Ripples März 2014
March 2nd, 2014
Neue Produktionen aus Portugal: Joana Sá, Filho Da Mãe, Noiserv, Putas Bêbadas, Yong Yong
Die wundervolle, so geheimnisvoll wie abstrakte Musik, die Joana Sá auf ziemlich schwer zugänglichen Alben wie Through The Looking Glass, eine sehr freie Adaption Lewis Carrolls, mit Reverenzen an Robert Schumann und Literaten der Moderne, oder Almost A Song, mit dem Gitarristen Luís José Martins dem geneigten Zuhörer bescherte, findet auf dem aktuellen – Elogio Da Desordem – seinen, mit Sicherheit nur vorläufigen, Höhepunkt an mysteriöser Verzauberung. Die Adaption/Kombination/Einbettung diverser Texte des momentan wohl interessantesten literarischen Allrounders Lusitaniens Gonçalo M. Tavares – Rosinda Costa zitiert Fragmente aus animalescos, o senhor Swedenborg, investigações geométricas, um viagem à ´India – in die spröden Pianokompositionen üben eine unwiderstehliche Faszination aus. Sá erforscht das semi-präpariertes Klavier auf der Suche nach dem idealen Klang zwischen Lärm und Stille und konfrontiert/ergänzt das Instrument mit einer Sirenen/Glocken-Installation, Toy Piano, Harmonium, Tubes und Noise-Boxes. Auch die Texte sind nur ein Bestandteil des großen Ganzen und vollständig in die Komposition eingebettet, wie auch die Kategorisierungen wie Pianistin, Improvisatorin, Komponistin aufgehoben werden.
Im Sommer 2011 fanden im – ansonsten vom Lauf der Zeit bemerkenswert unberührten, immer noch, aufgrund der hier zusammengetragenen botanischen Vielfalt, eine irgendwie koloniale Aura konservierenden Jardim da Estrela in Lissabons Westen von einer alteingesessenen Pastelaria – eine spätnachmittagliche Konzertreihe statt.
David Santos, der gerade unter seinem Künstlernamen Noiserv ein Album veröffentlicht hatte, passte mit seiner entspannten, filigranen, immer etwas den blauschimmrigen Gemütszustanden des Lebens zugeneigten Musik perfekt zur Trägheit eines Lissabonner Sommernachmittags, der gleichzeitig mit einer kristallenen Helligkeit einhergeht.
Neben der bemerkenswerten, zwar kleinen aber multiaktiven Jazz- und Avantgardeszene, finden sich in einer globalisierten Welt, die auch vor dem Rand Europas nicht haltmacht, Vertreter sämtlicher internationalen Subgenres. Vor allem hat sich die Free Folk-Szene, die nicht zuletzt durch die Aktivitäten des Animal Collective-Mitglieds Panda Bear, der für einige Jahre in der Stadt lebte, inspiriert wurde, einen guten Ruf auch jenseits der Landesgrenzen erworben. Auf Noiservs zweitem Album Almost Visible Orchestra singen bei einem Stück Luisa Sobral, Rita Redshoes, Minta und Musiker von You Can’t Win, Charlie Brown – sozusagen die Crème de la Crème der heimischen Free-Folker – im Hintergrund. Ansonsten spielt David Santos im Alleingang Gitarre, Tasteninstrumente und Perkussion. Die feinen, melodischen, von subtiler Melancholie getragenen Stücke werden durch Loops und Samples zeitgemäß. Nicht nur aufgrund der überlangen Songtitel und der inhaltlich etwas aus dem Ruder laufenden englischen Lyrics, verbreitet sich beim Hören von AVO eine angenehm surreale Stimmung. Die Liebe zum Detail wurde auch bei der Covergestaltung nicht vernachlässigt, ein Puzzle; geradezu ideal, um den Nachmittag mit Musik, Spiel und Müßigang im Park zu verbringen.
Putos Bêbadas – die betrunkenen Halbwüchsigen – sind der Clique um das Cafetra-Label entsprungen, die sich in immer neuen Zusammensetzungen formiert, um jeweils einen anderen Musikstil zu huldigen. Auf ihrem ersten Album verbinden sie nun die Aufgekratzheit des melodischen Chaos-Punks von Os Passos de Volta mit durchgeknalltem Psychedelic-Rock, der ihre Musik in die Nähe von solch Schwergewichten wie Acid Mother Temple rückt. Feedback, Spacegitarren, in den Hintergrund gemischter Harmoniegesang und sonstige krautige Verflechtungen lassen nicht nur die ausgewiesenen Fachleute wie Julian Cope usw. jubeln.
Eine Besonderheit lusitanischer Musiker ist, seien sie noch so sehr internationalen Einflüssen zugeneigt, der Bezug zur Tradition. Rui Carvalho durfte bis vor kurzem diesbezüglich zwar als gänzlich unverdächtig gelten, spielte er doch in diversen Punk- und Hardcore-Bands Gitarre. Seit er unter dem Künstlernamen Filho da Måe sich neu erfunden hat und zwei Soloalben einspielte, hat sich bei seinen instrumentalen Gitarrenkompositionen die Wucht einer Metalband mit der Schönheit der klassischen Gitarre gepaart.
Die stark expressiven Kompositionen nehmen – bewusst oder unbewusst – Bezug auf die zeitlose Musik einer mythischen Figur wie Carlos Paredes, die auch andere Musiker, portugiesische wie Norberto Lobo oder ausländische wie Ben Chasny oder James Blackshaw in den Bann gezogen hat. Eine luzide, unkitschige Schönheit wohnt in den Stücken von Cabeça inne – konsequent, minimal, opulent, konkret, unbestechlich, aufbrausend -, ein steter Kampf zwischen Emotionen und Technik. Carvalho ist im anderen Leben Archeologe, was den Musikkritiker von Público zu Spektulationen über Parallelen der Person Rui Carvalho und dessen Werk – Ausgtrabungen, Handarbeit, Geduld – hinreißen ließ. Auch die Themen von Cabeça – Bipolarität, Katharse, Dämonen, Meditation und ein Aufnahmeort von typisch portugiesischer Lautmalerei: O Convento Da Saudação – O Espaço Do Tempo dürfen zu Spekulationen einladen.
Rodolfo Brito und Francisco Silva verlegten gerade ihren Wohnsitz von Lissabon nach Glasgow, wo sich auch ihr derzeitiges Label Night School befindet und wo man ein ähnlich aktives, der Gegenkultur zugeneigtes Umfeld vorfindet wie zuhause. Nach diversen Tapes, die allseits hoch gehandelt wurden und der nachträglichen Verewigung auf Vinyl ihres Love Albums, wurde das aktuelle auch am Clyde und nicht am Tejo aufgenommen. Die leicht psychedelisch angehauchten Collagen des Duos beschreiten den, noch nicht ausgetrampelten, Weg von solch subversiven Musiktheoretikern wie Hype Williams und Synthesizer-Künstlern wie Laurel Halo. Die Musik auf Greatest It’s zieht einen durch diese typische Mischung obengenannter ‘Nostalgie trifft auf Zukunft’ – Collagen in den Bann. Konsequent Lo-Fi, immer mit einer Affinität für Drones konzipiert, halten die Stücke auch immer wieder in einem entspannten, gebrochenen schweren Dubgroove inne. So eine hippelige Stimmungslage, könnte man imagnieren, wie wenn man in der post-industriellen Landschaft Glasgows den Fluss entlang läuft und der Himmel über den in moderne Museen umgewandelten ehemaligen Docks permanent zwischen dunklen Wolkengebilden und grellen Sonnenstrahlen wechselt.
noiserv.net
cafetra records
filhodamae.bandcamp.com
nightschool records
shhpuma-records.com