Ripples January 2018
January 16th, 2018
Gilroy Mere – The Green Line
The Hardy Tree – Through Passages Of Time
Jon Brooks – Autres Directions
Das London, das man noch in den 1980ern als eine heterogene architektonische Mischung aus viktorianischen Prachtbauten, typischen Reihenhaussiedlungen, brutalistischen Nachkriegs-Towerblocks und urbanen Brachflächen – die Hinterlassenschaft der Bombenangriffe aus dem Zweiten Weltkrieg oder später aufgrund Verwahrlosung entstanden – kannte, ist längst passé.
Fragmentarisch und widersprüchlich wirkte die Stadt damals an vielen Ecken; ein Moloch, der noch Platz ließ für andere Lebensweisen als der kapitalistischen. Squatting ist kein Thema mehr in London, Obdachlosigkeit aber mehr denn je; die Kreativität wird beinahe ausschließlich dafür aufgewendet, einen bezahlbaren Wohnraum zu finden und die Lösung ist oftmals die, dass man sich zu Dritt eine 1-Zimmer-Wohnung teilt und in Schichten schläft. Die Halb-Wildnis des East Ends oder South Londons wurde unter dem Deckmantel von Urban Regeneration Schemes in eine von Luxuswohnungen und Malls verwandelt. Das sind alles keine Neuigkeiten, banale Fakten.
Nicht zufällig aber ist der moderne Moloch London auch der, in dem Guy Debords Idee von dérive – vom Weg abkommen – am lebendisten weitergetragen wird. Zahllose Bücher über das “Lost London” dokumentieren die Veränderungen des Stadtbildes nüchtern; eine Künstlerin wie Laura Oldfield Ford veröffentlichte dagegen im Fanzine-Stil ein periodisch erscheinendes subjektiv-poetisches Tagebuch, das die krassen Veränderungen ihres urbanen Umfeldes festhält und dabei Geschichten über sich und ihren Freundeskreises mit stadtpolitischem Tagesgeschehen vermischt (Savage Messiah). Laura Oldfield Ford zeigt sich dabei als wahre Psychogeographin.
Das Mikro-Label der Illustratorin und Musikerin Frances Castle Clay Pipe Music reagiert auf den unguten Wandel ebenfalls mit einer Art Diary, einem musikalischen. In kleiner Auflage und mit ihrer unverwechselbaren Handschrift der Hüllengestaltung, die an Holzschnitte erinnert, veredelt, sind die LPs begehrt und immer schnell vergriffen.
Der imagninäre Zeitsprung zurück in eine Vergangenheit, die noch nicht von Neoliberalismus, Gleichförmigkeit oder Massentourismus bestimmt war, in der Darren Hayman eine Liebeserklärung an die britische Swiming Pool-Kultur (Lido) komponiert, Sharron Kraus tradtitionelle walisische Erzählungen in transzendente Songs verwandelt oder Vic Mars, fernab von England in Japan, von der Britischen Eisenbahn träumt, ist nicht nur einer, der rein nostalgischer Natur ist. Die so unterschiedlichen wie persönlichen Alben erzählen auch etwas über die Vielfalt des Lebens in der Stadt, die es zu verteidigen oder wiederzuentdecken gilt. Die Nostalgie, eine Wehmut über das Verschwinden und Vergessen weckt gleichzeitig den Widerstandsgeist, der sich in unkommerziellen Gegenbewegungen in den britischen Städten bemerkbar macht und vom Urban Gardening über selbstverwaltete Arts-Center bis eben zu Labels und Buchverlagen, die aus dem eigenen Wohnzimmer betrieben werden, zeigt.
In den vergangenen Monaten sind drei neue Schmuckstücke zur Sammlung Frances Castles hinzugekommen, die wieder die Sehnsucht für ein Leben aus Tagträumen, Fluchten und verlorenen Nachmittagen wecken.
Through Passages of Time von The Hardy Tree (aka Frances Castle) führt die Reise an verlorene, nicht mehr existente Orte, Plätze und Gebäude, zu der sie mit ihrem Debutalbum einlud, fort. Frances Castle schafft mit Vibes, Mellotron und Elektronik eine subil-verfremdete musikalische Welt, in der pastorale, verwunschene Folkmelodien auf – bei den Stücken, zu denen Alision Cotton ihre Viola beisteuerte – brüchige Salon-Hausmusik trifft, die an die wunderbaren Dolly Mixture erinnern. Die Esche auf dem St. Pancras – Friedhof in London, die nach Thomas Hardy, der dort eine zeitlang als Gehilfe arbeitete – benannt wurde, hat sich ihr eigenes Kunstwerkt erschaffen, indem sie umgruppierte Grabsteine mit Wurzelwerk überzog und die Ebenen verschob.
Nach dem Old-School-Folk auf dem Wayside & Woodland-Album The Myth of Violet Meek, elektronischen Ausflügen unter den Namen Dollboy, Rhododendron oder Australian Testing Labs passt Oliver Cherers aka Gilroy Meres Hommage an die eingestellten Vorortbusse, die die Städter ins Umland von London brachten – The Green Line – vielleicht etwas überraschend wunderbar in das Raster von Clay Pipe Music. Die Platte ist als eine Erinnerung an diese Fahrten konzipiert; Erinnerungen aus der Kindheit, die er in Süd-London verbrachte und an der Grenze zwischen Stadt und Land lebte. Cherer verwendet für The Green Line konsequenterweise Instrumente, die er in Ramschläden und Charity Shops erstanden hat. Mit einem ungewöhnlichen Sammelsurium wie eine Farfisa Orgel, eine Spielzeugschlagzeugmaschine, ausrangierten Synthesizern, aber auch klassichen Gitarren komponierte er warme, melodische Musik, teils butterweich, teils sperrig. Oliver Cherer darf sich in der Tradition von britischen Vorgängern wie Normil Hawaiins, The Leven Signs oder gar eines Brian Eno sehen.
Jon Brooks schon drittes Album für Clay Pipe führt über den Kanal nach Frankreich. Autres Directons ist wie die Vorgänger aus sorgfältig arrangierten musikalischen Skizzen und Field Recordings konzipiert, die minimalistischer, fließender als sein anderes Projekt – The Advisory Circle – sind und zwischen Songs und Soundscapes pendeln.