Ripples Januar 2012
January 6th, 2012
Os Passos Em Volta – Até Morrer
Pega Monstro – EP
Osso Vaidoso – Animal
You Can’t Win, Charlie Brown- Chromatic
Im Lissaboner Vorort Odivelas gibt sich die junge Clique um das Plattenlabel Cafetra ganz unportugiesisch: man macht überschwänglichen Krach und therapiert dabei ganz nebenbei das sich im Tiefschlaf befindene Genre “Song” mit einer unverhofften Frischzellenkur. Os Passos Em Volta veröffentlichten gerade ihr Debutalbum Até Morrer. Vom weiblichen Part des Quintetts, Maria und Júlia aka Pega Monstro, erscheint eine EP. Dann gilt es noch die weiteren Seitenprojekte der Passos De Volta, das sind momentan 100 leio, Go Suck A Fuck und Éme und die Labelkollegen Kimo Ameba (ein Album) zu erwähnen. Das Rad hat wohl schon jemand erfunden, aber dem globalisierten Einheitsbrei namens Pop setzen die Passos und Co. eine Portion dickköpfischen Lokalkolorit entgegen.
Die überdrehte Mischung aus Gitarren (drei an der Zahl) – Garagenpunk, obskurem Folk und kleinen Experimenten auf Até Morrer erinnert am ehesten noch an die Frühphase von Flying Nun, dem neuseeländischen Label, unter dessen Dach sich Musiker der verschiedensten Bereiche auf eine anti-machohafte poetische Linie des Punks, geprägt von Unpreziosität und Experimentiergeist einigen konnten, d.h. also verhuschte Melodien, grandios am richtigen Ton vorbeihangelder Chorgesang und der sympathische Widerspruch zwischem ruhigem Gemüt und elektrischer Überdrehtheit. Im gleichen Maße empfehlenswert sind natürlich Pega Monstro, deren Musik, der Duobesetzung geschuldet, entsprechend reduzierter und noch eine Spur stärker nach Garage klingt.
Durchaus als Gegenstück zur juvenilen Aufbruchstimmung von Cafetra könnte man die neuste Platte der Veteranen Alexandre Soares und Ana Deus sehen. Weit zurück in den 1980ern spielte Soares bei der Mainstreamband GNR, emanzipierte sich dann aber und veröffentlichte mit Ana Deus, die die Texte schrieb und sang, als Três Tristes Tigres mit der zweiten und dritten Platte, Guia Espiritual (1996) und Comum (1998) zwei wegweisende Alben zwischen Trip Hop und Dekonstruktion. Danach beendete man vorerst das gemeinsame Projekt, Soares arbeitete für Theater, Ballett (Vooum von 2000 z.B.) und Film (mit João Canijo), Ana Deus experimentierte mit Lyrik und anderweitigen Texten. Schlappe dreizehn Jahre später erscheint nun mit Animal neue Musik des Duos Soares und Deus, aus den ‘drei traurigen Tigern’ wurde ein ‘eitler Knochen’. Die Musik auf Animal ist allerdings extrem trocken und reduziert, Soares begleitet mit der Gitarre den Sprechgesang von Deus ohne Eskapaden. Die Stimmung ist eine bluesige-frostige, die Texte fragmentiert und roh. Und doch entstehen bei dieser Musik auch leicht verschobene, psychedelisch anmutende Momente, die Osso Vaidoso zu Seelenverwandten von anderen Großen, die die hohe Kunst der spirituellen Unkünstlichkeit zu pflegen wissen, wie Charalambides / Christina Carter, machen.
Konventioneller geht es beim Erstling des Sextetts You Can’t Win, Charlie Brown zu. Man lässt sich auf Chromatic von den Heroen des amerikanischen Singer/Songerwritertums, von Buckley über Jackson Browne bis Dylan, gleichermaßen wie von der nervösen Energie und Vertracktheit der Alternativfolker wie Animal Collective oder Grizzly Bear inspirieren. Von Letzeren borgt man sich die chronische Unausgeglichenheit, von Ersteren die Virtuosität. YCWCB geben sich einen internationalen Anstrich, nicht nur dass man in englisch singt, auch das Management sitzt in London, vermittelt durch die ehemalige Sängerin der brasilianischen Elektropop-Band Bonde Do Rolê. Und Chromatic könnte durchaus zu einem Geheimtip der Neo-Folk-Gemeinde werden.
Cafetra