Ripples
March 5th, 2016
Pierre von Kleist editions – Ein unabhängiger Verlag für Fotobücher
Als vor sechs Jahren der Name und das Icon von Pierre Von Kleist auftauchte, gab es unter dem kleinen Zirkel derjenigen, die der Fotokunst nahestehen, einige Spekulationen. Wer könnte sich hinter diesem gezeichneten Konterfei auf einer Münze verbergen? Die altmodische Frisur und der breite Schnurrbart ließen auf eine leicht verschrobene Figur schließen. Und tatsächlich, die Website beschrieb Pierre von Kleist als einen leidenschaftlichen Sammler von Fotobüchern und Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Unglücklicherweise wurde der Großteil seines Bestandes Opfer eines Brandes. Die Suche im Internet führte zu einer Adresse in Lissabon.
Das passte es ganz gut, dass die Erfinder dieser Geschichte, die beiden Fotographen André Príncipe und José Pedro Cortes eine Neuauflage des lange vergriffenen Buches ‘Lisboa, Cidade Triste, Cidade Alegre’ von Victor Palla und Costa Martins von 1959 ankündigten. Der sehr gesuchte Fotoband wurde spätestens nachdem ihn Martin Parr in seiner Liste essentieller Fotobücher auflistete, zu abstrusen Preisen gehandelt. Príncipe und Cortes fanden, als sie zusammen in London lebten, dass es, einerseits gerade in Zeiten der Buch- (und sonstigen) – Krisen nötig wäre, einen Verlag zu gründen, der sich relevanten Fotobüchern verschreibt, und anderseits, dass wichtige Bücher nicht nur für Sammler bestimmt sein sollten.
Victor Palla und Costa Martins lernten sich in den 1940ern Jahren kennen, als sie an den Schulen der Schönen Künste in Lissabon und Porto Architektur studierten. Da sie beide zusätzlich eine Leidenschaft für die Fotographie entwickelten, konzipierten und realisierten sie zwischen 1957-59 das Buch ‘Lisboa, Cidade Triste, Cidade Alegre’. Obwohl es unter Salazar in Portugal nicht einfach war, an Informationen aus dem Ausland zu gelangen, wussten Palla und Martins sehr gut über die zeitgenössischen internationalen Kunstszenen Bescheid und waren neben ihrem Haupterwerb als Architekten auch in der philosophischen Kaffeehausszene von Lissabon, wo auch Galeriebesitzer und Cineasten verkehrten, involviert.
Die lose thematisch geordneten Fotos des Buches bilden in sowohl poetischer wie dokumentarischer Form eine beeindruckende Momentaufnahme der portugiesischen Hauptstadt in den Fünfzigern ab: Diese ist zweifellos schonungslos und hat nichts mit einer Postkartenidylle gemein. Die Staatstragenden des Estado Novo vermittelten im Ausland eine ganz andere Sichtweise des Lebens in Portugal. Begleitend zu den Fotos finden sich in ‘Cidade Triste, Cidade Alegre’, Gedichte und Texte von u.a. Alexandre O’Neil, David Morão-Ferreira, Eugénio De Andrade oder Jorge de Sena. Die Fotographien – roh, grobkörnig, mit starken schwarz/weiß – Kontrasten und ohne Blitz aufgenommen – wirken auch heute noch sehr modern und suggerieren eine romantische und wundersame, aber eben auch von Armut gezeichnete Stadt, die hier beinahe in einem cinematographischen Kontext erscheint.
André Príncipe lernte Victor Palla Ende der 1990er kennen, als er während seines Studiums eine Dokumentation plante. Zufällig kamen sie im Gespräch auf das lange vergriffene Buch zu sprechen. Später, in London, als Príncipe sich über die Gründung eines Verlages kundig machte und Cortes seinen Master in Fotographie ablegte, wurde eine Neuauflage diskutiert, die dann nach Pallas’ Tod 2009 in einer Auflage von 2000 Exemplaren erschien. Das Buch wurde Ende 2015 nochmals aufgelegt.
Rund zwanzig Fotobücher sind in dem kleinen Eigenverlag inzwischen erschienen. Die Titel sind mittlerweile nicht nur per Postversand, sondern auch in einigen ausgesuchten internationalen Buchläden erhältlich. Neben Büchern der beiden Verlagsgründer André Príncipe und José Pedro Cortes, erschienen auch Titel von u.a. Daniel Blaufuks, Marco Martins, Pauliana Valente Pimentel oder Pedro Letria. Das Motto – ‘Das Fotobuch ist eine komplexe Kunstform, die Fotographie, Graphik, Kino, Literatur etc. verbindet.’ ist eines, das sicherlich alle dort veröffentlichenden Künstler, so unterschiedlich sie in ihrer Arbeitsweise auch sind, unterschreiben.
Alle Titel von Pierre von Kleist sind aber – und dies darf als weiterer gemeinsamer Nenner betrachtet werden – auch eine Art Travelogue. José Pedro Cortes lebte für die Realisierung seine Serie ‘sense of place’ in unterschiedlichen Städten, wo er Architektur, scheinbare Randerscheinungen an Nebenschauplätzen und – manchmal – Menschen in ihrem privaten bis intimen Umfeld portraitierte. Bei ‘Things Here And Things Still To Come’ ist der Schauplatz Tel Aviv, wo Cortes vier Amerikanerinnen, die mit 18 Jahren entschieden haben, den Militärdienst in Israel zu leisten und die anschließend im Land geblieben sind, in ihren Wohnungen portraitiert und diesen Bildern Außenaufnahmen der Stadt – Bauhausarchitektur und Bausünden, verfallenene und neue Ecken, Palmen und Schrott – entgegenhält.
Ähnlich ist ‘One’s Own Arena’ konzipiert. Die Orte des Nachtlebens der japanischen Stadt Toyama sind scheinbar menschenleer und fungieren für sich selbst. Pflanzen und Objekte sind dagegen mit einer ähnlichen Aura aufgeladen wie die Portraits von Frauen und Männern in Hotels und in ihrer Wohnung. ‘Costa’ dagegen sammelt Bilder vom Hinterland der Costa Da Caparica im Süden von Lissabon. Die faszinierend-herbe und entvölkerte Landschaft – im Gegensatz zum Trubel an den Stränden – wirkt mit seiner verstreuten Ansammlung von Treibgut, Hütten, Schrott, aber auch Sand, Schlangen und widerstandsfähigen Pflanzen und Sträuchern wie ein Ort der Meditation (oder der Apokalypse), je nach Betrachtungsweise.
António Júlio Duartes Buch ‘Japan Drug’ kompiliert Schwarz/Weiß-Arbeiten von einer Reise nach Japan 1997; ‘Tokyo Diaries’ von André Príncipe und dem Filmemacher Marco Martins, ist ein Buch mit Aufnahmen, die für einen Film gedacht waren. Neben schnapsschussartigen Stimmungsbildern, die Japan in unterschiedlichsten Facetten zeigen, ist das eigentliche Thema die Begegnung mit den japanischen Fotographen Araki, Daido Moriyama, Takuma Nakahira, Hiromix, Kohei Yushiyuku und Kajii Syoin.
André Cepeda begab sich nach São Paulo (Rua Stan Getz), Pedro Letria nach Rhode Island in den USA, wo er ein Buch über die portugiesischen Social Clubs (The Club) machte.
Ein Skizzenbuch von Pedro Costa, das während der Entstehung von ‘Casa De Lava’ entstand, war eines der ersten Bücher von Pierre von Kleist editions; Pauliana Valente Pimentel betrachtet im leider vergriffenen Buch ‘Vol. 1’ eine irritierende Lissaboner Szenerie aus Kitsch und Kunst und Bohèmian-Life.
Dass sich Pierre von Kleist behaupten kann, liegt neben den minimalen Betriebskosten (der Verlag operiert aus der eigenen Wohnung heraus) auch daran, dass es Príncipe und Cortes mit ihrer interdisziplinären Ausrichtung zunehmend gelingt, einen Fuß in der Kunstszene zu bekommen und auch an den wichtigen Messen wie Unseen in Amsterdam oder Fotobook in Kassel präsent zu sein.
José Pedro Cortes’ ‘One’s Own Arena’ war im Museu da Electricidade in Lissabon ausgestellt, genauso wie ‘Antena 2’ von Príncipe in einer Galerie zu sehen war.
André Príncipe zeichnet sich vergangenes Jahr auch für den Film ‘Campo de Flamingo Sem Flamingos’ aus, der, zwar abstrakter, aber thematisch ähnlich wie Miguel Gomes in ‘As Mil E Uma Noites’, die Finanzkrise und die Troika als Thema im Hintergrund spielen lässt. Die Manipulation und die Überlagerung der Tatsachen durch die Trash-Medien sind keine neue Erkenntis, machen aber die Dinge dadurch nicht erträglicher.