Ripples

May 14th, 2016

Tangtype – Trajet
Deux Filles – Space & Time

Zu Zeiten des New Waves konkurrierte das reklusive Duo Katrin Achinger und Matthias Arfmann (Kastrierte Philosophen) nach einem stürmischen, psychedlischen Debutalbum mit dem Nachfolger Insomnia mit The Painted Word der TV Personalities um den Preis für das introspektivistischte Album der 1980er. Wenig später kam dann überraschend Licht ins Banduniversum: Souldier folgte den Spuren der Beatniks, W.S. Burroughs und Brion Gysins und jagte die Songs durch das Dub-Echo-Dek.

trajet

Julie Cambier und Jean-François Brohéé gaben sich, trotz dass sie Bestandteil der hyperaktiven, experimentellen Musikszene Brüssels der Nach-2000er-Jahre waren, ähnlich zurückgezogen und konzentrierten sich auf ihr eigenes Ding. Nach einigen verstreuten Samplerbeiträgen – z.B. für Stilllysm, einer vorzüglichen Kompilation dieser Zeit des gleichnamigen Labels von Jérôme Deuson und Alain Lefebvre (Stilll) – und einem formidablen Album Flake Out, das einen sehr eigenen Weg zwischen abstrakten und melodischen elektronischen Songs einschlug, dauerte es über sieben Jahre bis sich ein Nachfolger manifestierte.
Trajet nun – Weg, Strecke – ist auch im übertragenen, metaphysischen Sinn zu verstehen: Reisen, Abschied, Tod sind die Themen in Julie Cambiers Texten. Obwohl die Musik unverkennbar an den Stil des Debuts anknüpft, hat sich in der Zwischenzeit natürlich einiges getan, z.B. hat Julie Cambier ihren Wohnsitz nach Wien verlegt und die schon bestehende Verbindung zur dortigen Elektronikszene um Stefan Németh, Christoph Amann und Christof Kurzmann vertieft (Trajet wurde teilweise auch dort produziert). Die Stücke von Trajet geben sich als veschlüsselte Travelogues – die Lyrics von Cambier werden von Brohéé, streng wie bei einem Hörspiel, kongenial in Musik umgesetzt, die Musik folgt den Texten und umgekehrt. Die Musik zeigt aber auch eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Idee, tanggramartig nach allen Richtungen hin offen zu sein und mit diesem Konzept intelligente elektronische Songs zu komponieren. Die Stücke leben von Gegensätzen: Julie Cambiers Gesangsstil wechselt im Laufe eines Stücks immer wieder die Gefühlslage, aber auch die Ausdrucksform. Erzählend, rezitierend, unterkühlt, dann einen kurzen Abstecher ins Melodische, bevor sie wieder in abstraktere Bereiche abgleitet; dieser Effekt wird zusätzlich durch die Verwendung des Englischen verstärkt. Ähnlich die dichte, trotzdem nicht überladen wirkende Musik: Das Ineinanderfließen von trockener Eletroakustik, Neuer Musik, melodischen akustischen Gitarresequenzen und vor allem von perkusiven Elementen, die wie eine nervöse Version von Vox Populi wirken, zeugt von Könnerschaft.
Die Coverversionionen von In my time of Dyin’ und vor allem Nicos All that is my own sind die Höhepunkte der Platte: die Assoziationen im elektronischen Gewand bieten einen wunderbaren, verpixelten Kontrast zu den Bildern von Philippe Garrels Drogen-Wüsten- Meditationen von La Cicatrice Intérieure und strahlen eine ähnliche Verlorenheit aus.
Das atmosphärisch ähnlich dichte Another Side Of The Moon ist zum Ausklang eine psychedelisch-psychotische Achterbahnfahrt, die auf eine Fortführung des Bandprojekts hoffen lässt.

Deux Filles? Claudine Coule und Gemini Forque bzw. Simon Fisher Turner und Colin Lloyd Tucker? Da lässt es sich nicht vermeiden, dass man unweigerlich zurück in die Achziger katapultiert wird. Die beiden Ambient-Elektronik-Alben Silence & Wisdom und Double Happiness begründeten mit ihrer addidiktiven Mélange aus andersweltlicher Musik, Naturaufnahmen und Samples eine Art wacklige Vorkriegsballhausmusik mit spukhaftem ethnologischen Hintergrundsrauschen; ein Genre, das später den Weg für Künstler wie The Caretaker, Gordon Sharp und einige andere, die auf Touch und Mego veröffentlichen und sich nicht zwischen Feldforschung und Musikmachen entscheiden konnten, ebnete. Nun, nach Jahrzehnten, genauer 33 Jahren (!), erscheint ein neues Album von Deux Filles und als Gäste tauchen unter anderem Matt Johnson, The Elysian Quartet und Annie Hogan auf; es ist also, als sei die Zeit tatsächlich stehen geblieben. Andererseits, die inflationäre Veröffentlichungswut von Künstlern, die sich der Field Music verschrieben haben und oft rein Dokumentarisches ohne Suspense und letztlich Musik kreieren, macht aus der Rückkehr von SFT und CLT ein höchst willkommenes Ereignis, wird hier doch das Geräusch zur Kunst und das Arrangement zu einer zu entschlüsselnden Erzählung. SFT und CLT waren (und sind) beide mit einer Popader beseelt, während aber ersterer als Filmkomponist (für z.B. Derek Jarman) zur Avantgarde tendierte, erfuhr das Talent des Zweiten bei u.a. Kate Bush und The The größere Aufmerksamkeit.
Space & Time zieht einen mit seinen 24 komplexen Miniaturen unweigerlich in einen melancholischen Sog. Die Stücke wirken freilich durch das Gegenschneiden von Gegensätzlichem und unerwarteten Wendungen immer latent irritierend: Dem Aufschrecken durch eine Fahrradklingel folgt Satieeskes auf dem Piano, dem verhuschten Auftauchen einer folkloristischen Melodie Insektengesurre und japanisch Gehauchtes, eine Slidegitarre mündet in eine Symphonie und wird zur Spacemusik. In der Bahnhofhalle wird wieder japanisch gesprochen, die Fortsetzung erfolgt im Wohnzimmer auf franzsösisch, ein Blues wird von einem geisterhaften verloren hallenden Piano abgelöst; eine britische Lady berichtet mit schwacher Stimme aus ihrem Leben und wird von einem Cello begleitet. Happy Ending dagegen ist das Gegenteil von dem, was der Titel suggeriert: ein Drone baut sich zum dramatischen Höhepunkt auf, Piano, Gitarre, Flöte, diverse Nebengeräusche lassen die Komposition ins Endlose auslaufen; streng und schön.
Das Spielen mit den Geschlechterrollen, tja, auch dazu ist noch nicht alles gesagt.

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disques du crepuscule

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