Bruxelles Soundscapes 1
January 7th, 2009
Brüssel – Die heterotope Stadt
Brüssel, Belgien, 1977. Marc Hollanders‘ und Vincent Kenis’ Gruppe mit dem mysteriösen Namen Aksak Maboul reißt thematisch, in aller Form des inszenierten Größenwahns an, was dann wenig später in Grossbritannien intellektuell en vogue sein wird, als Punk vom Working Class Hero zum Art School Studenten transferiert wird: Eklektizismus, Internationalismus, freie und spielerische Vermischung von Formen, Kulturen und Genres – so wird dies in den Anmerkungen zu ‘Onze Danses Pour Combattre La Migraine’, dem ersten Album, treffend zusammengefasst.
Danach, und bis Mitte der 80er Jahre, ist Brüssel tatsächlich die ideale Stadt, um sich nochmals an den verschüttet gegangenen Kunsttheorien und Utopien des auslaufenden Jahrhunderts abzuarbeiten – Situationismus, Lettrismus, Debord, Dada, Artaud, Surrealismus, Futurismus, Heartfield beispielsweise – und diese musikalisch mit den Visionen des New Wave und neuen technischen Möglichkeiten zu konfrontieren.
Die ersten Veröffentlichungen von Hollanders Crammed Disc sind in ihrer Vielfalt der Stile und Originalität vergleichbar mit der Aufbruchzeit von Rough Trade in Londons Westen: Blueprints und Referenz für Vieles, was noch kommen wird. Die beiden Aksak Maboul-Alben (‘Onze Danses Pour Combattre La Migraine’ eine meisterliche Dekonstruktion aller Stile und gleichermassen eine Hommage an die Unbeschwertheit wie die Melancholie, ‘Un Peu De L’Ame Des Bandits’, Hollander und Kenis um die RIO/Recommended Musiker Leigh, Chenevier, Cutler, Frith, Berckmans, Jauniaux erweitert, und direkt die kammerrockmusikalischen Wurzeln Univers Zeros‘ und Art Zoyds‘ aufnehmend), die luzid-seltsamen Stimmungsbilder eines Benjamin Lew, die New Wave – Rock ‘n Roll – Popartisten Honeymoon Killers, die schräge Torchsängerin Hermine, Minimal Compact, Deyhim/Horowitz und viele mehr.
Am 1. Oktober 1980 findet Tuxedomoons erster europäischer Auftritt im legendären Plan K in Brüssel statt. Die ehemalige Zuckerfabrik, unweit des Kanals im Industriegebiet der belgischen Hauptstadt gelegen, dient seit knapp einem Jahr Michel Duval, Annik Honoré und Bennoit Hennebert als bevorzugter Ort um Parties und Konzerte zu veranstalten. Les Disques Du Crépuscule wird Anfang der 1980er ins Leben gerufen und was zuerst als Factory Benelux konzipiert ist, schlägt schnell einen anderen, konsequenten Weg ein. In dieser Zeit ist Brüssel für die florierende Punk-, und später New Wave – Szene Großbritanniens erster Anlaufpunkt auf dem Kontinent. Für Alain Lefebvre, zu jener Zeit einer der ersten Punk und New Wave – Fans in Belgien, später selbst Musiker und außer seiner eigenen Band Digital Dance in zahlreichen internationalen Projekten involviert (und bei LDDC in der Promotion tätig), ist in der Stadt vieles möglich. “Brüssel war heruntergekommen, die Wohnungen ganzer Straßenzüge standen leer und die Mieten waren extrem billig. Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre spielten alle angesagten Gruppen in Brüssel und dies hinterließ Spuren. Der eingeschleppte Virus griff auch auf die einheimische Szene über. Gruppen, Labels, Aufnahmestudios und Läden sprossen, aber auch internationale Musiker nutzten die Stadt als Basis und als Ort, um Musik aufzunehmen. ”
‘From Brussels With Love’, eine Kassettenbeilage für den N.M.E. kompiliert und um textlastige Theorie ergänzt, ist für LDDC dann der offizielle Startschuss und gibt die Richtung vor, die später Labels wie Touch und Leaf mit einer ähnlichen Verschmelzung von Ästhetik und Musik verfolgen werden. Und auch heute noch erscheint das, was für diesen Sampler an Ideen zusammengetragen wurde, aktuell, clever und letztlich zeitlos; was auch immer uns das über die letzten dreißig Musikgeschichte sagen will. Wim Mertens, Michael Nyman, Glenn Branca, Marc Ribot, Cabaret Voltaire, Current 93, The Pale Fountains, Ludus, Arthur Russel, Isabelle Antena und Tuxedomoon (die außer der Balletmusik ‘Devine’ , einigen 12-inches und diversen Soloprojekten zwar keines der “wichtigen” Alben an Crépuscule abtreten, aber trotzdem eng mit dem Label verbunden bleiben) sind einige der Stilisten, die den Hipfaktor zwischen Kunst und Philosophie, zwischen Pop und Avantgarde, stetig neu bestimmen und vor allem auch, wir schreiben die 1980er, mit der entsprechenden Verpackung versehen. LDDC expandiert zwischenzeitlich nach England, den U.S.A. und Japan, erweitert die Tätigkeiten um Buchproduktionen, Videos, bis, konsequenterweise, zu Ausflügen in die Modewelt. Dann wird der Einfluss und Wirkungskreis der Independents zunehmend von Majors, die die Indies kopieren und mit ungleich größeren Budgets operieren, wieder eingeschränkt. Nachdem es über die Jahre zunehmend ruhiger um Duval und Co. wird, liegt das Unternehmen seit 2004 brach.
Weiter südlich in der Wallonie verschreibt sich der in experimentellen Nischen abseits der Populärkultur geschulte Alain Neffe Anfang der 1980er ganz dem tatsächlichen Untergrund. Insane Music wird zu einem einflussreichen Label der “Kassettentäter-Szene” (Tago Mago, Ding Dong, We Never Sleep, Cause & Effect, 235 und Jar muss man gleichfalls Reverenz erweisen). Pseudo Code, Human Flesh, Bene Gesserit oder Cortex sind einige Projekte, für die Neffe verantwortlich zeichnet und die sich im faszinierenden Grenzbereich von Post-Industrial, elektronischen Beats, Pop und Lyrik bewegen. Vor allem die beiden Samplerreihen ‘Insane Music For Insane People’ sowie ‘Home Made Music For Home Made People’ sind enorm einflussreich, da sie die internationale Creme des Undergrounds kompilieren. Musikalische Zusammenarbeiten funktionieren, indem Kassetten zwischen Künstlern hin- und hergeschickt werden und jeweils weiterbearbeitet werden. Bene Gesserit (Alain Neffe und seine Partnerin Nadine Bal) erwirbt Kultstatus in der Szene, nicht nur aufgrund der Musik, aber auch wegen eines inszenierten Verwirrspieles: Man gibt vor, eine Schweizer Band zu sein. Auf dem ersten Tape ist auch eine Kontaktadresse in der Schweiz angegeben, die des befreundeten Tape – Labels Calypso Now in Biel, was die Neugierde zuhause in Belgien weckt. Mit der Vokalartistin Anna Holmer gründen Neffe und Bal später das sporadisch aktive Trio Chopstick Sisters. Nachdem die Qualität der Kassettenlabels durch die üblichen Nachahmer schnell verwässert wird, werden die Aktivitäten von Insane spärlicher und mit dem Aufkommen der CD und einer Abkehr vom Individuellen, taucht man schließlich wieder in die Obskurität ab.
Crammed Disc pflegt seit einigen Jahren seinen Backkatalog (und mit der Reunion von Tuxedomoon versucht man nochmals aktiv Vergangenheit und Zukunft in Einklang zu bringen), ist aber, wie man gemeinhin weiß, vor allem zu einem der etabliertesten World Music – Labels in Europa aufgestiegen. Der Nachlass (?) von Les Disques Du Crépuscule wird kompetent von James Nice, einem Schotten, der in den wegweisenden Jahren selbst in den Reihen des Labels stand, betreut und ständig um verschollen geglaubte Raritäten erweitert. Sein Versuch, in den 1990ern Jahren einem ‘richtigen’ Beruf (Anwalt) nachzugehen, hat er, wie soviele andere der damals Infizierten, wieder der Romantik der Selbstausbeutung und seinem Label mit dem bezeichnenden Namen Les Temps Moderne geopfert. Alain Neffe erfährt verstärkte Aufmerksamkeit an seiner Musik und seiner Philosophie, nicht nur von Nostalgikern, die ihre Jugend nochmals heraufbeschwören wollen, sondern auch von einer jungen Generation, die von den analogen Sounds fasziniert ist. Ein Großteil des Repertoires ist nun auf CD-R erhältlich und es entstehen auch neue Projekte. Die Kommunikation, die früher durch den Versand und Empfang von Kassetten stattfand, läuft heute, da hat man als der Avantgarde entsprungener Künstler keine ideologischen Bedenken, über My Space.