Ripples Januar 2013
January 14th, 2013
DDAA – Pourriture Cubique
John Avery – Jessica In The Room Of Lights
Ruth & Mushy – Far From Paradise
Mushy – Breathless
Thierry Müller / Aaron Moore – Today Is Yesterday’s Tomorrow
Dass sich die drei Mitglieder von Déficit Des Années Antérieures bzw. DDAA – Jean-Luc André, Sylvie Martimeau-Fée, Jean-Philippe Fée bzw. JLA, SMF, JPF – in erster Linie als plastische Künstler, auch hinsichtlich ihres Wirkens als Musiker, verstehen, ist kein Widerspruch. Die Musik des Künstlerkollektivs, dass sich an der Akademie in Caen Ende der 1970er kennenlernte, vereint deren unterschiedlichen Vorlieben und Ideen aus Kunst, Literatur und Klangskulpturen. Über einen Improvisationsprozess modellieren sie dann diese so minimalistischen wie dichten Klanghörspiele zur unverkennbaren Marke DDAA.
Von diesen erschienen in den vergangenen Jahren wenige – eine Kollaboration mit den gleichsam mythischen Palo Alto und vereinzelte Auftritte, ansonsten waren die drei Künstler mit eigenen Projekten und Lehrtätigkeiten beschäftigt. Konzeptuell vielleicht ähnlich gepolte Musiker wie The Residents oder Carbaret Voltaire brachten es spätestens im Zuge des Anything Goes-Aufbruchs der Post-Punk-Ära zur zahlreichen Kultgefolgschaft. DDAA, obwohl/weil konsequenter und origineller als die Genannten fristeten zwar ein exklusives Geheimtippdasein, hatten aber nichts desto trotz, auch mit ihrem Label Illusion Prod., einen beträchtlichen Einfluss auf die Außenseiterszene – Kassettenlabels, Fanzines, Sound-Exploration. Im Spannungsfeld zwischen Punk, Industrial, Minimal Music, Avantgarde, Bildende Kunst gehören sie für mich mit Zoviet France aus Newcastle zu den persönlichen Favoriten.
Pourriture Cubique erfindet im DDAA-Universum das Rad nicht neu, ist aber ein höchst willkommenes Lebenszeichen aus dem französischen Norden. Pourriture Cubique ist “Höherer Blödsinn” der Abstraktionsstufe für Fortgeschrittene unter dem Motto “The sound exploration of DDAA as plasmaturgy of the reality” und “Dindondology or Turkeywavism”. Rumpelnd und steif beginnen die Plastischen Künstler die Exploration der Landschaft. Wasser plätschert in der Ferne, die Loren Connor-artige Gitarre erinnert dabei eher an Wüstenlandschaften als an die See. Monotoner Singsang zelebriert die Praktiken noch nicht entdeckter Eingeborenenvölker oder täuscht man sich und hört die Beschwörungen japanischer Zen-Meister in Ausbildung? Jedenfalls deuten die mantraartigen Gesänge, begleitet von stoischer Perkussion und rohen Keyboard- und Gitarrensplittern, auf Bedrohliches hin. Im “Plasmatic Circle” bereitet ein Geigen-Drone in Verbindung mit Fieldrecordings und Geräuschen Schaudern. Lava brodelt und ein einsetzender, debiler Ethno-Groove und Bretons’ Les Champs Magnétiques bieten dem Wahnsinn Raum, bevor die Reise irgendwo in die Lüfte geht. Auf dem Planeten wartet derweil The Worm und zitiert Hugos’ La Légende des Siècles.
John Avery arbeitet heutzutage vor allem als Komponist für Theater und Film. In den 1980er Jahren war er allerdings Mitglied von Hula, einer Sheffielder Band, die etwas im Schatten von Cabaret Voltaire eine düstere Mischung aus Industrial und Prä-Techno spielte, wie es damals nicht unüblich war. Ein Auftritt zu dieser Zeit in der Roten Fabrik Zürich, hat, im Gegensatz zum anderen Act – The Red Crayola mit Mayo Thompson und Gina Birch – keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die Musik auf Jessica In The Room Of Lights, einem nun wiederveröffentlichten frühen Solo-Album Averys, ist aber von einem, nicht nur nostalgischen, Reiz. Die sieben Kompositionen verbinden verschiedene Spielarten der experimentellen Musik – z.B. die dronige, introspektive Variante des Industrials, Außenaufnahmen, Tapekollagen zu einer nachtschattigen, leicht beklemmenden bis surrealen Atmosphäre, die schon überdeutlich den späteren Werdegang John Averys aufzeigt. Die Stücke mit Stimme – elfenhafter, unkitischiger Singsang der Sängerinnen Anne Loughlin und Catherine Baden – scheinen vom gleichen Geist wie die ersten beiden Alben von Dome, Graham Lewis und Colin Neumanns Wire-Seitenprojekt, beseelt: Die Kontraste von warmen und kalten Klangflächen, eine fast in der Zeit eingefrorene Stimmung. Almost, eine Pianominiatur, könnte wiederum in seiner beinahe klassisch angelegten Struktur auch ein Durutti Column-Stück sein. Wenn man momentan von jungen Minimal Wavisten mit genau diesem Sound aus den Frühachzigern konfrontiert wird, könnte man auch auf die Idee kommen, sich gleich die damals übersehenen Originale zu besorgen.
Für jene, die die Musik des französischen Künstlers Thierry Müller zu schätzen wissen und in ihm einen der wichtigsten Exponenten der – nicht nur – französischen experimentellen Musik sehen, sind in den vergangenen Jahren goldene Zeiten angebrochen, nachdem sie bezüglich neuem Material lange auf dem Trockenen saßen: Wiederveröffentlichungen der wichtigsten Platten des Frühwerks auf verschiedenen Labels und reichlich neue Musik.
Um seine mannigfaltigen Ideen zu kanalisieren erfand Thierry Müller, der ja außer autodidaktischer Musiker vor allem auch Illustrator und Fotograph ist, unterschiedliche Projektgefäße und Konzepte. Die weitgehend improvisatorisch angelegte Musik erscheint, nüchtern, schlicht unter seinem eigenen Namen. Ilitch ist für die konzeptuell-kompositorischen Stücke, die auch mit Lyrik und anderen Texten arbeiten zuständig. Ruth schließlich kokettiert mit der Popkultur im weitesten und engsten Sinne. Letzteres Projekt lag sozusagen seit Mitte der 1980er brach, als es eine Single und das Album Polaroid/Roman/Photo zu unerwartetem Kultstatus in Frankreich brachten und einige Stücke gar auf New-Wave-Samplern landeten. Die schräge Kombination von sphärischem Wave, unterkühlten Disco-Sounds, subtil-ironischen Texten und laszivem Gesang (Fréderique Lapierre) wirkt auch heute noch frisch und clever. Nicht ohne Grund wird das Album unter Minimal Wave – Anhängern hoch gehandelt und wurde von Angular Records kürzlich wiederveröffentlicht. Far From Paradise ist also, wenn man das Popkonzept ernst nehmen will, das Comebackalbum von Ruth. Als Co-Partnerin gewann Thierry Müller die junge Römerin Valentina Fanigliulo aka Mushy, die unter ihrem Künstlernamen auch gerade ein Album veröffentlicht hat. Das Konzept von Far From Paradise ist ähnlich des von Polroid/Roman/Photo. Die Musik wiederum trägt aber beider Handschrift. Müller und Fanigliulo (und, bei einigen Stücken, Luciano Lamanna, Sergio Leone Ruffin (SIC) und Andrea Penso) gelingt es eine süchtigmachende, abwechselnd von schwelgerischen und minimalistischen Klängen getragene, nebliggrau-verhangene Grundatmosphäre zu kreieren, die durch Mushys (und manchmal Thierry Müllers) Gesang/ Rezitation wahlweise eine romantische, ironische, warme, coole oder erotische Einfärbung erfährt. Die seltsam anmutende Verbindung von Krautrock-, Disco-, Wave-, Kammermusik- Elektropunk- oder Gotheinflüssen ist da plötzlich nur logisch und konsequent. Valentina Fanigliulo führt nebenbei die in meinem Gedächtnis lange nicht ergänzte Liste von außergewöhnlichen italienischen Sängerinnen – man erinnere sich z.B. an Luisa Azzaroni, Silvia Grosso oder Zix – fort.
Breathless, Valentina Fanigliulos aka Mushys aktuelles Album ist vielleicht etwas überraschend, ganz im Gegensatz zu ihren Kassettenveröffentlichungen z.B. auf Clan Destine Records oder Six Six Sixties, ein lupenreines Neo-Goth Popalbum geworden. Während auf ihren Kassetten rohe, düstere Klangcollagen und enervierende Beats auf ihren im Gesamtsound eingebetteten Sprechgesang treffen – Musik, die zu unterstreichen scheint, dass der italienische musikalische Untergrund lebendig ist – begibt sich Breathless, für meinen Geschmack etwas zu brav direkt ins 4AD-, Dead Can Dance-, Cocteau Twins-Elfenland. Man wünschte sich aber Some Bizzarige(s). Die Beats stammen von heute, die Mischung aus leicht wabbernden melodischen Synthiemelodien, warmen Hallgesang und romantisch-sehnsüchtigen Texten ist eindeutig den 1980ern entlehnt. Da wirken auch die Gäste von A.R. Kane nicht fehl am Platze.
Mit Aaron Moore, seines Zeichens Mitglied der wiederbelebten Leicester Formation Volcano The Bear, nahm Thierry Müller in mehreren Sessions Material auf, das nun als Doppelalbum Today Is Yesterday’s Tomorrow veröffentlicht wurde. Die aus der Improvisation entstandenen zwölf Stücke sind von einer in diesem Metier eher ungewöhnlichen Heterogenität und Dramaturgie, was für die lange Erfahrung und die verschiedenartigen Interessen von Müller und Moore spricht. Müllers Markenzeichen – krautige und sphärische Einflüsse und Avantrock ergänzen sich mit Moores – Jazz, Soundskulpturen und dronig-inspirierte elektronische Verfremdungen. Die Musik nimmt dann auch immer wieder überraschende Wendungen und Windungen, bis zum Schlußstück, das gar ein akustikgitarriges Folkstück ist, nur durch eine schräge Flötenmelodie, die irgendwo aus dem Synthesizer gekrochen kommt, ironisch gebrochen.
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