Ripples

April 25th, 2022

Otherworld – Mad Wee Light
Time Binding Ensemble – Nothing New Under The Sun
Teresa Winter – Drawning By NumbersN
café kaput – maritime: themes & textures
Stealing Sheep & The Radiophonic Workshop – La Planète Sauvage
Movietone – Peel Sessions

 

Die umtriebige multidisziplinäre Glasgower Künstlerin und Musikerin Kay Logan kann auf eine kleine, aber treue Fangemeinde zählen, zu der auch die Macher des Londoner Kit Records—Label zu rechnen sind, die zwei so unterschiedliche wie brilliante Alben Logans kürzlich auf Vinyl wiederveröffentlichten und ihnen damit ein würdiges Format angedeihen ließen. Kay Logan machte sich in der Glasgower Undergroundszene mit Gruppen wie Anxiety und Herbert Powell und Verbindungen zum einflußreichen Night School-Label schon einen Namen, bevor sie solo als Helena Celle, Otherworld oder dem Time Binding Enemble zusätzliche Verwirrung stiftete. Das Album Mad Wee Light, dessen Kompositionen lose an solch uneinsortierbare und stilprägende Gruppen aus dem britischen Post-Punk-Underground wie Zoviet France, Legendary Pink Dots oder Nocturnal Emissions erinnern und doch zeitgemäß klingen, verströmt einen Hauch von solitärer Außerweltlichkeit. Die mit Synthies und Tapeaufnahmen von diversen Instrumenten eingespielten Aufnahmen sind miniaturisch angelegt. Die siebzehn Stücke ziehen einen mit ihrer unfertig wirkenden, windschiefen Atmosphäre unweigerlich in den Bann. Grundsätzlich immer von einer Melodie ausgehend, driftet die Stimmung der Stücke fließend zwischen Noise und meditativen Klangflächen: verschwommene Nebellandschafen, unwirklich-spukhafte, sturmumtöste, einsame postindustriellen Landschaften kommen einem in den Sinn. Reduktionistische Loops und Drones verbinden sich zu einem melancholischen Nachhall britischer Folklore.

Nothing New Under The Sun, Kay Logans neo-klassisches Seitenprojekt unter dem Namen Time Binding Ensemble, beschwört in 24 gleichlangen Teilen á 3.40 Minuten eine ähnliche elegische, unwirkliche Stimmung herauf, aber mit einem anderen Konzept. Inspiriert von der bröckelnden Architektur der brutalistischen St. Peters Kirche im Umland von Glasgow und den Schriftstellern Alasdair Gray und Austin Osman wurde die Musik mit einer Computersoftware komponiert. Als Hörer kommt man nicht umhin, sich von den teilweise mit einer nicht klassifizierbaren Patina überzogenen Streich- und Bläserarrangements in eine beinahe transzendale Stimmung versetzen zu lassen. Wie in einem Kreis oder einer Sonnenuhr durchwandern die einzelnen Stücke alchemistisch die Tonskalen und Stimmungen und damit das ganze emotionale Spektrum.


Teresa Winters neues Album lässt diesesmal eine ihrer speziellen musikalischen Vorlieben, die Samples von verwaschenen Diskobeats, die eine melancholische After-Rave-Party-Stimmung suggerieren, außer acht. Sie widmet sich aber auf Drowning By Numbers dafür umso mehr den magisch-aufgeladenen okkulten Scheinwelten, denen man beispielsweise in gälischen Sonnenwendenriten oder den so geheimnisvoll wie abstrakten Filmen Peter Greenaways begegnet. Musique Concrète, Feldaufnahmen, eine Erzählstimme, elektronische oszillierende Klangflächen wie auch Schnippsel von Michael Nymans Soundtrack für Greenaways Film dienen ihr als Quellen, um eine dichte, aber weitgehend ruhige und seltsame musikalische Landschaft zu modellieren, die manchmal an die Größen der der Library-Music wie Delia Derbyshire oder Daphne Oram erinnern könnte, wenn sie denn während ihres künstlerischen Werdegangs am Punk geschnuppert hätten.

café kaput ist eines der alter egos von Cate Brooks – formerly known as Jon Brooks – die sich mit zahlreichen Veröffentlichungen mit subtilsten bis spukhaften elektronischen Kleinoden einen Namen im britischen musikalischen Untergrund gemacht hat, und sich nun mit ihrem neuesten Album – maritime: themes & textures – wieder bei Frances Castles Label Clay Pipe Label zurückmeldet. Bei den Veröffentlichungen als Advisory Circle für das Ghost Box-Label bewegt sich Brooks mehr im Library Music-Kontext und die Stücke sind seriell oder konzeptionell angelegt. Bei denen auf dem eigenen Label oder für Clay Pipe geht sie zwar auch von einem festen Thema aus, die Musik wirkt aber freigeistiger und persönlicher. Von ausgesuchter Schönheit und versteckten Geheimnissen sind die mit elektronischen und akustischen Instrumenten

komponierten Stücke um das Thema Segeln und Seefahrt auf dem aktuellen Album. Die maritime Stimmung und Atmosphäre wird auch hier mit einer größeren Prise Melancholie angereichert. Inshore Waters, Mid December oder A Surface Like Glass sind dann auch passende Titel für die ruhig dahinfließende Musik Brooks, die irgendwo an die genialen Außenposten-Soundtraks aus dem Niemansland von Harmonia und Eno anknüpft.

Die Art-Pop-Band aus Liverpool Stealing SheepRebecca Hawley (vocals, keys), Emily Lansley (vocals, guitar, bass), Luciana Mercer (vocals, drums) – ist seit ihrem Debut 2010 immer wieder für Überraschungen gut. Nicht nur klingt die Musik auf ihren Alben stets sehr unterschiedlich und verbindet im weitgesteckten Universuman der elektronischen Popmusik Catchyness mit Verquerem, Geheimnisvolles mit Abstraktem. Insbesondere bei Live-Auftritten kann das Konzept einer Band, die nicht nur schlicht ihre aktuellen Songs darbieten möchte, in alle unvorhergesehen Richtunge ausgeweitet werden. Spektakuläre Lichtshows, bis zu 40 Schlagzeuger oder Tänzer, die sich zum Trio dazugesellen oder schräge Kunstperformances; vieles ist bei einem Auftritt von Stealing Sheep möglich.

Nun, mit ihrem aktuellen Album, das zum Jubiläum der wegweisenenden Pionierin der elektronischen Musik – Delia Derbyshire – erscheint, ist ihnen aber fraglos ein weiteres Meisterwerk gelungen. Zusammen mit dem wiederbelebten BBC Radiophonic Workshop um Bob Earland, Dick Mills und der klassischen, aus der Zeit gefallenen Erzählstimme von Roger Limb vertonen Stealing Sheep die distopische Science Fiction Animation La Planète Sauvage von René Laloux aus dem Jahre 1973, die mit surrealistische-dadaistischen Elementen und einem psychedelisch-jazzigen Soundtrack zwar einerseits gut in die Zeit passte, aber aufgrund seiner Originalität auch ein Meilenstein des Genres darstellt.
Die Kombination des BBC Radiophonic Workshop mit den nervösen bis ambienten Klanglandschaften von Stealing Sheep, die immer wieder mit Einsprengseln von genialen Melodieeinfällen aufgelockert werden, ist schlicht unwiderstehlich.

In den 1990ern verband man Bristol musikalisch natürlich in erster Linie mit Trip Hop und den Megaseller-Alben von Portishead, Massive Attack und Tricky. Daneben entstanden in der Stadt am River Avon aber auch andere Mikro-Szenen, die teilweise bis heute und bei Bands wie Tara Clerkin Trio ihre Spuren hinterlassen haben und die nun den Geist dieser stilprägenden Szene weitertragen. Kate Wrights und Rachel Brooks Band Movietone veröffentlichte zwar nur drei Alben, aber die verschiedenen Gastmusiker gründeten später nicht minder stilprägende Bands wie Third Eye Foundation, Crescent oder Flying Saucer Attack. Movietone hätten mit ihrer ruhigen und subtilen Musik, die ganz eklektisch, sich stilistisch irgendwo zwischen dem experimentellen Geist der frühen Rough Trade-Veröffentlichungen und dem melodischen Freeflowing der Canterbury-Szene bewegte, größere Aufmerksamkeit verdient gehabt und ähnlich wie Broadcast und Sterolab einen Kultstatus erlangen können. Die bislang unveröffentlicht gebliebenen Peel-Sessions machen dies nochmals deutlich.

Kay Logan, Time Binding Ensemble, Otherworld

Movietone

http://www.firerecords.com

http://www.claypipemusic.co.uk

http://www.teresawinter.bandcamp.com

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