O Futuro Da Saudade 4
August 9th, 2010
Pop Dell’Arte – No Way Back
Rückblick. Wir befinden uns Mitte der 1980er Jahre in Portugal. Es geht um Popmusik. In Lissabon und Porto gibt es zwar schon einschlägige Schallplattenläden, die die ganze Palette an tönenden Idiosynkrasien aus dem Ausland feilbieten, aber eigene Vetreter zeitgemäßer Außenseitermusik sind nicht auszumachen. Gerade hat man eine jahrzehntelange Diktatur abgeschüttelt und die interventionistischen Liedermacher vom Schlage Luís Cília, José Maria und Übervater José Afonso waren bis zur Pefektion darin geschult Inhalte poetisch so zu verschlüsseln, dass sie die Zensurbehörden überlasen. Man spielt immer noch eine Art internationalisitsche Weltmusik mit lusitanisch-folkoristischen, aber vor allem auch afrikanischen und brasilianischen Einflüssen; diese prägt auch in den 1980ern zuerst einmal die Öffentlichkeit. Fado wiederum, die erklärte portugiesische Musik schlechthin, ist ersteinmal indiskutabel, hatte das Regime doch jahrzehtelang die drei großen F’s – Fado, Fußball und Fátima – im Ausland unverfroren ausgeschlachtet, und, ganz nebenbei, fühlte sich auch die eine oder andere Fado-Größe in der Nähe der Macht nicht unwohl.
So stoßen die fünf Enthusiasten, die sich im Lissaboner Stadtteil Campo De Ourique zusammentun, um ein ganz anderes musikalisches Konzept unter dem Namen Pop Dell’Arte zu verfolgen, ersteinmal auf Unverständnis, das aber auch andere bisher noch nicht geoutete Gleichgesinnte, wie sich zeigt, überzeugen und anziehen sollte. Mit einem Sound, gespeist aus Post-Punk, futuristischer Elektronik und unterkühltem, artifiziellem Disco verkörperen sie, insbesondere deren charismatischer Vokalist Joaõ Peste, anstatt bierernster Sozialkritik mehr als nur einen Hauch von Dekadenz, Androgynität und sonstiger Uneinsortierbarkeit. Wie bei allen guten Projekten scheiden sich bei Pop Dell’Arte die Geister. Heftige Reaktionen der Medien und des Publikums, von Scharlatanerie – und Dilettantismusvorwürfen bis zur Bezichtigung des Genialen begleiten ihre ersten Auftritte und Veröffentlichungen – solch emotionale Ausbrüche würde man sich heute wünschen. Die Single Sonhos Pop und das folgende Album Free Pop besetzen in Portugal die Begriffe Avantgarde-Pop/Untergrund/Außenseitermusik überhaupt zum ersten Mal. Peste gründet sein eigenes Label – Ama Romanta – , das sich außer der Musik auch vertrackten philosophischen Diskursen, beeinflusst von der Frankfurter Schule widmet (Paquete de Oliveira). Musikalisch vereinigt sich bei Ama Romanta in den wenigen Jahren, in denen das Label Mitte bis Ende der 1980er existiert, alles was bis zur heutigen Zeit seine Spuren in den verschiedenen experimentellen Szenen hinterlassen wird. Mler If Dada aka Anabela Duarte und Nuno Rebelo, Anamar, Vitor Rua, Mão Morta aka Adolfo Luxúria Cabral, Sei Miguel, Nuno Canavarro, Rafael Toral etc. Anfang der 1990er drückt Peste auf die Bremse und widmet sich der Band, die aber nach Ready Made (1993) gleichsam eine Pause einlegt und seitdem nur sporadisch, in verschiedenen Besetzungen und mit Peste als einzigem verbliebenen Original von sich reden macht. Nach Sex Symbol, dem dritten Album, das ketzerisch auf einem Major erscheint, zeugen außer einer EP 2002 nur noch eine Kompilation POPlastik 2006 von weiteren Aktivitäten. Nichst desto trotz feiern Pop Dell Arte 2010 25-jähriges Jubliämum und das wird mit einem neuem Album begangen.
Contra-Mudum klingt so aktuell als wären sie nie weg gewesen. Pestes’ Gesang, eine zweifelsfrei gewöhnungsbedürftige Mischung aus comichaft-überzognener Geschlechterverwirrung und Theatralik, läuft kaum Gefahr mit einem anderen verwechselt zu werden. Die Texte ironisieren popgeschichtliche Phrasen, babylonisch in Pseudo-Englisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch oder gleich in eine Phantasiesprache transferiert; Slogans sind scheinbar beliebig aneinandergereiht und doch ist das natürlich clever konstruiert. Warhol und Duchamp (siehe Ready Made als Albumtitel) sind die erklärten prägenden Einflüsse aus der Kunst, Rimbaud, Burroughs, Brel, Kraftwerk, Bowie in Berlin, Nina Simone weitere ‘Helden’. Pop Dell Artes’ Musik kann auch 2010 mühelos als zeitgemäß, vielleicht schon gar als zeitlos, schubladisiert werden, wenn’s einem beliebt, da ihr Markenzeichen, diese stringente Montage aus Loops, Samples und Zitaten von Chanson bis Industrial dermaßen trocken und rhythmisch-futuristisch daherkommt, dass sie keiner Gattung zugerechnet werden kann. Bis zum Dreißigsten dann.