentlichung dieser Kassettenaufnahmen aus dem Archiv des Duos auf Jelodanti Records eine wahre Perle. Elektronische Minaturen, Xylophon, Saxophon, Gitarre, Tapeaufnahmen, surrealistische deutsche, englische und französische Lyrics, absurde Radiohörspiele und vieles mehr bekommt man zu hören. Musik, die damals wie vieles zwischen 1978 und 1982 ihrer Zeit voraus war und auch heute noch mindestens zeitgemäß und frisch klingt.

 

Durch die Nachwehen der Pandemie sind natrürlich speziell auch die kulturellen Einrichtungen, insbesondere die mit nicht kommerzieller Ausrichtung, in vielen Städten gebeutelt worden. Zum Beispiel: Newcastle. Die lebendige Undergroundszene um das Old Police House und das Tusk Festival muss sich gerade wieder neu erfinden, da plötzlich die Mittel und die Räumlichkeiten fehlen. Aber aufgeben gilt nicht. Richard Dawson, Mariam Rezaei und auch Jayne Dent, die als Me Lost Me mit RPG gerade ein neues Album präsentiert, tragen den DIY-Geist der experimentellen Musik made in the North East auch auf internationale Bühnen. Me Lost Me wirft traditionelle Folklore, Geschichten und Poetry, alt und neu mit den Billigtönen von Computerspielen in einen Topf, rührt das Gemisch kräftig durch und klingt so catchy wie eigen. So kann ein überlieferter traditioneller Folk-Song sich mit einem über Schlaflosigkeit, aufgrund einer Überreizung durch Videospielkonsum ohne Stilbruch ablösen, traditionelle Arrangements münden in solche mit Streichern und Synthesizern; und dazwischen singt Dent mal kurzerhand A Capella.

http://www.bezirk.bandcamp.com

http://human-geography-recordings.bandcamp.com

http://www.simplemusicexperience.bandcamp.com

http://www.melostme.com

 

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