Ripples Juli 2012
July 15th, 2012
Amélia Muge & Michales Loukovikas –
Periplus Deambulações Luso-Gregas
Griechenlands hochgelobte junge Filmgarde mischt gerade die Off-Kinoszene mit intellektuell-experimentellen Werken auf, die lakonisch ein zerrüttetes Weltbild zeichnen. Portugals Regisseure räumen ebenfalls Preise an internationalen Festivals ab, für Filme, die gleichsam etwas bemüht als Spiegelbild der derzeitigen Gemütslage des Landes interpretiert werden. Auf dem Gebiet des Musikalischen lernten sich die in Mosambik geborende Portugiesin Amélia Muge und der Grieche Michales Loukovikas zwar auch als Seelenverwandte, aber vor allem auf künstlerischem Gebiet, kennen und fanden zu einer raren portugiesisch-griechischen Zusammenarbeit zusammen.
Periplus, ein Begriff aus der Nautik, ist eine Anleitung um fremde Meere zu befahren; Muge und Loukovikas navigierten sich allerdings durch modernere Wellen, erfolgte ihr Ideenaustausch doch mittels Internetverkehr. Dabei eröffneten sich ihnen erstaunliche Parallelen zwischen der portugiesischen und griechischen Kultur, z.B. entdeckten sie, dass einige ausgegrabene, traditionelle lusitanische und hellenische Lieder teilweise die exakt gleiche Melodie aufwiesen. Aus den hin-und her gesandten musikalischen und lyrischen Skizzen kreierten Muge und Loukovikas nun einen, für beide unüblichen, großangelegten Zyklus mit Einbezug von zahlreichen Musikern, Chören und Solisten, wobei neben den beiden Komponisten und Interpreten vor allem die griechische Sängerin Eleni Tsaligopoulou ,die portutgiesische Lyrikerin Hélia Correira und der Chor Outra Voz herausragen. Periplus wurde dann auch als Auftragsarbeit für das Kulturprogramm von Guimarães 2012 konzipiert.
Amélia Muge machte mit ihrem überraschenden, uneinsortierbaren Debut Múgica (1991) in Portugal auf sich aufmerksam. Mit einem Musikstil, der in keinster Weise in das damals noch ausgeprägte Schubladendenken passen wollte, weder ließ er sich der aufkommenden portugiesischen Rockszene zuordnen, weder der Renaissance der Neo-Fadistas, noch der Songtradtion der alten Politaktivisten, obwohl sie aus allen Bereichen zitierte, stand Múgica für einen poetischen, aber politischen, Umgang mit Tradition und Erneuerung. Ihre Markenzeichen, eine markante Stimme und eine Art Fake-Ethno verfeinerte sie auf den folgenden Alben. Neben eigenen Texten finden sich immer wieder auch Lyrik von den Großen, aber auch zeitgenössischen Autoren – Pessoa, Sophia De Mello Breyner, Eugénio Lisboa, Correia. Während ihre Uneinsortierbarkeit – außerhalb Portugals versuchte man sie mittels der World Music – Schiene zu vermarkten – sich kommerziell eher negativ auswirkte, schrieb sie nebenbei umso erfolgreicher für einige der jungen Fadistas (Ana Moura, Camané, Mafalda Arnauth) und es hatte zwischenzeitlich den Anschein, dass ihre Solokarriere nach und verebben würde. Mit dem ausgezeichneten
2006-er Album Não Sou Daqui meldete sie sich etwas überraschend als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen portugiesischen Musik wieder zurück.
Michales Loukovikas sagte mir vor Periplus überhaupt nichts. In eine musikalische Familie hineingeboren, spielte er zuerst in diversen Rockbands, bevor er sich der zeitgenössichen griechischen Musik zuwandte, um schließlich später sich dem Rebetiko zu widmen. Auch interessierte ihn die Parallelen und Unterschiede der okzidentalen und mediterranen Musik.
Das teils tatsächliche, teils imaginäre Gipfeltreffen portugiesischer und griechischer Poeten und Musiker, ist von Amélia Muge und Michales Loukovikas meisterlich inszeniert. Fado, Rembetiko, Brecht/Weill, zeitgenössische Klassik, Ethno, Hörspiel, Choralmusik fließen dezent in die vierundzwanzig Stücke ein, die trotz aller Zitate nie Gefahr laufen zum Pastiche zu mutieren und die gewohnt spröd-ernsthafte Handschrift und den melancholischen Grundgroove der Autoren tragen.