Bandes Sonores Françaises 1
April 4th, 2009
Catherine Ribeiro – Libertés?
‘J’ai tant écrit sur la beauté, l’amour, l’inexplicable, le jardin intérieur, j’ai souvent et si longtemps ouvert mes bras à l’indéfendable qu’il ne me reste qu’un peu de chair sur les os’ C.R.. 1999
Als Catherine Ribeiro am 7. Oktober 2005 im altehrwürdigen Theater ihres Wohnortes Charleville – Mezières nach mehreren Jahren Bühnenabstinenz ein Programm mit Neuinterpretationen von Stücken, die mit dem Kollektiv Alpes in den Siebzigern entstanden waren, präsentiert, mobilisiert sie nicht nur ihre Anhänger in der Ardennenstadt, sondern auch viele Intellektuelle und politisch Motivierte aus ganz Frankreich und dem Ausland.
Denn C.R. chante Alpes verspricht nicht weniger als die Erneuerung eines Mythos; den nämlich, dass Experimentelle Musik, linksradikale Ideale und die Chance auf eine Wendung der Dinge zum Guten scheinbar miteinander zu tun haben könnten und nicht für elitär oder schlicht naiv gehalten würden. Ribeiro wird ihrem Ruf an diesem Abend gerecht, obwohl sie, von Lampenfieber geplagt, das Konzert mehrmals unterbrechen muss. Doch ist das Aufbruchdenken, wenn nicht Resignation doch einer gewissen Ernüchterung gewichen, das können auch die gestrafften Neuinterpretationen nicht verhindern. Dokumentiert findet man das Programm auf dem selbstverlegten Album ‘Alpes Live Intégral’, aufgenommen bei einem Konzert in Paris im Februar 2007.
Künstlerinnen wie Françoiz Breut, Camille oder Keren Ann begleiten die seit einiger Zeit stark florierende Szene des Nouvelle Chanson. Nouvelle auch deshalb, weil dabei außer den traditionellen Einflüssen der üblichen Verdächtigen Elemente aus Folk, Elektronik und experimentellen Spielformen einfließen. Eine Abkehr von der Ästhetik der depersonifizierten Instrumentalmusik hin zur Liedform und introspektivischen, poetischen Inhalten ist ja auch z.B. in den USA (Paw Tracks – Label, Alternative Country, Anti-Folk), England (Fat Cat, Leaf oder gar Warp) oder, verwandter, Portugal (Novo Fado) quer durch alle Genres auszumachen. Diese Offenheit für etwaige Hybridformen könnte, um den Blick wieder auf Frankreich zu richten, auch den (ewigen) Außenseitern des frankophonen Chanson-Universums, die in der Vergangenheit auch durch das Raster der Subkulturen fielen, zu spätem Kredit verhelfen. Immerhin, die in Paris residierende (und nur dort denkbare) Bretonin Brigitte Fontaine hat sich die hochartifizielle Figur der spleenigen und exzentrischen Diva erschaffen und zeigt sich stets am Puls der angesagten Avantgarde-Trends – die Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble Of Chicago (1970) und mit Sonic Youth und Jim O’Rourke (2001) zeugen beispielsweise davon. Colette Magny bewegt sich im intellektuellen Zirkel der Pariser Jazz- und Improvisationsszene; Albert Marcoeur hat über die Jahrzehnte das Eigenbrötlerdasein schlechthin kultiviert und unterhält ein eigenes Sounduniversum (Studio, Label).
Catherine Ribeiro wiederum ist auch im überschaubaren Kreis der ‘anderen Musik’ eine Randfigur geblieben. Ihre (raren) Auftritte und (regelmäßige) Platten werden zwar zur Kenntnis genommen, aber meist nur, wenn sie ihr eigenes Repertoire um klassisches Liedgut erweitert und in irgendeinem französischen Kulturinstitut auftritt. In den 1980er Jahren, als ich Dank einer Restposten-Doppel-LP auf ihre Musik aufmerksam wurde und nach weiterem Material forschte, waren ihre Platten selbst in Frankreich praktisch unauffindbar. Ähnlich unwägbar schienen die Möglichkeiten Informationen über ihr Schaffen zu erhalten oder mit ihr Kontakt aufzunehmen. Selbst das allwissende Netz scheiterte übrigens später kläglich. Nun aber lassen sich mit der vier CDs umfassenden Kompilation der Jahre 1965-83 ‘Libertés?’ (Mercury France) einige (meine) Wissenslücken schließen.
Die Fotographie auf der Hülle dieser buchformatigen, mit dickem Beiheft und einem aufschlussreichen Text von Pau Guerrero versehenen Edition zeigt Catherine Ribeiro bei einem Auftritt und könnte, bewußt klischeebehaftet gesehen, das Standbild eines Nouvelle Vague – Klassikers sein. Die Augen geschlossen, die geballte linke Faust gereckt, suggeriert die Aufnahme eher poetische Entrücktheit als politische Manifestation. Beide Eindrücke sind nicht falsch. Die engagierte (wir schreiben die 1970er Jahre), in ihren Kommentaren stets dezidiert politische Sängerin, verlor sich in ihren Texten nie in zeitgebundenen Slogans, sondern wählte den Weg der Abstraktion, während wiederum ihre Vortragsweise meisterlich mit krass gegensätzlichen emotionalen Zuständen spielte.
In der Peripherie von Lyon, ‘zwischen der Route Nationale 7 und der Rhone im Dunst der Petrochemie’ als Tochter portugiesischer Immigranten geboren und aufgewachsen, verbrachte sie ihre Kindheit in teils extremer Armut. Der Vater, unterbezahlter Arbeiter in einer Fabrik, brachte die Familie nur mühsam durch und zeigte sich zunehmend verzweifelt. Sie nutzte die Bildung als einzig möglichen Ausweg aus der Misere und fand sich durch Aragon, Baudelaire, Rimbaud, Apollinaire und Lorca in ihrem politisch-ästhetischen (Ge-) Wissen bestärkt. Auch ihr künstlerisches Talent erwachte, bei einem Wettbewerb für Gedichte gewann sie einen Preis (der Begleitbrief war von Jean Cocteau unterzeichnet!). 1959 besuchte sie die Schauspielschule in Lyon und zog dann nach Paris. 1962 spielte sie eine Partisanin in Godards ‘Les Carabiniers’ und 1963 in einem europäischen Western, ‘L’attaque de Fort Adams’ von J.W. Fordson, eine Hauptrolle. Das Schauspielen war, wie sich zeigte, ihre Berufung nicht und da sie im Ensemble von Godard den am Musikkonservatorium ausgebildeten Patrice Moullet kennenlernte, dem vorschwebte, eine Avantgardeband zu gründen, passte plötzlich alles zusammen. Zuerst konzentrierte man sich noch auf Adaptionen von US-amerikanischen Folkgrößen und auf portugiesiches und spanisches Liedgut – die Aufnahmen erinnern an den leicht unbeholfenen Charme von Nicos ‘Chelsea Girl’ – , bis das Duo 1968 schließlich Denis Cohen (Perkussion) kennenlernte und die Gruppe Catherine Ribeiro & 2 Bis ins Leben rief. Moullet spielte das selbstentwickelte Percuphone – auf ein Brett gespannte Saiten, die mit einem elektrischen Motor kombiniert sind – das wie eine Mischung aus Harmonium und klassischer Gitarre klingt und oszillierende Obertöne erzeugen kann.
Catherine Ribeiros Gesang gewinnt zunehmend an Selbstvertrauen und Unverwechselbarkeit. Mit ihrer mehrere Oktaven umfassenden Stimme kann sie die Rollen mühelos und fließend wechseln; z.B. zwischen introvertierter Chanteuse mit weicher, warmer Stimme; intellektueller, unterkühlter Rezitatorin und Avantgardistin, deren emotionalen Ausbrüche in eine völlige Freeform münden. Die Gruppe (minus Cohen, der ausstieg), um Patrice Lemoine, Keyboards und Claude Thiebaut, Perkussion, erweitert und Catherine Ribeiro & Alpes (ein Link zur Herkunft der Mitglieder) getauft, forcierte diese Ansätze. Die Kompositionen auf den Alben ‘CR & Alpes’, ‘La Solitude’, ‘Âme Debout’, ‘Paix’, ‘Le Rat Débile et L’homme des Champs’,‘Libertés’ und ‘Le Temps De L’autre’, zwischen 1970 und 77 entstanden, heben die Trennung von Gesang und Musik teils völlig auf. Es gibt Stücke, bei denen Ribeiros Stimme, im durchwegs düsteren Klangkosmos eingebettet, als weiteres Instrument fungiert, bei anderen verstecken sich kleine, melodische Einsprengsel zwischen langen, instrumentalen Passagen; oder aber, ein Chanson kippt nach konventionellem Beginn in improvisatorische Verzweigungen. Zusammen mit Magma und Ange steht Alpes im Ruf, Wegbereiter für die französischen (Rock/Folk-) Avantgarde zu sein. Die Themenfelder in Ribeiros Texten sind klar abgesteckt und durchziehen ihr Gesamtwerk. In ‘Poème Non Equipe’ rezitiert sie das quälerische Zerwürfnis einer Beziehung; in ‘Paix’ (das in ‘Paix 77’ und ‘Paix 86’ weitergeführt wird) setzt sie sich expliziter als gewohnt mit allen Formen des Krieges auseinander – was ihr den Ruf einer Linksradikalen einträgt. Auftritte beim L’Huma Fest (kurioserweise war beim ersten auch Mireille Mathieu programmiert) und ‘Les Partisans’, mit dem sowjetischen Armeechor eingespielt und als Single veröffentlicht, unterminieren diesen Ruf nicht unbedingt. Ein weiteres, wiederkehrender Schwerpunkt ist Einsamkeit und Suizid, ’15 Aout 1970′ oder ‘Le Silence De La Mort’ klingen dem Thema geschuldet noch düsterer – im Vergleich dazu singt oben genannte Keren Ann, im Verve der Borderlinegeneration loungig-kokett, ‘Suicide Is Painless’. Andere Texte bleiben durch Abstraktion vage und experimentell.
Zwischen und nach ‘Le Temps De L’autre’ entstanden zwei Platten mit Interpretationen von Piaf ( ‘Le Blues De Piaf’ ) und Texten von Jaques Prèvert (‘Jaqueries‘), die hier nicht dokumentiert sind. Durch das Arbeiten mit Fremdtexten und der gestrafften Umsetzung, die diese erforderten, ließ sich schließlich auch Alpes inspierieren. ‘Passions’ (1979) und ‘La Dèboussole’ (1980) klingen, auch durch zwei neue Mitglieder, die von Gong dazustießen und das Gespann Ribeiro und Moullet ergänzten, reduzierter und melodischer und versprühen einen leicht krautig-elektronischen Touch. Die danach unter der Regie von Thierry Matioszek produzierte (und ohne Alpes eingespielte) Platte ‘Soleil Dans L’ombre’, die diese Kompilation beschließt, versucht sich dann ganz auf modischem Terrain. An der redundant-bemühten Peppigkeit der Musik reibt sich Ribeiros Stimme allerdings in gewohnter Manier.
Nachdem es dann zwischenzeitlich ruhig um sie geworden war, läutete ‘Percuphonante’ (1986) überraschenderweise eine neue Phase ein, die wohl als ihr Spätwerk bezeichnet werden darf. Zu alter Souveränität zurückfindend, sind seitdem neun weitere Platten, teils mit Moullet, teils mit differierenden Besetzungen wie dem Pianisten Michel Précastelli und einem Streichquartet, auf Kleinstfirmen erschienen (herausragend ‘Vive Libre’ (1995), ‘Live au Théâtre Toursky’ (2002) und ober erwähnte ‘Ribeiro Alpes Live Intégral’ (2007). Nebst eigenen Stücken offenbart sie hier ihre Einflüsse mit kotemporativen Bearbeitungen aus den Oeuvres von Aragon, Barbara, Brel, Ferrat, Ferré, Lluis Llach, Manset, Colette Magny, Danièle Messla oder Anne Sylvestre. Auf ihrer Website findet ihr politisches Engagement, mit der chronologischen Auflistung der unterzeichneten Petitionen, übrigens gleichberechtigten Raum neben dem Leben als Künstlerin. Es ist anzunehmen, dass auch zukünfigen Projekte inhaltlich nicht der Nostalgie frönen. Die Musik Catherine Ribeiros jedenfalls klingt auch heute bemerkenswert zeitlos.