Ripples März 2013

March 16th, 2013

Charles Vaughan – Haunted Woodland Volume Three
Jon Brooks – Shapwick
Wayside & Woodland, ein Label aus Staffordshire, das von dort ansässigen Künstlern betrieben wird, operiert mit CD-R’s und Schallplatten in Auflagen, die sich an einer Hand abzählen lassen. Die musikalischen Interessen von epic 45, E.I., Heath, My Autumn Empire, The Toy Library, P Manasich und Charles Vaughan kann man ungeniert den Genres Post-Rock, Avant-Folk, Field Recordings und Ambient zurechnen. Wer sich hinter dem Künstlernamen Charles Vaughan verbirgt, weiß man nicht nicht wirklich, sein Album ist aber das inzwischen dritte der Haunted Woodland-Serie des Labels und herausragend.

Die Fotos des Booklets zeigen Abschnitte eines idyllischen englischen Wanderweges. Dabei handelt es sich allerdings um den Monk’s Walk in Staffordshire und der hat es in sich. Scheinbar spielten sich dort seltsame Rituale ab und wurden heidnische Praktiken ausgeübt, die dem Wanderer Vaughan nachts fiebrige, luzide Träume bescherten. Ob sich in den Wäldern weiterhin eine Wickerman-Geheimgesellschaft verbirgt oder ob die Gegend schlichtweg verwunschen ist? Vaughans beklemmende Klangbilder suggerieren dem Hörer eine entsprechend düstere und mysteriöse Stimmung. Die vier langen Stücke – Death Stalks This Place, A Witches Familar/Followed Home, Troubled Sleep/Ghost Reverie und Blood Ritual – führen ihn konsequent auf eine albtraumhafte, aber gleichermaßen schön-bizarre musikalische Wanderung. Außenaufnahmen, Tapes, Keyboards, Bass, Drums, Synths, Dictaphone, Zither und akustische und elektrische Gitarre werden von Vaughan zu in Zeitlupe dahin- mäandernden Drones gemischt, free-folkige Gitarren rekonstruieren geheime heidnische Rituale. Ähnlich der zeit- und erinnerungentrückten Meditationen eines William Basinskis oder The Caretakers ist Charles Vaughan den tieferen Ebenen unserer Wahrnehmung auf der Spur.
Während sich die British Heritage Foundation mehr oder weniger vorbildlich um das historische Erbe Großbritanniens kümmert, beleuchten und dokumentieren die Künstler diverser Sub- und Mikrokulturen notorisch die Lebensweisen- und Aspekte abseits der großen Persönlichkeiten und Ereignisse. Ganz dem psychogeographischen Wandern oder dem Sichten und Aufbereiten von Ton- und anderen Archiven verpflichtet, bestimmten die künstlerischen Annäherungen und subtilen Manipulationen dieser Querdenker die intellektuell-experimentelle Musik der Insel in den vergangenen Jahren. Als The Advisory Circle gehört Jon Brooks zum inneren Kreis des Ghost Box – Labels (Motto: The television picture is a man made ghost). Die faszinierenden collagierten Klanghörspiele aus alten TV-Aufnahmen, Library-Music und eigenem Zutun schauen sowohl in die Vergangenheit wie in die Zukunft; beschwören einerseits die melancholische Stimmung des Unwiederbringlichen herauf, andererseits schwingt ein optimistischer Fortschrittsglaube mit, wie er sich andernorts zum Beispiel bei der Weltausstellung in Brüssel mit dem Atomium und Xenakis Kompisitionen manifestierte.
Sein Album unter eigenem Namen – Shapwick – ist auf dem feinen Londoner Label Clay Pipe Music veröffentlicht worden, dessen Platten alleine schon durch die liebevolle, aufwendige Gestaltung bestechen: Darren Haymans Hommage an die vergessen gegangenen Kultur der Arbeiterbadestrände/Pools – Lido – oder Frances Castles akustisches Mini-Orchester The Hardy Tree, das in ihrem Londoner Backside- Garden und ein paar Straßen weiter nach Spuren der Vergangenheit forscht. Jon Brooks verfolgt mit Shapwick gleichfalls persönliche Vorlieben, die trotzdem nicht allzufern von denen der Ghost Box’schen Konzeptkunst entfernt liegen. Die Idee für Shapwick kam ihm auf dem Heimweg von einem Besuch bei seinem Onkel und seiner Tante auf dem Lande, wo er Pianoaufnahmen machte und nach einem stundenlangen Stau auf der Autobahn auf Nebenstraßen umgeleitet wurde. Während sich der Tag dem Ende zuneigte und auf unbeleuchteten Straßen die Konturen der Landschaft und der Horizont beim Dorf Shapwick langsam in die Dämmerung überging und die Konturen verschwammen, imaginierte Brooks wie sich diese spezielle Energie des Zwielichts in Musik umsetzen ließe. In Wirklichkeit ist Shapwick sicherlich vollkommen anders, aber aus der Wahrnehmung Jon Brooks entstand ein faszinierendes Konzeptalbum, das in seiner Gestaltung weniger den Schnipsel-Manipulationen aus TV-Clips des Ghost Box– Katalogs als komponierten Songs verpflichtet ist und wo die Stimmungen permanent zwischen der suggeriertenHeilen Welt des Dorflebens, dem Ambivalenten und dem Unheimlichen wechseln können.
Wasyide & Woodland
Clay Pipe Music

 

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