Ripples Dezember 2016

December 15th, 2016

Teresa Villaverde – Eine Retrospektive

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In der portugiesischen Hauptstadt löst mittlerweile eines das andere hochkarätige Filmfestival ab: Neben kleineren, die sich auf Subgenres spezialisiert haben und dem ganzjährigen, dem Mainstream fernen, exquisiten Programm der Cinemateca Portuguesa, ziehen die seit einiger Zeit jährlich stattfindenden Indie Lisboa, Doc Lisboa und das Lisbon & Estoril Film Festival (LEFFEST) zunehmend auch eine internationale Kritikerriege an den Tejo.
Während die Gentrifikation in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet und auf ekelhafteste Weise die Altstadtviertel zu einer Art lusitanischem Disneyland umgekrempelt, weiß die Kultur noch nicht so recht, wie reagieren. Das LEFFEST 2016, das sein Zentrum weniger in Estroil als in den beiden übriggebliebenen Programmkinos Monumental und Nimas installiert hat – und somit im eigentlichen kulturellen Mittelpunkt der Stadt abseits der Touristentrampelpfade – setzte sich bei der Programmzusammenstellung auch der Kritik aus. Zu konzeptlos und gedrängt meinen manche, sei das Programm: neben den Wettbewerbsfilmen (meist portugiesiche Vorpremieren, von American Honey über Elle und Dogs bis zu Bertrand Bonellos umstrittenem Nocturama und Jarmuschs Gimme Danger) waren Retrospektiven von Godard, Kusturica, Bonitzer und Teresa Villaverde; daneben auch eine Auswahl von Filmen Jerzy Skolimowski und andere Minireihen, zu sehen gewesen.
Seja como for, die Filme von Teresa Villaverde – sträflich unterrepräsentiert in den internationalen Kulturkinos – auf Leinwand sehen zu können, ist allein schon ein großes Verdienst.
Mitte der 1980er Jahre war Portugal gerade in die Europäische Union eingetreten, aber noch nicht wirklich angekommen gewesen. Die Turbulzenzen der 1974er – Revolution mit seinen teils chaotischen politischen und sozialen Veränderungen, wurden auf Druck der USA und den mächtigen westeuropäischen Länder wieder in ruhigere Bahnen gelenkt; die Großgrundbesitzer, zuvor kurzerhand enteignet, mussten nicht mehr um ihr Hab und Gut fürchten und die Nato nicht, dass Portugal sich dem Warschauer Pakt anschließen würde. Trotzdem, die jüngere Geschicht, die durch die Salazar-Diktatur bedingte Isolation und die Kolonialkriege waren noch lange nicht aufgearbeitet. Die in dieser Umbruchphase der Revolution adoleszenten späteren Filmemacher wurden durch die Ereignisse stark geprägt. João Botelho, Pedro Costa, Edgar Pêra beispielsweise. Und Teresa Villaverde, deren Debutfilm A Idade Maior sich anhand einer Familiengeschichte mit den Rückkehrern aus den afrikanischen Kolonien und den damit verbundenen Traumata für die Zurückgebliebenen (Ehefrauen, Kinder) und die Unmöglichkeit vieler zum Krieg eingezogner Männer wieder in den Alltag zurückzukehren, auseinandersetzt. In den großen Städten Portugals beispielsweise, wurde die im Land damals explodierende Drogenwelle auch durch diese Rückkehrer, die teilweise mit vierzig oder mehr Jahren ihre nicht bewältigten Erlebnisse mit Heroin therapierten und in die Obdachlosigkeit abglitten.
Teresa Villaverdes Filme sind z.B. Im Vergleich zu Costas an Straub/Huilliet geschulte Sprödigkeit emotionaler, stark an den inneren Zuständen der Protagonisten interessiert. Wobei sie die surrealen und symbolisch aufgeladenen Elemente als Stilmittel mit Costa teilt. Dessen großes Thema – die sozial benachteiligten und zu bestenfalls, wenn überhaupt, zu Hilfskräften degradierten Einwanderer aus den früheren Kolonien, die im Bauwesen und als Reinigungskräfte ausgebeutet werden, die die großen Einkaufszentren errichten und unterhalten, es aber es sich nicht leisten können mit dem Lohn ihr Leben zu bestreiten. So waren bis weit in die Neuziger Jahre an den Stadträndern von Lissabon und teilweise auch in der Stadt Wellblechhüttensiedlungen omnipräsent.

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Tereas Villaverde spielte schon als sehr junge Schauspielerin in João César Monteiros  À Flor Do Mar eine kleine Rolle und arbeitet immer schon auch als Texterin und Drehbuchautorin. Auch Dokumentarfilme bereichern ihr Ouevre. Die Spielfilme, vorallem die Trilogie, die in den 1990er entstanden ist – A Idade Maior, Três Irmãos, Os Mutantes  handeln meist von Adoleszenten in schwierigen Lebensumständen. Traumatisiert, gestrauchelt, obdachlos oder in prekären Erziehungsanstalten eingesperrt, nähert sie sich in ihrer Filmsprache – gleichsam rauh und behutsam – an diese extremen inneren Zuständen, Verletzungen, Überschreitungen und Wendungen der Protagonisten an. Neben einigen bekannten portugiesischen Schauspielern wie Beatriz Bartada, Joaquim de Almeida, Maria de Medeiros oder Ana Moreira besetzt Teresa Villaverde die Rollen überwiegend mit Laiendarstellern.
Transe (2008) ist ein in drastischen Bildern erzählter Film über Menschenhandel, Prostitution und illegale Imigration. Àgua E Sal (2001) dagegen – wie auch Cisne (2011) – wirkt introspektiver: Ein ruhiger, poetischer Film, der in meditativer Annäherung die Gedanken der Hauptdarstellerin Galatea Ranzi begleitet, die an einem Haus am Meer versucht ein Projekt in die Wege zu leiten, aber nicht die innere Ruhe findet. Alles, was sie bräuchte, ist, dass die Zeit stehenbleibt. Cisne mit Beatriz Bartarda in der Hauptrolle setzt sich mit der Einsamkeit des Künstlerdaseins auseinander. Im Hintergrund spielt wieder eine Geschichte von einem gestrauchelten Jungen, der ein Geheimnis mit sich trägt. Ein neuer Film – Colo – wird in diesen Tagen in Portugal anlaufen.

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