Bruxelles Soundscapes

April 26th, 2014

Das belgische Label Okraina

Philippe Delvosalles Label Okraina bezieht sich auf Boris Barnets gleichnamigen Film von 1933, einem, was Bildschnitt und Tonstruktur anbelangt, wegweisenden Werk. Der sowjetische Regiesseur erzählt Alltagsbegebenheiten, die sich in einem Quatier am Rande einer Großstadt abspielen, während im Hintergrund der 1. Weltkrieg ausbricht. Okraina bedeutet im Deutschen auch Stadtrand oder Peripherie. Dies ist neben der cineastischen Inspiration auch der Link bei der Namensfindung des Labels gewesen, wurden doch die Aufnahmen für die bisherigen drei ausgezeichneten Veröffentlichungen, unter anderem in der als Künstlerresidenz fungierenden Caveau Sauvage vor den Toren Brüssels in Leuwen und in Ghent während Liveauftritten eingespielt.

okraina

Ausgesprochen schön ist auch die Gestaltung der im Doppel-10” – Format erscheinenden Platten. Gwénola Carrère, die ansonsten bevorzugt als Kinder- und Erwachsenenbuchillustratorin arbeitet, zeichnet sich für die phantasievoll-fabirgen, leicht surrealen, Landschaften verantwortlich, die mich u.a. an eine Verbildlichung des versponnenen literatischen Universums eines Raymond Roussel denken lassen. Manche kennen Gwénola Carrères Arbeiten schon von den Platten eines anderen brüsseler Labels – Humpty Dumpty – und vom, leider verblichenen, Magazin Plan B.

Altertümliche Chansons und Interpretationen von Brigitte Fontaine/ Areski und J. Richepin/J-M Senia verwandeln sich bei der französischen Sängerin Eloise Decazes – ansonsten im Duo Arlt, einem charmanten, etwas konventionelleren Projekt, involviert – und dem dem Constellation-Umfeld zugeneigten kanadischen Gitarristen Eric Chenaux in etwas komplett Anderes und Zeitloses: etwas dunkel-Ironisches, wie wenn man durch den surrealen farbigen Wald des Hüllenfotos läuft und eine Metamorphose erfährt. Wo befinden wir uns nun? Im Mittelalter oder doch in den Sixties? Minimalistisch die Musik (Gitarre, Keyboards, Melodica), irgendwo Verlorenheit ausstrahlend, aber keinesfalls harmlos, der Gesang: die acht Stücke im Tempo so gedrosselt, dass sämtliche Assoziationen und unterstellte Querverbindungen ins Leere laufen. Mehr solchen sophistikaten Background, weitere solch dunkle Songs und die Neo-Chanson-Szene könnte einpacken.

La Ballade Au Beau Regard versammelt Beiträge, die in der Künstlerresidenz Ferme Du Biéreau in Louvain-La-Neuve unter der Schirmherrschaft von Paul LaBreque enstanden sind: Larkin Grimm, Paul Metzger, Cam Deas, Jack Allett, Micah Blue Smaldone loten alle Nuancen des Weird Folks und sonstiger Freeformen aus.
Larkin Grimms Beiträge – They Were Wrong und Be My Host -, zwei Stücke von ihrem so ungewöhnlich wie uneinsortierbaren Album auf Young Gods – hier mit Anne Collet und Paul LaBreque in deutlich raueren Fassungen gespielt – zeigt ihre Musik in einem anderen Kontext. Zwischen den USA Europa und Irgendwo spiegelt ihre Musik die Sehnsucht nach einer neuen Art von Nomadenleben und Freiheit; eine vielleicht zu plumb unterstellte Interpretation und Verknüpfung mit ihrer Biographie: sie wuchs, laut ihrer Website, in einer Hippie-Kommune auf; ihre Eltern wiederum waren in ihrer Jugend aus extrem engen Familienverbänden/Sekten geflüchtet.
Cam Deas, Brite und Gitarrist, ist ein Neo-Faheyist und als solcher ist sein verschachtelter, dynamischer Free-Folk komplex und die Sinne ansprechend zugleich. Deas ist mit seiner Auffassung von Kunst nicht weit von der eines Landsmannes James Blackshaw entfernt, der mir an einem magischen Abend im Teatro Maria Matos in Lissabon diese Musik zwischen Improvisation und Komposition, Einflüssen von Minimal Music und Drones näherbrachte. Auch der kurze Ausschnitt von Jack Allett deutet an, dass er sich in genau diesem Genre zuhause fühlt.
Alternative-Country von Micah Blue Smaldone und Paul Metzger & Guests längere Ambient/Noise-Improvisation runden die Kompilation ab.
Das neueste Okraina– Kleinod ist ein ansonsten nur als Tour-CD erhältlich gewesener Ausschnitt vom gemeinsamen Projekt von Ignatz (aka Bram Devens) und Harris Newman (verdienter Produzent von u.a. Constellation-Artists, Vic Chesnutt und ein altbekannter Zeitgenosse in Belgiens Outsiderzirkeln). Die Zusammenarbeit der beiden Gitarristen – auch ein Synthesizer kommt zum Einsatz – manifestiert sich in einer Musik, die nicht allzu weit entfernt von der Ignatz’ ist. Allerdings wird den gewohnt psychotisch-klaustrophob-düsteren, schwarz-humorigen, elektronisch entstellten Low-Fi-Balladen eine luftigere Note hinzugefügt. Introspektion ist immer noch das Thema, aber weniger autistisch.

Okraina Records

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