O Futuro da Saudade 3
January 10th, 2010
MECANOSPHERE
Mécanosphère ist das Projekt des Franzosen Benjamin Brejon und des Portugiesen Adolfo Luxúria Canibal und steht, so ihr unmissverständliches Statement, „für eine systematisch anti-postmoderne kritische musikalische Plattform“.
Mécanosphère rezyklieren auf ihren mittlerweile drei Alben die Hinterlassenschaften und Inhalte, für die einst Bewegungen wie Dub, experimenteller Hip Hop, Musique Concrète, Free Jazz oder Sound Poetry standen. Reduziert, ohne Computer, Beat Box oder Memory Sampler filtrieren sie die Essenz dieser Sub-Genres zu einer verdichteten, beinahe kathartisch anmutenden musikalischen und textlichen Sprache. Die Stücke leben vom Aneinanderreiben der knochentrockenen, spröden Drums Brejons, dessen free-jazzige Ausuferungen – er war nicht umsonst Schüler Sunny Murrays – immer wieder das ansonsten monoton-tribalistische Grundgerüst durchbrechen mit den französisch und portugiesisch, stark von der experimentellen Literatur geprägten, meist fragmentarischen Texten Canibals, die dieser in heißererem Sprechgesang herauspresst, flüstert, gurgelt.
Zwischenzeitlich werden diese beunruhigenden, oftmals surrealen Botschaften vom Sound einfach überbordert, die Wörter verbinden sich zu einem infernalen Soundmagma oder werden zerschreddert oder bis zur Unkenntlichkeit gedehnt.
Die Musik Mécanosphères ist keine saubere, sterile Elektronik im Sinne der retrofuturistischen und gleichfalls kommerziellen Idee der Kraftwerkschen Menschmaschine (worauf das Cover des Debuts anspielen mag), sondern hat mehr mit einem altersschwachen Maschinenpark gemein, aus dem in Schwällen Schmutzpartikel entweichen.
Kennengelernt hat man sich in Lissabon, 1998. Brejon spielte in einem offenen Bandprojekt, das sich mit improvisierter, rein instrumentaler Musik befasste. Bei einem Festival wohnte er dem Auftritt der portgiesischen Kultband Mão Morta bei und war von der Darbietung des Sängers Lúxuria Canibal beeindruckt. „Er zeigte eine völlig übersteigerte Performance, repetiv in der Gestik, von einer gewalttägigen, dichten und dunklen Brutalität bestimmt und doch gleichzeitig äußerst ironisch.“ Nachdem man in Kontakt kam und sich austauschte, kam es schließlich zur Zusammenarbeit.Kurioserweise lebt der Franzose Brejon in Lissabon und der Portugiese Canibal in Paris, so sind die Zusammenkünfte zwangsläufig sporadischer Natur und der Austausch von Ideen konzentriert und intensiv. Brejon arbeitet mit analogen Generatoren, einem Korg-MS-10 und elektronischen Perkussions an der Musik, während Canibal Spoken Word-Aufnahmen in verschiedenen Geschwindigkeiten aufnimmt, wonach beides zu einer Form von narrativem Drama zusammenfließt. Eklektizismus? Ja, obwohl im Zusammenhang mit ihrer Musik immer wieder Verweise auf Industrial und Free Jazz erfolgen. Brejon findet die Bezeichnung Industrial Music heutzutage nicht mehr zutreffend, obwohl, wie er sagt, „es musikalisch sicherlich eine Verbindung zu einer Gruppe wie Throbbing Gristle gibt, die ja erstaunlicherweise eine improvisatorische Seite hatten.“ Mécanosphère grenzt sich aber eindeutig vom Pseudo-Mystizismus und der Ideologie vieler Gruppen aus der Industrial-Bewegung ab. „Eine perverse Seite gibt es zwar in den Texten; wir sind eine literarische Band, und bei Live-Auftritten versuchen wir eine Form von Schock und psychischem Auskotzen zu kreieren, aber es gibt kein Konzept und wir versuchen das Vordefinierte wie bestimmte Posen, Haarschnitte und die immer gleichen Abläufe zu vermeiden.“
Adolfo Lúxuria Canibal ist das Pseudonym Adolfo Morais de Macedos. Sein Curriculum, geboren in Luanda, in Portugal ausgebildet zum Juristen mit Spezialgebiet Umweltschutzrechte, Arbeitsaufenthalten und Lehrtätigkeit außer in Lissabon auch z.B. in Straßburg, liest sich so abenteuerlich wie seine künstlerische Vita: Gründer, Sänger, Texter von Auaufeiomau und Mão Morta (mit Alben wie „Müller no Hotel Hessischer Hof“ und zahlreichen Kollaborationen, daneben Kolumnist für portugiesische Wochen- und Musikzeitungen, Mitarbeiter für Piratenradiosender und Autor von zwei Poesiebüchern.
Auf Bailarina, dem zweiten Album, ist das Duo um noch zwei weitere Drummer/Perkussionisten verstärkt worden: Le Pilote Rouge und Scott Nydegger, Letzterer hat z.B. schon mit den Stooges und Violent Femmes zusammengearbeit. Das Album, das thematisch sich an Ballards – Crash anlehnt, kreist um das Statussymbol Automobil als Metapher für Machismo und Erotik, Destruktion.
Die karge geknackte Alltagselektronik und andere Gerätschaften im Hintergrund verheissen nichts Gutes. Die Sirenen der Blaulichter heulen, Beatmungsgeräte röcheln, Geigerzähler knistern, merkwürdige Brunftschreie und tribalistisches Trommeln geben den Takt an. Die nüchterne pathoslose Erzählweise des Sängers klingt halluzinatorisch. Aus all diesen Elementen wird eine Art poetisch-gebrochner Endzeit-Dub zusammengeflickt, der perverserweise auch eine unterhaltende Komponente hat.
Das dritte Album Limp Shop -auf der die Band diesmal um – siehe oben – Gustavo Costa, Henrique Fernandes und Jonathan Saldanha, also die Creme der portuenser Untergrunds – verstärkt wurde, entwickelt ihre Vorstellung von einem Gesamtkunstwerk noch eine Stufe weiter. Text,- als starke Einflüsse werden diesmal Ballard, Deleuze, Sloterdijk, Stiegler und Khlebnikov genannt – Muisk, Noise und Field recordings fließen in eine einstündige abstrakte, überbordende Suite.