Ripples April 2017
April 3rd, 2017
Kraak Festival Bruxelles 2017
Kraak: Den belgischen Spezialisten für alles, was kulturell “offstream” anzusiedeln ist, gelingt seit Jahren das eigentlich schwer vorstellbare Jonglieren mit unterschiedlichen musikalischen Avantgardedisziplinen und Mikroszenen. Mit der seltsam-schönen Musik von z.B. Calhau!, Sea Urchin oder Typhonian Highlife war 2016 wieder ein außergewöhnliches Labeljahr gewesen. Und 2017 verspricht ähnlich aufregend zu werden. Die Zeitschrift The Avant Guardian kann sich mit seinen Themenschwerpunkten und exklusiven, anderswo nicht zu findenden Interviews mehr als sehen lassen und das außergewöhnliche Konzertprogramm, für das sich Kraak in verschiedenen belgischen Städten verantwortlich zeichnet, sucht seinesgleichen.
Höhepunkt der konzertanen Aktivitäten ist ohne Zweifel das jährliche Festival, das nun seinen Platz im Beursschouburg, dem Theater an der Börse, inmitten in der ansonsten immer noch erstaunlich untrendigen, verwitterten Innenstadt, in der trotz erhöhten Sicherheitsbedingungen mit Straßensperren und massiver Militärpräsenz, sich abends alle Schichten und Szenen zum Ausgehen treffen.
Vielleicht zweihundert Zuschauer und der Gounden Zaal des alten Theaters ist gut gefüllt. Wie auch schon in den vergangenen Jahren ist das Festival am Haupttag ausverkauft. Und das hat auch damit zu tun, dass nun auch zunehmend ausländische Verrückte den Weg nach Brüssel einschlagen, um sich vom stilistisch breitgefächersten und gleichzeitig hochkarätigsten Programm seit den Klangbad-Zeiten in Scheel überraschen und bezaubern zu lassen.
Zur Eröffnung am Freitagabend hängt der erklärte Tonkünstler Johannes Bergmark an Pianosaiten von der Decke des Gounden Zaals und wartet, in der Luft zu Loungemusik hin-und her pendelnd, geduldig darauf, dass die zögerlich Eintreffenden sich in den Konzertsaal vortasten. Mit zwei Holzstäben ausgestattet, tritt er dann in Aktion, kreiert überraschende Lärmkaskaden und bringt das Material durch das ständige Malträtieren schließlich zum Splittern. Bergmark wird einen auch am Samstag und Sonntag begleiten und seine improvisatorisch-gestalterische Bandbreite, die bis zu einer Lesung im Café reicht, zur Schau tragen.
John Lunds liefert dann, nachdem er sich etwas überhastet einen Platz inmitten der Zuhörer geschaffen hat, eine gleichfalls atemlose wie überdreht-dadaistische Saxophonperformance ab. Der dänische Musiker zitiert Free-Jazz Meisterwerke und Eigenes auf bizarre Weise, lässt Noten weg, spielt zu schnell, wirkt wie in einem bizarren Cartoon… und macht sich folgerichtig nach 25 Minuten wieder aus dem Staub.
In einer anderen Ecke des Saals verführen uns die beiden Südfranzosen von Nibul mit beseelter Trancemusik. Das durch den Mixer geschickte Saxophon und die tribalistischen Perkussions ziehen buchstäblich in den Bann; und in den Gesichtern der Musiker aus Toulouse paaren sich Entrücktheit mit erstaunlichen Varianten des Grinsens. Wer könnte da noch behaupten, dass das schamanistische Hippietum seine beste Zeit in den Siebzigern gesehen hat.
Danach kommt es mit Hiele Martens, dem gemeinsamen Projekt der beiden belgischen Komponisten Lieven Martens Moana und Roman Hiele – zu einem ersten Höhepunkt in diesem an Außergewöhnlichem nicht geizenden Programm. Elektronische Musik und Piano, eine sich ständig verschiebende tönende Klangmasse, die sich im Raum verteilt und permanent andere Elemente in den Vordergrund bringt und andere wieder hinter die Kulissen dieses brodelnden Wahnsinns treibt. Wir hören ein Gemisch, das Neue Musik-Größen wie Xenakis oder Kagel, Noise, Folk und düsterer Elektronik zitiert und logisch vereint. Alles wird ins Spiel gebracht und die Summe ist, wie man so schön sagt, weit mehr als die einzelnen Bestandteile. Lieven Martens Moana hat auf dem Kraak-Label eine schöne LP mit Tapemusik veröffentlicht, die sowohl Anleihen an die GRM-Epigonen wie eine Hommage an Messians Affinität für die gefiederten Geschöpfe und Naturverbundenheit zum Thema hat. Roman Miele hat Unterschiedliches auf belgischen Labels veröffentlicht; seine Musik lässt oft abstrakte, rhythmische elektronische Musik auf vermeintlich akademisch Zeitgenössisches treffen. Hiele und Martens planen für dieses Jahr eine Platte auf dem Antwerpener Label Ultra Eczema herauszubringen.
Zum Abschluss des ersten Tages gibt es dann die melancholisch-brutalistische Techno-Hommage von Steven Warwick, vormals mit Luke Younger für Birds of Delay verantwortlich zeichnend.
Nun konnte man sich noch zum DJ-Set der beiden sympathischen Zeitgenossen von Calhau! ins Café begeben, wo es ähnlich stilübergreifend wie den ganzen Abend zuging.
Ande Somby ist stark von der Yoik-Tradition der Sami geprägt, was auch sein familiärer Background ist. Von seinen Eltern vermittelt, klingen seine poetischen Lieder, in unseren Breitengraden, fernab jeglicher Spur von Wildnis, noch verstörender als wahrscheinlich ohnehin schon. Seine Widmungen und Interpretationen von Geschichten über Tiere und Menschen übertreffen in seiner Intentizität und Schrägheit manchen Avantgardeentwurf. Vor jedem Song erzählt Somby den Hintergrund. Von der Fliege über das Moskito bis zum finalen Einsamkeitsgeheul des Wolfes.
Mit Beatriz Ferreyra gab sich eine wahre Pionierin der EA in Brüssel die Ehre. Die vier Kompositionen, die sie dem staunenden Publikum vorstellte, umspannten eine große Zeitspanne. Ein Stück für Tape, zwei Computer – und eine Vokalkomposition zeigten auch die Vielfalt der Zeitgenössin von Guy Reibel und Pierre Schaeffer. Ihre Musik ist durch das wirkungsvolle und kontrastreiche Aufeinandertreffen von melodisch-sinnlichen mit trocken-herben Elementen geprägt. Kleine Versatzstücke, z.B. aus einem Tangolied werden subtil in den Klangteppich eingewebt und wirken sympathisch-irritierend in den dramatisch angelegten Kompositionen.
Henry Andersen, visueller Künstler und Komponist, wird im Mai ein Album auf Kraak veröffentlichen. Und ähnlich genreübergreifend war auch sein Auftritt. Simultan mit einer befreundeten Künstlerin liest Anderson scheinbar willkürlich aneinandergereihte Wortreihen, verschiedene Sprachen durcheinandergewürfelt, vor; kleine Fehler in der Koordination, Versprecher oder einsetzender Lärm vom Band im Hintergrund, die den Vortrag übertönen, sind unbewusste oder gezielt eingesetzte Stilmittel, die vielleicht, so Anderson, auch etwas über den Vorleser verraten könnten. Konzeptkunst, Cage und Lacan klingen auf dem Papier arg trocken. Nichts davon beim Livesetting; wo dann der theoretische Ansatz durchaus Unterhaltungscharakter annimmt.
Annelies Monseré kann man durchaus als elfische Schwester von Delphine Dôra und Valérie Leclercq sehen, da sie ebenfalls in diversen belgischen Mikroszenen aktiv ist und einer ganz eigenen, aber immer der Introspektion zugeneigten Musik nahesteht. Ihr Vortrag setzt dann auch einen Kontrapunkt zum bisher Gehörten. Anstatt Data-Overflow die kurzzeitige Rückkehr zum Handgemachten. Mit Gitarre und Klavier stellt die Musikern aus Gent überwiegend Stücke von ihrem letztem Album vor, eine Musik, die durch ihre leise Intensität – beinahe alle Songs sind repetierende, langsame, melancholische Mantras und stimmungsmäßig immer inmitten der blauen Stunden angesiedelt – enorme suggestive Kraft ausstrahlt. Anleihen an Folk-, Drone, Choral – und Minimalmusik beschwören eine geisterhafte Stimmung herauf, die zusätzlich durch den aufgelegten Hall in der Stimme unterstrichen wird und doch jeglichen Kitsch vermeidet.
Dann, erneuter Stilwechsel: Festoen – Linde Carrijn und Laura Vroom – , der freien Theaterszene aus Gent zugehörend, interpretierten als Mumien verpackt vier Szenen zu einem infernalischen Industrial-Lärmwall vom Band.
Die Geheimniskrämer von Moleglove – in persona die Column One – Nachfolger Robert Schalinski, Rashad Becker und Jürgen Eckloff – reihen sich dann, mit klobigen Maulwurfmasken/köpfen anomysiert in einer Reihe vor ihren Gerätentischen stehend, auf, wie eine aus dem Ruder gelaufene Familienaufstellung. Eine Hommage an The Residents? Eher nicht, Moleglove präsentieren heute Abend verschwurbelte, in unzähligen Layern übereinandergelagerte abstrakt-trockene Musik, die anstrengend und intensiv ist, aber auch die Fähigkeit die Aufmerksamkeitsspanne aufrecht zu erhalten, arg auf die Probe stellt.
Während dann mit dem New Yorker Frank Hurricane, dem alles verwurstelnden Entertainer zwischen Eugene Chadbourne und R. Stevie Moore für zwischenzeitliche Auflockerung gesorgt wird, gebe ich mir im Café die finnischen, aus der Improvisationsszene stammenden, aber nun Death Metal (was wohl allen Skandinaviern ohnehin so nebenbei in die Wiege gelegt wird) spielenden Pymathon. Schwer zu unterscheiden, ob es sich bei der Gruppe um Pastichekünstler oder Überzeugungstäter handelt, unterhaltsam ist es allemal.
Techno is back!, so das Programmheft, zur Beschreibung von Inhalants, dem Saalräumer am Samstagabend.
Im Café gibt es dagegen mit den Straßburgern Zad Kokar & Les Combi Beyaz eine wunderbare krude Mixtur aus No Wave, Anarcho-Dadaismus und Half Japanese zu Zeiten von Half Gentlemen/Not Beasts. Mit ihren Masken wirken sie wie eine Fasnachtscombo auf Trip. Trommelnd und Fanfaren schmetternd stürmt das Trio auf die Bühne und dann beginnt der wirkliche Wahnsinn: mit der schneidend-fräsenden Gitarre à la Metal Urbain von Mastermind Zad Kokar, der dann nach und nach unverständliche Parolen in den Lärm hinein schreit, entsteht ein Gebräu, das man vielleicht als tribalistische Partymusik bezeichnen könnte. Nie waren sich Free Jazz und Punk so nahe.
Während im Beursschouburg am Sonntagmoren Brunch angesagt ist, wandere ich zum Zentrum für Zeitgenössische Kunst – Wiels – , dass ein schönes Exempel für ein gelungenen renoviertes Industriedenkmals ist , und das, man befindet sich ja in Belgien, früher eine Brauerei war.
Duncan Campells an die klassische Dokumentation angelehnte Filme und Sven’t Jolle kapitalismuskritische Skulpturen und Installationen konkurrieren mit dem atemberaubenden Blick auf Brüssel vom Dach des Wiels.
Zurück bei Festival: Mit Ameel Brecht, der einen Hälfte von Razen, beginnt der Sonntag im Café auf die denkbar subtilste Weise. Im Gegensatz zu seinem Bandprojekt, widmet er sich hier ganz dem klassischen Gitarren- und Mandolinenspiel. Seine scheinbar komplett aus der Zeit gefallene instrumentale Musik erinnert an die Barock- oder Renaissance-Zeit.
Julie Normal spielt Ondes Martenot, ein frühes elektronisches Instrument, das 1928 von Maurice Martenot erfunden wurde und von dem heute nur noch wenige Exemplare existieren. Das museumsreife, fragile Instrument ist mit dem Theremin verwandt und das System beruht, laut Lexikon, auf dem Prinzip des Schwebungssummers. Zusammen mit Olivier Demeaux, der Harmonium spielt, sind sie Accident aux Travail aus Strasbourg. Ihr schöner Auftritt am verregneten Sonntagnachmittag lädt zum traumreisenden Zuhören auf den ausgelegten Matratzen im Saal ein. Filigrane Melodien spinnen sich um den dronigen Grundton des Harmoniums, wahre imaginäre Musik, die an Abenteuer in fernen Welten denken lässt, ohne die kompfortable Position aufgeben zu müssen.
Dass Brunhild Meyer Ferrari vielmehr als nur die Ehefrau von Luc war, wissen die der elektronischen und der EA-Musik zugeneigten, schon seit langem. Zum Ausklang des Festivals konnte man, wiederum in horizontaler Körperposition, einem der raren Livedarbietungen der Komponstin, die außer mit dem Grm-Umfeld auch z.B. mit Christoph Heemann zusammenwirkte, beiwohnen.