Ripples
June 19th, 2016
Razen – Endrhymes
von Calhau! – ú
Sonderbare Musik für sonderbare Leute, d.h. in diesem Fall zwei neue Produktionen auf Kraak.
Razens “hardcore melodic minimalism & raw dystopian deep listening” schlägt mit Endryhmes ein weiteres Kapitel auf und zieht den geneigten Hörer mit luzider, den Lunatismus fördernder abstrakter Schönheit in den Bann. Man darf, ohne der Überheblichkeit verdächtigt zu werden, den Großteil des mittlerweile immensen jährlichen Outputs an mehr oder – meist – weniger gelungenen Versuchen, dem Inneren des Tons auf die Spur zu kommen, außer acht lassen, wenn man dafür der faszinierenden Musik von Brecht Ameel (Monochord), Kim Delcour (Bagpipe, Shawm, Tenor Recorder) und David Poltrock (Ondes-Martenot, Sequencer & Modular Synthesizer) gewahr werden kann. Die eigenartige Mischung ihrer Musik, gespielt mit altertümlichen Instrumenten, die teilweise von den Musikern nachgebaut werden und – als scheinbar logischer Kontrapunkt – Sequenzern/Synthesizern münden in eine pulsierende, verdichtete Fusion aus dudelsackartigem Obertonpfeifen und Futuristisch-Elektronischem. So, beispielsweise beim Eröffnungsstück Reaper. Sorcerer beginnt langsam, suchend: elektronisches Knistern wird von fernöstlich anmutendem Bagpipes überlagert und wechselt ins Unheimliche. Ein Stück zwischen Klangforschung und Spiritualität. Piper mäandert, getragen von Gezupftem dahin, nicht weniger sinnschärfend; bei Sleeper hört man wieder eine Art Balkan-Klezmer – Sound, der repetiv-obertonaffin am ehesten dem – in der belgischen Presse erwähnten – Vergleich mit dem Minimalism Steve Reichs standhält. Live spielt Razen meist im Rahmen eines internationalen Avantgarde-Lineups und fühlt sich dort bestens aufgehoben. Der Heimathafen Kraak, mit seinem nach allen Richtungen hin offenen Raster ist da fraglos auch das ideale Label für Razen.
2006 trifft Marta Ângela Baptista an einem Workshop, der das Bauen von elektronischen Instrumenten vermittelt; João Alves, der den Kurs leitet. Seitdem widmen sie sich, privat und künstlerisch, ihrem gemeinsames Projekt – von Calhau! – bei dem sie, ganz der Multidisziplinarität anhängend, Musik, visuelle Künste, Performance, Filme wild aufeinanderprallen lassen. Beide belegen auch an der Kunstakademie Porto die Sparte “Visuelle Künste”.
Der musikalische Part alleine, also ohne die teils spielerische, teils provokative Bühnenpräsenz, benötigt die visuelle Unterstützung widerum nicht, um auf ihrem Album für Kraak – ù – zu einem überzeugenden Resultat zu kommen. Die ebenfalls, allerdings schon in den 1980ern, aus der Kunstakademie entsprungenen DDAA, kommen einem bei dem Konzept von “von Calhau!” unweigerlich in den Sinn: Kunstvoll gestaltete Plattenhüllen, ein theatralisches Element auf der Bühne, das sowohl in einem Konzertsaal wie in einer Galerie auf Unverständnis stößt und subtil provoziert, und eine zwischen Strenge und Verspieltheit angesiedelte Musik, die Art Bruit, DADA, Alfred Jarry, Fake-Ethno-Elemente, Improvisation und Punk-Roots als Referenzpunkte verbindet.
Auf den fünf kurzen Stücke der ersten Seite des Albums singt Marta Baptista mit einem beschwörenden Singsang in einer Fantasiesprache, aber auch in Latein, Französisch, Englisch und Portugiesisch gegen die schrillen, eiernden, minimalisten elektronischen Klanggebilde an, die auch mal von Trompetenfanfaren, Trommelwirbeln unterbrochen werden können. Bei Uruburru mutiert das Singen zum mysteriösen Gurren; S, bei dem Marta Baptista in verschiedenen Sprachen Wörter, die mit diesem Buchstaben beginnen, herunter”betet” hat einen dunklen Nico-Touch.
Höhepunkt ist fraglos A Côrte D’Urubu, das die ganze zweite Seite einnimmt und mit der Unterstützung des Santa Cecília Choir von Villa Do Conde dem zentralen Thema von von Calhau! nachgeht: die Absurdität und, gleichzeitig, ungebrochene Ausstrahlung von (katholischem) Mystizismus, Spiritualität, Beschwörungsritualen etc.. Das Stück klingt wie eine surreale Oper, bei der der Gesang gegen einen schroffen Synthesizer ankommen muss und doch im Grunde dem Rahmen einer mittelalterlichen Messe folgt.