Ripples
March 31st, 2025
Nina Garcia @ Méteo Festival 2024
Maria Bertel / Nina Garcia – Knaekket Smil
Venediktos Tempelboom – Syne Vuyle Hoeck
Maibaum – Sumer is Icumen In
Frituuur – Aconcagua
Eve Aboulkheir – Hypnagogic Walks
Aya Suzuki- Winged Seeds
Delphine Dora – The Great Passage
Clara Levy – outre – nuit
Nina Garcia, Pariserin, ist beim Méteo-Festival in Mulhouse eine gern gesehene und geschätzte Musikerin. Für die Aufführung des Stücks De haut en bas, de bas en haut et latéralment, das gemeinsame Projekt mit dem Perkussionisten Romain Simon, der Choreographin und Tänzerin Anna Gaïotti und bildenden Künstlerin Jennifer Caubet, bot sich der Mulhouser Kulturtempel La Filature als idealer Ort an.
Im verdunkelten kleinen Konzertsaal der Filature kann man nur die angestrahlten Skulpturen von Caubet und die Konturen der Künstler erahnen. Das Stück vereint Konzert und Choreographie, spielt musikalisch die klassische Dramaturgie von kaum Hörbaren bis berstenden Noise und zurück zur Stille; bereichert und interpretiert von der sich von bizarrer starrer Pantomime in Ekstase performenden Anna Gaïotti.
Noch kompromissloser geht es auf dem Album von Nina Garcia mit der dänischen Posaunistin Maria Bertel zur Sache. Von Musik auf leisen Sohlen keine Spur; auf dem Album Knaekket Smil (Kraak) pusten die Beiden dem geneigten Hörer mit intensiven, bis auf das absolut Wesentlichste reduziertem Instrumentarium und schillerndem Lärm der Kategorie Oberton die Ohren frei. Da werden vor dem Haus gar die bemitleidenswerter Stadtangestellten mit ihren leidigen Laubbläsern abwechselnd blass vor Neid und rot vor Zorn. Lässt man sich auf das Album von Nina Garcia und Maria Bertel ein, entdeckt und begeistert man sich nach und nach für diese geniale Mischung aus New Wave, Free Jazz, Punk und reinem Noise.
In ähnlich melancholischen Fahrwassern wie Razens’ Ameel Brecht auf seinem Solo-Album Polygraph Heartbeat oder die frühen Ignatz-Veröffentlichungen bewegt sich Benoit Monsieurs aka Benediktos Tempelboom auf seinem zweiten Album (nach dem Tape Het Vuil Volkske) für Kraak.
In den Weiten Flanderns ist man den “primitive American” – Pionieren scheinbar näher als irgendwo sonst in der Welt. Mit seiner 12-Saitigen erschafft Monsieurs atmosphärisch – dichte Klanglandschaften, die auf verfüherische Weise Einsamkeit, Weite und Düsternis atmen und einen tief in eine transzendente Meditation von Drones, acid-getränkten Folk verschwinden lassen. Pure Magie!
Der Franzose Quoté Thirionet dockte vor einigen Jahren an die gut vernetzte Off-Stream-Szene von Brüssel und Ghent an, spielte dort in unterschiedlichsten Bands (Dhavali Giri, Pairi Daeza) und hielt sich mit Jobs in Fabriken finanziell über Wasser. Das Interesse für Botanik führte Thirionet nun aber zurück ins franszösische Hinterland, wo er nun Heilpflanzen für die Medizin anbaut und in Sachen Musik auch zu so etwas wie ein Gärtner wurde. Sein eigenes Label Echotape lebt von spontanen Veröffentlichungen und unerwarteten Resultaten mittels Improvisation; Sumer is Icumen In ist in irgendwie das genaue Gegenteil: das Album ist über einen längeren Zeitraum aufgenommen und gemixt worden und erscheint auf drei Labels gleichzeitig.
Eigentlich spielte Thirionet in einem früheren Leben Klarinette, Piano, Banjo, Gitarre, Flöte und baute selbst Instrumente und all diese Komponenten fließen immer noch in seine Musik ein, die aber nun gänzlich mit einem Kassettenrekorder, einem Sequenzer und Samples gespielt ist.
Seine Affinität für Paganismus und traditionelle Folkmusik, insbesondere die britische, bricht sich Bahn in den verschwurbelten Montagen seiner Songs, fein-eingeflochteten Melodien, immer mit einem Akzent Mystizismus und nicht zuletzt im Namen Maibaum (da ist er dann auch nicht weit weg von den deutschen Protagonisten dieser Neo-Mythen-Szene wie Baldruin, Brannten Schnüre und Läuten der Seele).
Die zwischenzeitlich oder noch im Brüsseler Exil lebenden Südamerikaner Nicolás Caracavilla, Pablo Picco und David Jarrin Zabala entschlossen sich während der Covid-Zeit in guter alter Tauschmanier, das heißt, mittels hin-und her schicken von musikalischen Ideen und gegenseitigem Ergänzen, ein Album zu produzieren. Die Kassette Frituur Aconccagua (die Mélange des höchsten Punktes des amerikanischen Kontinents mit dem belgischen Nationalgericht) passt perfekt in das Universum von Kraak; eine kongeniale Verbindung von unterschiedlichesten Einflüssen abseits allem Gängigen. Wie ein experimentelles Radiohörspiel aus einer anderen Zeit, in dem Kurzgeschichten akustisch dargeboten werden, taucht man schnell in einer Klangreise durch unentdeckte Gebiete ab.
Titel wie Liana Del Anima, El Chacal de Xrambaso oder Confesiones de un Challualagarto versprechen nicht zuviel und das Instrumentarium der Musiker weist neben dem Standard-Outfit wie Synthesizer, Sampler oder Gitarren auch unter vielem anderen Flöten, Gamelan, Trompete, Mandoline, Feldaufnahmen, Schallplatten auf.
Ritualistisch-anmutende Zeremonien, von Gitarren und Feldaufnahmen getragener Free Folk lassen einen in rätselhafte Straßenszenen irgendwo in der Welt versinken, Urwälder durchstreifen oder verloren im Weltraum schweben. Musikalisch verwandeln sich psychedelisch aufgeladene und geschredderte Melodiefetzen in versteckte Ohrwürmer einer anderen Dimension.
Der Albumtitel Hypnagogic Walks beschreibt die unkonventionelle Musik der jungen Quereinsteigerin Eve Aboulkheir, die in Nizza an der Schule für Feine Künste studiert hat, ziemlich gut. Ähnlich wie ihre ebenfalls französische Zeitgenössin Bérangère Maximin ist in ihren Kompositionen vieles möglich, was die gewohnten Rahmen elektroakustischer Musik wie man sie kennt, sprengt. Die akusmatischen Tonlandschaften, die Aboulkheir mit elektroakustischen Manipulationen und modularen Synthesizern kreiert, klingen wie spukhaft aufgeladene Odyseen durch trübe Gewässer oder einsame Expeditionen im All, manchmal geht es aber in ihren abstrakten Travellogues auch irdischer zu, sind ihre Kompositionen doch teilweise auch von ihren Reisen inspiriert.
Aya Suzuki hat es, nachdem sie sich schon im jungen Alter mit Musik befasste und später an der Toho Gakuen School of Music studierte, nach Belgien verschlagen, wo sie einige bemerkenswerte Stücke solo oder mit Ensembles einspielte. Das Album Winged Seeds für Kraak bietet so etwas wie einen profunden Überblick über ihre Variabilität in Sachen Perkussion. Beim Hören der sechs melodisch bis spröde anmutenden Kompositonen für Vibraphone, Auphone, aber auch für vier Topfpflanzen und Sprechen, lassen die chaotisch-beschleunigte Welt für 45 Minuten innehalten und schärfen die Sinne für die verloren geglaubte Schönheit des Daseins und der Welt.
Einzigartig und von unvergleichbarer Exzentrik sind die Veröffentlichungen von Delphine Dora schon seit den Anfängen mit Kassettenveröffentlichungen. Als wichtiges Bindeglied fungiert sie auch zwischen den überaktiven Off-Stream-Szenen aus Nordfrankfreich und Brüssel. Le Grand Passage bezieht sich auf Simone Weil und, konkret, ihre mystischen Erlebnisse, die idealerweise eine Brücke zwischen dem Menschsein und der Göttlichkeit mittels Meditation bauen sollen. Mit Piano und Stimme und teils erfundender Sprache ist Delphine Dora auf den acht Songs, die wie fragil-sinnliche Mantras anmuten, auch auf der Spurensuche nach einer eigenen Transendenz und verknüpft die Stimmung eines dunklen Mittelalters mit dem noch dunkleren Jetzt.
Vergleichbar mit Laura Cannells The Rituals Of Hildegard von Bingen bekommt man eine jeden Kitsch missachtende fesselnde Musik unterbreitet, die das Nebenbeihören verbietet. Das konsequent am richtigen Ton Vorbeisingen Delphine Doras ist dabei nur ein Markenzeichen, das ihren Status in den Kreisen der Außenseiterkünstler unterstreicht.
Das Album der in Brüssel wohnenden Französin Clara Levy für das Subrosa-Label bietet eine idiosynkratische Zusammenstellung ihrer musikalischen Vorlieben und soll in einer Welt der kompletten, sinnlosen Überreizung ein Angebot für ein intensives Abtauchen mit der Suche nach dem Inneren des Tons sein.
Als Violinistin mit mehreren Ensembles für Neue Musik zusammenarbeitend – Onceim, Ictus oder Hanatsu Miroir – und auch in Improvisations-Projekten beteiligt, hören wir hier Hörmeditationen der besonderen Art mittels Interpretationen von zentralen Stücken der Neuen Musik: Giacinto Scelsi, Kaija Saariaho, Erika Vega, Eva-Maria Houben und auch zwei eigenen Kompositionen.