Ripples Mai 2013
May 16th, 2013
Krèms Brûlée – Ein Abend beim Donau-Festival
Mark Stewart, Manorexia, Matin Rev, Zoviet France, Girls Against Boys, David Yow
Die inzwischen auch schon neunte Ausgabe des Donau Festivals in Krems, dessen Programm jeweils über zwei verlängerte Wochenenden angelegt ist, stand heuer unter dem, zugegeben, etwas verhaltensoriginellen Motto Krèms Brûlée. Der Anspruch und das Versprechen, innovative Kunstformen zwischen anerkannter Avantgarde und Subkultur in unterschiedlichen Kontexten zu präsentieren und Bühne für sowohl querdenkende Frischlinge wie verdiente Underground-Haudegen zu bieten, wurde 2013 allerdings mehr denn je eingehalten. Auch der “time table” war aufgrund der im Vergleich zu den vergangenen Jahren beinahe verdoppelte Anzahl eingeladener Künstler sehr eng gehalten. Einer der Schwerpunkte, performative Kunstformen jenseits des Theaters, die im Kontext zu bildender Kunst und Aktionismus agieren, wurde an den diversen Spielorten z.B. von Hans Peter Litscher, Saint Genet, Miasma oder Teresa Margolles (bleibend in Erinnerung ist mir ihre MMK-Austellung in Frankfurt, in der u.a angeblich von Leichenwaschungen gewonnenes Wasser durch den Raum dampfte. Hier variierte sie ihr Thema mittels einer Performance. Vier Nachkommen der Maya sprachen über ihre Gewalterfahrungen und bestickten ein Tuch, das zuvor Flüssigkeiten eines ermordeten Drogenkriegopfers absorbiert hatte).
Musikalischer Höhepunkt der ersten Woche waren wohl eindeutig die Abende mit, einerseits, den innovativen Neutönern von Raime, Laurel Halo, Actress, Hype Williams und, als gedachtes Gegenstück, ein Art Kraut-Avantgarde-Historie-Abend mit Michael Rother, Zs und Beak.
Selbst wohnte ich in der zweiten Woche dem Programm der Kategorie verdiente Haudegen (siehe oben) bei. Nachdem man vom Wiener St. Joseph-Bahnhof gemütlich durch die unfassbar grün-üppige Peripherie gen Krems getuckert war, schüttete es, dort angekommen, zuerst wie aus Kübeln. Am ersten Spielort, der Minoritenkirche, vermeintlich den Ausbrüchen des Wettergottes halbwegs trockenen Fußes und unbeschadet entkommen, erwartete einen eine Naturgewalt anderer Art: Mark Stewart & Gäste spielten auf. Die in den letzten Jahren wieder zahlreicher erscheinenden Platten sind von eher durchwachsener Qualität, aber live ist Mark Stewart wie zu Learning To Cope With Corwardice – Zeiten im wahrsten Sinne eine Wucht. Zuerst beschallte der alte Weggefährte Adrian Sherwood die in blaues Licht illuminierte Kirche mit Bach, der schleichend von fiesem Gefiepse und Dub-Fetzen abgelöst wurde. Mika Vainio (Pan Sonic) und Rusell Haswell (Edition Mego) loteten die akustischen Kapazitäten der Kirche mit schwerem Geschütz aus. Ihr extrem verdichteter, sehr lauter Soundteppich aus Noise, Heavy Metal, Industrial und Dub bereitete Mark Stewart, der als bulliger Hohepriester die Treppen des Kirchenschiffs mit einer afrikanischen Trommel herunterschwankte und hinter einem Bastelzimmertisch Platz nahm, den Background für seine wütend-ironischen Botschaften aus den Handbüchern der Verschwörungs- und anarchistischen Theorien. Nebenbei streue er auch noch ein Versatzstück- Best of aus Pop Group und Mafia – Songs und eigenen, selbstverständlich zerschredderten Lieblingstücken, von Brel bis Ari Up, ein.
J.G. Thirlwells’ Manorexia-Projekt war dann in der Haupthalle in einem seiner sehr raren Liveauftritten zu erleben. Ohne eine Miene zu verziehen, dirigierte der Meister am Sampler und Mischpult im Hintergrund der Bühne die kongenialen Musiker an Keyboard, Perkussion, Cello und Violinen. Von allem Bombast anderer Produktionen scheinbar befreit, ist die Dynamik und die sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne Thirlwells in dieser schön-aquatisch-geheimnisvollen Musik, die sich thematisch den Tiefen des Meeres und deren Zertörung durch Umweltbelastungen widmet, nichtsdestotrotz omnipräsent. Die kompositorische Handschrift JGTs in der Inszenierung bringt mit sich, dass immer damit gerechnet werden muss, dass ihm der Gaul doch irgendwann durchgeht, er in seinen Venture Bros.-Cartooncharakter zurückverfällt, das Tempo verfünffacht und richtig laut wird.
Martin Rev gab in der Nachbarhalle den Rock’n -Roll-Punk. Harte Beats, fluoreszierende Brille und der Versuch beim verhallten Vocoder-Gesang auch noch die Rolle des fehlenden Alan Vega einzunehmen waren das Rezept, konträr zu den instrumentalen Filmkompostionen und Konzeptalben der letzten Jahre. Mark Stewart animierte es zum tanzen. Bei Suicide flogen früher die Flaschen und Schlimmeres, so fühlte sich damals das Punkpublikum konfrontiert. Heuer herrscht Rauchverbot und auf den Bierflaschen ist ohnehin Pfand.
Die geheimnisumwitternden Konezptkünstler Zoviet France aus Newcastle, persönliche Favoriten seit ominösen Kassettenzeiten, haben sich vergangenes Jahr nach einem aus dem Ruder gelaufenen Sabbatical wieder zusammengetan. Der Verzicht auf jegliche Werbung und das Spielen mit Anonymität hatte in den Achtzigern eine ungleich irritierendere Wirkung als heutzutage in Zeiten der sozialen Netzwerke, wo man eher durch Überpräsenz verloren geht. Die mysteriöse Faszination, die von den ambienten fragilen Musikgebilden von Mark Warren und Gründungsmitglied Ben Ponton ausgeht, ist dagegen ungebrochen. Auftritte von Zoviet France sind mehr als spärlich, so war Krems ein Muss für jeden Liebhaber der poetischen Variante des Industrials. Gleich geheimnisumwittert, von obskuren Kunstkontexten und Eigenbrötlereien getragen wie ansonsten nur das amerikanische Kollektiv Biota, wirkte ihre Musik schon immer außerhalb aller Zeit und Moden angeordnet, was sie auch heute modern erscheinen lässt. Die Assoziationen mit derelikten Industrielandschaften, die im Nord-Osten Englands jahrzehntelang bildlich den Niedergang ausdrückten, stimmt heute noch genauso wie die mit der rauen Natur Northumberlands und die mit erfundenen, ethnologischen Kulturen. Die Verwahrlosung des Englischen Nordens wurde zwischenzeitlich mit, über die National Lottery fianzierten, Museums- und Kulturprojekten überdeckt. Nun, in der Krise werden die Budgets gekürzt und alles ist wieder am Bröckeln. Zoviet France: Die fließend ineinander übergehenden, organischen Klangflächen, ausfransend, flirrend, dronig, mit versteckten Melodien hinter dem Vorhang aus Zivilationskrach, wirken, vor allem auch durch den kalt-düsteren Windhauch, den ihre diversen, selbstgebauten Objekte und Blasinstrumente vermitteln, wirkt immer wie eine Musik zum Ende der Zeit. Und die tönt, zur allgemeinen Beruhigung, verführerisch.
Mit ihrer knochentrockenen, von Fugazi und Big Black inspirierten, Verquickung von Punk und Hardrock, legten die wieder zuzammengekommenen Mitglieder von Girls Against Boys um Frontmann Scott McCloud die Grundlage für die manisch-transgressiven Übergriffe des Gastvokalisten David Yow. Der Jesus Lizard-Boss gab sich am späteren Nachmittag, als seine Serie von 82 Katzenzeichnungen im Kunstraum Stein eröffnet wurde, noch äußerst handzahm, so hinterließ die Metamorphose auf der Bühne umso mehr Eindruck.