Ripples

September 6th, 2024

Catherine Ribeiro – La Vie En Bref (R.I.P. 1941 – 2024)

 

 

Inmitten des Wiederveröffentlichung- Booms der letzten Jahre wurden vom New Yorker Hip Label Mexican Summer auch drei essentielle Alben aus den 1970ern Jahren von Catherine Ribeiro & Alpes wiederveröffentlicht, und das in opulenter Ausführung und Preis (die trotzdem in Windeseile vergriffen waren).
Um Catherine Ribeiro, die am 23.8.2024 in einem Pflegeheim in der nördlichen Provence starb, war es zuvor nach einem kurzen Revival in den 00er Jahren ruhig geworden. Der autobiographische Roman, an dem sie schrieb, wurde nicht mehr beendet, private (Tod des Ehemanns und der Tochter) und gesundheitliche Probleme zuvor trugen das Übrige bei.
Im Wikipedia-Eintrag steht neben dem Eintrag “aktive Zeit: 1963 – 2010” auch “Ideologie : anarchistisch” :
Für die Künstlerin stand “Freiheit” und vor allem auch die Verteidigung der eigenen inneren Freiheit über allem. Den Ruf, äußerst schwierig zu sein, erwirbt sie sich durch ihre leidenschaftliche Verteidigung der Rechte der Unterdrückten und Unterprivilegierten und dezidierten politischen Aussagen, und, ja, auch durch die sperrige Musik, die anarchistische Ideen mit avantgardistischer Musik in Gleichklang bringt. “Lasst der Kunst all ihre Schönheit und die Reinheit” ist zeitlebens ihr Motto.
Und so wird ihre Musik mit Alpes – im Gegensatz zu ihren späteren Alben mit Chansoninterpretationen – weiterhin von einer größeren Öffentlichkeit unentdeckt bleiben, dafür wird sie von einer jüngeren, nicht am Mainstream interessierten, Generation entdeckt.

Die Geschichte von Catherine Ribeiro beginnt 1941 inmitten des Zweiten Weltkriegs im Industriegürtel von Lyon, wo ihre Eltern, portugiesische Auswanderer, arbeiten und politisch der Kommunistischen Partei nahestehen. Ihre Mutter lehnt die früh erwachte künstlerische Neigung Catherines ab und reagiert mit Härte und Ablehnung. Die Traumata werden von Catherine in ihrem Buch über ihre Kindheit L’Enface (L’Archipel, 1999) zwar poetisch verschlüsselt, aber schonungslos beschrieben. Mehrere spätere Suizidversuche sind wohl auch in den Konflikten der Kindheit begründet.
Danach: Die Flucht nach Paris mit 19 Jahren, sie schreibt Gedichte und taucht ab in die Welt der großen Dichter, will Schriftstellerin werden. Sie muss aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen, Rollen in Theaterstücken, und auch in Jean-Luc Godards “Die Karabinieri” und einigen anderen Filmen führen aber zu nichts. Das heißt, das stimmt nicht ganz. Sie lernt Patrice Moullet kennen, mit dem sie eine lange amouröse und künstlerische Liason in der Musik beginnt.
Mit der “yé yé-“ Welle, der französischen Interpretation des neuen Pop-Phänomens der Früh-1960er, das durch die Beatles ausgelöst wurde, versucht man sich zuerst mit Adaptionen von Folkstücken und aufgepeppten Chansons, bevor Moullet psychedelische Musik und sein Talent für das Bauen von eigenen Instrumenten – das “Percuphone” beispielsweise – und Klangtechniken entdeckt.

Es entsteht Musik, die so noch keine Vorläufer in der französischen experimentellen Musik hat. Elektronische, halluzinierende und hypnotische Klangteppiche kombiniert mit Free Folk, die die Grundlage für Catherine Ribeiros Gesang bilden. Im Laufe der Alben entfernt man sich auch immer mehr von der klassischen Songform, obwohl die Texte die Essenz bleiben. Die komplexen Strukturen der Songs lassen Vergleiche mit der unkonventionellen Prog-Band Van der Graaf Generator und ihrem ähnlich stimmlich ausdrucksstarken und die Grenzen überschreitenden Mastermind Peter Hammill zu.
Themen wie Suizid, Einsamkeit, Unterdrückung, poilitische Konflikte; teils poetisch verschlüsselt, teils konfrontativ sind das eine, die Stimme Catherine Ribeiros aber das eigentlich Sensationelle:
“ Eine großartite Stimme: Stimme der Hoffnung, der Verzweiflung, der Geburt und der Agonie, des Hasses und der Liebe, eine Stimme des Herzens und des Sex, eine Stimme des Wimmerns und des Schreiens, eine magische Stimme mit den Wörtern, die sie ausspricht, eine Stimme, die aus den Eingeweiden kommt und direkt in die Eingeweide derjenigen trifft, die sie hören,”
so überschwänglich schwärmt der Musikjournalist Etienne Blondet 1975.

Die Platten von Catherine Ribeiro & Alpes aus den 1970ern Jahren stehen als einzigartiges Zeugnis für die heute undenkbare Verbindung von wegweisender experimenteller Musik, politischem Engagement und sehr persönlichen und introspektiven Lyrics.
Auch ebnen sie den Weg für einheimische Musiker, zum Beispiel aus dem Rock In Opposition – Umkreis wie Etron Fou Leloublan oder Albert Marcoeur, aber auch für von der “reinen Lehre” abkommende Chansonsängerinnen wie Brigitte Fontaine, die Songs oder den Chanson in eine freiere, experimentelle Richtung weiterentwickeln.

 

Siehe auch :

https://www.mikro-wellen.net/wordpress/frankreich/

Ripples

December 9th, 2023

Winter Of Discontent:
Bob Stanley/Pete Wiggs – Winter Of Discontent
Gina Birch – I Play My Bass Loud
The Memorials – Music For Film: Tramps! / Women Against The Bomb
Cathi Unsworth – Season Of The Witch

 

Der Begriff “Winter Of Discontent” fasst die Unruhen in Großbritannien in verschiedenen urbanen Brennpunkten und die massiven Streikwellen Ende der 1970er Jahre – genauer von November 1978 – Februar 1979 – und die zunehmend prekären wirtschaftlichen Verhältnisse eines Landes im Niedergang zusammen. Schließlich führte dies zum Fall der Regierung von James Callaghan und dem Wahlsieg von Margaret Thatcher am 3. Mai 1979. Von den Yellow Papers genüsslich ausgeschlachtet, konnte man Horrorgeschichten von im Müll versinkenden Städten bis zu nicht bestatteten Leichen aufgrund der Arbeitsniederlegung in verschiedenen Branchen lesen.
Außerdem sorgten die klimatischen Verhältnisse in diesem besonders kalten Winter für weiteres Unbehagen. Die Labour-Regierung befand sich in einem Dilemma:
Den von den Gewerkschaften geforderten Lohnerhöhungen konnte nur teilweise nachgegeben werden, da gleichzeitig in Inflation in astronomische Höhen kletterte. Das Land hatte jedenfalls jede Menge Probleme außer nicht abgeholten Müllsäcken.
Aus (Sub-) kultureller Sicht waren die Mitt- bis Endsiebziger dagegen eine wahre Blütezeit der Nonkonformität.
Die Initialzündung von Punk fand schon 1976 durch Malcom McLarens geschickte Inszenierung der Sex Pistols – ausgestattet mit schrägen Klamotten aus der mit Vivian Westwood betriebenen Boutique SEX in Chelseas Kings Road, exzentrischen Haarschnitten, scheinbar rüdem Auftreten und mit einem kulturtheoretischen Überbau aus situanistischen und (salon-) marxistischen Ideen gepimpt. Nachdem sich das gemeine Volk von den Beleidigungen bzw. Infragestellen des Königshauses und der verbalen Eskalation in einer reaktionären Talkshow (Where Is Bill Grundy now? sangen die TV Personalties dann später auf ihrer Debut-Single) irgendwie erholt hatte und sich an die bunten Gestalten im Straßenbild der Großstädte gewöhnt hatte, hatte der Punk-Urschrei für die junge, kulturinteressiere Generation in jedem Fall den Effekt, dass nun jeder, der etwas zu sagen hatte, dies sich auch traute zu tun, im zweifelsfall auf einer Bühne.
Und die musikalischen Ideen aus dem Wohnzimmer konnte man durch die plötzlich entstehende und florierende Infrastruktur auf Schallplatte pressen, das Cover gestalten und das Produkt selbst oder in den spezialisiereten Läden vertickern.
Nachdem Punk endgültig verpufft war, fing der Spaß erst richtig an, wie die Masterminds von Saint Etienne Bob Stanley und Pete Wiggs in den Linernotes der dem Thema gewidmeten Kompilation, einem weiteren Höhepunkt ihrer sich diversen obskuren Musikrichtungen der britischen Kultur widmenden Albumserie schreiben.
Margaret Thatchers viel zitierte Aussage -There’s No Such Thing As Society -, darauf gemünzt den Gemeinschaftssinn und die Solidarität der Gesellschaft lächerlich zu machen und die rücksichtslose Individualität und Privatisierung als das neue Credo zu verkünden, führte ironischerweise in der Subkultur zu merkwürdigen Blüten. Das für ein bis zwei Jahre zugestandende Fördergeld für neu gegründete Self Made-Unternehmen wurde von Labels wie Alan Jenkins Cordelia Records oder Yukio Yungs Hamster Records kurzerhand dafür eingesetzt, die obskursten der obskuren Untergrundmusiker auf Schallplatte zu pressen.
Bob Stanley / Pete Wiggs present Winter Of Discontent versammelt hier aber einige der absoluten musikalischen Perlen der DIY-Kultur, die als Kontrast zu den grauen Endsiebzigern farbenfroh schillern. Einge der Singles wie King And Country von Dan Treacy’s TV Personalities, Fairytale In The Supermarket von The Raincoats, Work von The Blue Orchids, Scitte Politti oder The Mekons gehören inzwischen zum Kanon des Post-Punks. Andere, nicht minder wichtige aber unbekannt gebliebene Bands gibt es (wieder) zu entdecken. Die meisten Projekte waren rein privater Natur und die in Eigenregie produzierten Singles hätten ohne das offene Ohr für besondere Klänge von John Peel und der Schirmherrschaft des Rough Trade Ladens in der Londoner Talbot Road nie außerhalb des eigenen Freundeskreis Gehör gefunden.
Bandnamen wie The Red Pullover, Human Cabbages, Thin Yoghurts, Fatal Microbes oder The Gynaecologists zeugen von einem latent bis manifesten DADA-Gen, während die Musik dagegen sehr britisch, Art-School-geprägt und das enge Korsett von Punk in alle möglichen Richtungen ausweitend, Perspektiven für eine in die Zukunft gerichtete Musik versprach.
Ab 1981 schien sich aber die neue Freiheit wieder zu verlieren, Bands lösten sich wieder auf, drifteten in den Mainstream und neue subkulturelle Bewegunbgen (New Romantics, Dance Music) ab.

 

Gina Birch hat sich als eine der wenigen Urgesteine der frühen Rough Trade-Schule deren Aufbruchsgeist bewahrt und nebenbei den “Winter Of Discontent” selbst aktiv erlebt. Von der ersten Single mit den Raincoats bis zu I Play My Bass Loud sind über vier Jahrzehnte ins Land gegangen und doch ist dies ihr erstes Solo-Album. Musik ist für Birch eben nur eine von vielen Möglichkeiten sich auszudrücken; Malen und Filmen sind ebenbürtige Leidenschaften.
I Play My Bass Loud klingt einerseits so wie die Zeit stehen geblieben wäre und durch die sparsame, spröde Instrumentierung doch auch zeitgemäß und aktuell.
Verschrobene Rocker und noch windschiefere Balladen, Dub und Reggae, Krawall und Introspektion reichen sich die Hand und Gina lässt dem geneigten Hörer die Illusion, dass die Vision einer aktiven Counter-Culture-Szene (und nicht Cancel Culture) immer noch existiert.
Prima Platte!
In Brighton haben sich Ex-Electrelane Mastermind Verity Susman und der Wire-Gitarrist Matthew Simms gefunden, um nun als The Memorials in Zusammenarbeit mit progressiven Filmdirektoren all ihre musikalischen Vorlieben und Exzentritäten in die Form von Soundtracks fließen zu lassen.

 

Die schöne Doppel-LP Music For Film beinhaltet einerseits die Musik für die Dokumentation Tramps! von Kevin Hegge, der ehemalige Protagonisten der New Romantic Szene der 1980er interviewt (und Film- und Fotomaterial von damals gegenschneidet. Die Outfits in dieser Vor-Aids-Zeit können aus heutiger Sicht eher als Proto-Drag und Art-Statement als reine Popmusikbewegung durchgehen.
Susman und Sims komponierten für den Film weniger die vermutbaren Synthiepopsongs, sondern abstraktere, düstere Klanglandschaften à la Cabaret Voltaire oder Dome.
Women Against The Bomb von Sonia Gonazales ist der andere Dokumentarfilm, für die The Memorials die Musik geschrieben haben. Der Film erzählt die Geschichte des Peace Camps von Greenham Common, das 1981 von Frauen als Protest gegen die Stationierung von Nuklearwaffen ins Leben gerufen wurde. Musik hatte als Begleitung für die Proteste einen wichtigen Stellenwert. Tatsächlich dort gesungene und imaginäre Songs, kombiniert mit Zitaren der alternativen Musik von damals – New Wave, Noise, Krautrock und Gitarrenpop – lassen die Musik authentisch und gleichzeitig in der jetzigen Zeit verankert klingen. Susman und Sims beweisen sich als wahre Meister ihres Fachs, was sie auch live wie bei einem Konzert vergangenen Oktober in der Lisabonner Music Box zeigen (sieh Foto), als das Duo ihre Songs zwischen Indie-Pop und Avantgarde mit einer Vielzahl Instrumenten (und einigen vorgefertigten Computerspuren) auf die Bühne brachten und eine Spur Magie verbreiteten.

 

Die ehemalige Sounds-Schreiberin Cathi Unsworth hat sich in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf als Autorin für düstere Noir-Kriminalromnane erschrieben; ihre ursprüngliche Leidenschaft – die Musik – aber keinesfalls vergessen (z.B. die ausgezeichnete Biographie über die Punk – und Modepionierin Jordan, die im Umfeld von McLarens und Westwoods Sex/Seditionaries – Shop, den Sex Pistols und später bei den ersten Filmen von Derek Jarman einen großen Einfluss hatte)
Season Of The Witch beleuchtet aus eigener Erfahrung den, nicht nur musikalischen Hintergrund von Goth. Auch hier kann man den Ursprung und die Initialzündung auf den Winter of Discontent und Thatchers radikale Umformung Großbritanniens in den 1980ern zurückführen. Siouxsie & The Banshees, Joy Division, The Cure und Magazine waren die ersten, die einen Weg fanden die Dissonanz und die in der Luft liegende Düsternis des Jahrzehntewechsels in ihrer Musik auszudrücken. Viele andere folgten:
Aus erster Hand und eigenen Erfahrungen durch Interviews usw. schöpfend, lernt man den Werdegang auch von erst später dem Genre zugerechneten Bands und Musikern wie Bauhaus, Killing Joke, The Cramps, Lydia Lunch, Foetus, These Immortal Souls, Birthday Party, Diamanda Galas, Einstürzende Neubauten, Cocteau Twins und vielen anderen kennen; im Hintergrund spielen dabei immer die sozialen und weltpoltischen Spannungen einer Welt, die scheinbar vor dem Abgrund und der nuklearen Apocalypse stand.

 

 

 

Daphne X – The Plumb Sutra
Drew Mulholland – Through The Glass Darkly
Drew Mulholland – CP1919
Fiesta En El Vacio – Fiesta En El Vacio
Le Diable Dégoutant – Dito
Enhet För Fri Musik – Inom Dig, Inom Mig
DEK – 1981-87 Vol.1
Me Lost Me – RPG

 

Wien und Linz dienen als temporäre Ausgangsbasen für die griechische Musikerin und Soundartistin Daphne X (Xanthopoulou), die live bei diversen experimentellen Musikfestivals in letzter Zeit zu sehen und hören war und dessen ausgezeichnetes Tape The Plumb Sutra auf dem Londoner Label Bezirk Tapes (das klingt zweifelsohne auch nach einer österreichischen Verbindung) erschien.
Die Songs für das Album entstanden im beinahe gänzlich entvölkerten galizischen Hinterland und spiegeln mit – gefühlt –
bis in die Unendlichkeit sich wiederholenden Piano-und Synthie-Loops, elektronischen Verfremdungen und Natur- und Gesprächs-Aufnahmen die Atmosphäre wider. Daphne X zieht in ihren Kompositionen einerseits Parallelen zu Pauline Oliveiros Deep Listening Musikphilosphie, aber fühlt sich auch von Neo-heidnischen Folksongs inspiriert. Wäre The Plumb Sutra allerdings nur die Suche nach einer esoterischen Grenzerfahrung, klänge das nicht weiter erwähnenswert. Durch Brechung und Montage schafft Xanthopoulou aber eine nicht leicht entwirrbare, unheimliche Grundstimmung, die durch eine spröde Punkästhetik befeuert, an die geheimnisvollen, post-industriellen Musiklandschaften von Zoviet France anknüpft und den Songs eine besondere Tiefe gibt.

In Glasgow verschrieb sich Drew Mullholland mit seiner Musik schon immer dem Überweltlichen und Nicht-Eindeutig -Erklärbaren dieser oder anderen Welt(en), und das meist mit einem im Post-Industrial-Genre unüblichen Augenzwinkern. The Séance At Hobs Lane, Mulhollands Kollaboration mit Musikern aus der Glasgower Szene und Adrian Utley als Mount Vernon Arts Lab gilt zum Beispiel zurecht als Meilenstein und Referenz für die Library Music – Protagonisten und Hauntology. “…The forthcoming end of the world will be hastened by the construction of underground railways burrowing into infernal regions and thereby disturbing the Devil.” (Rev. John Cumming, 1860) liest es sich auf dem Cover, des dann auch folgerichtig auf Ghost Box – Records erschienenen Albums. The Norwood Variations ist dagegen eine eklektische Mischung aus Kammermusik und einem Spoken Word- Vortrag über Psychogeographie; The Warminster UFO Flap macht diverse UFO-Sichtungen und scheinbar wahrgenommene Audio-Signale aus dem Weltraum um Salisbury herum zum Thema für eine andere Kultplatte.
Spezielle Plätze, an denen Unerklärliches geschehen sein mag oder Personen, denen solches widerfahren ist, sind oft der auslösende Impuls für Drew Mulholland, sich dem intensiver künstlerisch zu widmen.
So auch bei den beiden diesen Sommer erschienenen Tapes auf dem jungen, sehr empfehlenswerten britischen Label Human Geography: Through The Glass Darkly und CP1919.

John Dee wurde 1527 in London geboren und war so intelligent, dass er als 20-jähriger neben umfassenden Kenntnissen der Astrologie, Astronomie, Mathematik und Navigation auch Griechisch, Latein und Hebräisch beherrschte. Er wurde nicht nur deswegen, sondern auch aufgrund seiner voluminösen Bibliothek mit okkulten Büchern zum Außenseiter. Er fühlte sich mit seinem Wissen befähigt mithilfe eines zweitausendjahre alten obsidischen reflektierenden Glas/Steins/Spiegels, das heute im Britischen Museum ausgestellt ist, direkt mit Gott und Engeln zu kommunizieren.
Während seiner Zeit als Composer in Residence an der Schule für Astrophysik an der Universität von Glasgow wurden Mulholland selbstverständlich auch einige seltsamen Ereignisse zugetragen : Ein von Jocelyn Bell 1967 am Mullard Radio Astronomy Observatory registriertes, alle 1377 Sekunden auftauchendes, nicht erklärbares Signal oder die kosmische Mikrowellen Raditation, die 1964 von zwei Astronomen in New Jersey als Töne wahrgenommen wurden und letzlich auch die Big Bang-Theorie bekräftigen.
Die Musik: Wie zäh dahinfließende, grau-schwarz-schillernde Magma tönen im übertragenden Sinn die Tape Loops und Drones, die Drew Mulholland für die beiden Tapes komponierte. Schon als Zwölfjähriger, wie er in den Linernotes zu The Norwood Variations schreibt, habe er mit einem Freund mit Loops experimentiert. Das Rohmaterial stammte aus Field Recordings, die in vergessenen Bunkern aus der Kriegszeit, verlassenen Industrierelikten oder neben Bahnlinien aufgenommen wurden. Die Fragmente der Industriellen Revolution dienen Mulholland als Gestaltungsmittel für eine kosmische Musik, die hier nichts Befreiendes oder Schwebendes innehat, geschweige denn kitschige Synthesizersounds, sondern ganz spröde nur dunkle Geheimnisse verspricht.
Musik als Hommage für die Visionäre aus einer Zeit, in der die Wissenschaft auch ein Lauschen in die unendlichen Weiten der nächtlichen Himmel mit abenteuerlichen Gerätschaften bedeuten konnte.

Luna Cedrón berief sich bei der Namensgebung für ihr Projekt im musikalischen Metier auf ein Gedicht der argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die ähnlich wie Sylvia Path mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und schließlich Suizid beging, aber in ihrem Werk eher Schönheit und Klarheit als Verzweiflung in Worte fassen konnte: Fiesta En El Vacio (Party in der Leere).

Cedrón wurde in Spanien geboren, lebte dann aber mit ihrer ruhelosen Mutter in Südfrankfreich, in Mexiko, Argentinien, Kuba und ist zwischenzeitlich in Brüssel gelandet, wo sie mit der hyperaktiven musikalischen Außenseiterszene partizipierte und auch einen bleibenden Eindruck beim letzten Kraak-Festival vor dem Covid-Lockdown 2020 hinterließ. Ihre home-made Popsongs, die sie für ihr Debut-Album für das französische Label Simple Music Experience aufnahm, huldigen dem Geist der Wohnzimmerproduktion, kleiden ihre Affinitäten – Gedichte, Synthie-Pop, Flamenco, okzitanische Folksongs in leicht melancholische, experimentelle und stilistisch abwechslungsreiche Popsongs mit einem leichten Cold Wave-Flair, die trotz aller Subtilität eine ungemein suggestive Wirkung entfalten.

Pauline Marx, die eine Hälfte des Duos La Fureur De Vouivre, verfolgt auf ihrem Debut-Solo-Album Fleur De Chagrin als Le Diable Degoutant ihrer ganz eigenen Version von “Hauntology” made in France. Die studierte Ethnologin und Feldforscherin vergräbt sich in alte Mythen aus Frankreich, Island und Irland; interpretiert überlieferte Balladen in vergessen gegangenen Sprachen mit seltsamen Instrumenten. Wie auch die Mikroszene aus dem Nürnberger Raum um Läuten der Seele, dem Gespensterland-Sampler oder Baldruin entsteht eine nicht wirklich einzuordnende Musik, die ein geheimnisvoller Zauber umrankt und zwischen Drones und Folk balanciert, aber auch, vielleicht unbewusst, die Tradition von legendären, der Art Bruit – zugewandten Bands wie Look De Bouk oder Klimperei weiterführt.

 

Die schwedische Formation Ehnet För Fri Musik, die sich aus Mitgliedern von verschiedenen jungen Undergroundbands zusammengefunden hat, versprüht auf Inom Dig Inom Mig keinen dementsprechend juvenilen Elan, sondern wirkt wie sie die letzten europäischen Benzodiazepin-Bestände gehamstert und konsumiert hätte, nur um dann in den Hobbykeller der Eltern hinabzusteigen und sich einem Freak-Out der anderen Art hinzugeben. Auf leisesten Sohlen wird mit Saxophon, Bass, Keyboards improvisiert. Darüber legt sich hin-und wieder die zwischen unbeteiligt und traurig wirkende Stimme der Sängerin, die die Gabe hat, den geneigten Hörer doch noch in den Bann zu ziehen. Seltsames Skandinavien.

Inspiriert von The Residents, Marc Perry, Negativland und wohl auch von Krautrock und Dada dokumentierten ab 1981, abseits der Metropolen im Französischen Süden Patrick Dekeyser und Vincent Epplay unter dem Namen DEK (Des Enregistrements K7) ihre nächtlichen Zusammenkünfte, die sich in durchstrukturierten minimalistischen Soundcollagen manifestierten. Noch deutlich von der Aufbruchsstimmung des Punks inspiriert, aber sich schon für experimentellere Ausdrucksformen interessierend, ist die Wiederveröffentlichung dieser Kassettenaufnahmen aus dem Archiv des Duos auf Jelodanti Records eine wahre Perle. Elektronische Minaturen, Xylophon, Saxophon, Gitarre, Tapeaufnahmen, surrealistische deutsche, englische und französische Lyrics, absurde Radiohörspiele und vieles mehr bekommt man zu hören. Musik, die damals wie vieles zwischen 1978 und 1982 ihrer Zeit voraus war und auch heute noch mindestens zeitgemäß und frisch klingt.

 

Durch die Nachwehen der Pandemie sind natrürlich speziell auch die kulturellen Einrichtungen, insbesondere die mit nicht kommerzieller Ausrichtung, in vielen Städten gebeutelt worden. Zum Beispiel: Newcastle. Die lebendige Undergroundszene um das Old Police House und das Tusk Festival muss sich gerade wieder neu erfinden, da plötzlich die Mittel und die Räumlichkeiten fehlen. Aber aufgeben gilt nicht. Richard Dawson, Mariam Rezaei und auch Jayne Dent, die als Me Lost Me mit RPG gerade ein neues Album präsentiert, tragen den DIY-Geist der experimentellen Musik made in the North East auch auf internationale Bühnen. Me Lost Me wirft traditionelle Folklore, Geschichten und Poetry, alt und neu mit den Billigtönen von Computerspielen in einen Topf, rührt das Gemisch kräftig durch und klingt so catchy wie eigen. So kann ein überlieferter traditioneller Folk-Song sich mit einem über Schlaflosigkeit, aufgrund einer Überreizung durch Videospielkonsum ohne Stilbruch ablösen, traditionelle Arrangements münden in solche mit Streichern und Synthesizern; und dazwischen singt Dent mal kurzerhand A Capella.

http://www.bezirk.bandcamp.com

http://human-geography-recordings.bandcamp.com

http://www.simplemusicexperience.bandcamp.com

http://www.melostme.com

 

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July 3rd, 2023

The Orielles – Tableau
The Orielles – Live At Stoller Hall Manchester
Joanne Robertson – Blue Car
Annelies Monseré – Mares
Delphine Dora – As Above, So Below
Esben & The Witch – Hold Sacred

Viele in diesen Tagen veröffentlichte Produktionen sind in den diversen Lockdowns der Pandemiezeit in Isolation komponiert und aufgenommen worden und klingen wie eine Nachhall dieser beklemmenden Zeit, die aber andererseits auch die Kreativität zu beflügeln schien. Unötig zu sagen, dass die sich mit den dunkleren Themen des Lebens auseinandersetzende Musik auch gut in das Jahr 2023 passt.

Vegleichbar mlt dem Liverpooler Frauen-Trio Stealing Sheep zeigen die ursprünglich aus Halifax, tief in Yorkshire, stammenden The Orielles eine erstaunliche musikalische Entwicklung – und Wandlungsfähigkeit, vom “intergalaktischen Hyper-Pop” auf ihrem Debutalbum zur Leftfield-Band mit offenem Visier in alle Richtungen.
Noch quasi im Teenageralter erspielten sich Sidonie Hand-Halford (Schlagzeug), Esmé Dee Hand-Halford (Bass, Gesang) und Henry Carlyle Wade (Gitarren, Gesang) mit ihrem aus der Zeit gefallenen melodischem Indie-Pop mit Shoegazer-Anleihen eine treue Anhängerschaft aus Nostalgiern und Frischlingen.
Die Verlegung der Homebasis nach Manchester und die inspirierenden Begegnungen mit den florierenden musikalischen Subkulturszenen der Stadt und darüber hinaus – Salford, Blackburn, you name it… – zeigte dann schnell Wirkung: Auf den nachfolgenden Alben Disco Volador und La Vita Olistica (der Soundtrack zum eignen Film. Ja, man zeigt sich vielseitig und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt) lassen sich schon neue und gewagtere, aus dem Indie-Kosmos ausbrechende, Ideen in ihren Songs heraushören: Dancefloor,- Krautrock-, Jazz-Punk-, 70s Disco-, Tropicalia- und psychedelische und elektronische Verschwurbelungen aller Art mischen sich in die weiterhin als catchy, sophisticated Popsongs angelegte Musik. Die diversen Lockdowns während der Pandemie verhinderte zwar La Vita Olistica auch vor Publikum präsentieren zu können, gab der Band allerdings auch die Möglichkeit ausführlich über neue Projekte nachzudenken.

Mit dem aktuellen Doppel-Album Tableau wagen sich The Orielles nochmals einige Schritte in bislang unbekanntes Terrain vor. Anleihen an Kunsttheorien, die von Eno und Peter Schmidt entworfenen Oblique Strategies und den Geist der großen Free Jazzer sind nur einige Einflüssen, die auf Tableau zum tragen kommen. Die Songs klingen dann aber alles andere als akademisch-verkopft; das Trio hat eine traumhaft stilsichere Mischung gefunden, die Improvisationen, Streicherarrangements und ihr Gespür für den perfekten Popsong in Einklang bringen. Unbedingt empfehlenswert ist auch das Tape mit einer Liveaufnahme in der Manchester Stoller Hall, ein Auftritt, der vom Plattenladen Picadilly Records und mit symphonischer Unterstützung des Northern Session Collective nochmals ein anderes musikalisches Licht auf das Repertoire der Band wirft.

Ähnlich wie die auch in einer englischen Hafenstadt aufgewachsene Teresa Winter wurde Joanne Robertson in Blackpool durch Punk bzw. dessen Ausläufer sozialisiert. Was sie neben der Malerei nun vor allem macht, ist, in Lyrics gekleidete Momentaufnahmen, die aus ihrem Tagebuch stammen könnten, in suggestive, tief von der britischen Folktradition inspirierte Songs zu übersetzen (im Gegensatz zur erwähnten Teresa Winter, die Grenzbereiche zwischen Elektroakustik und dekonstruierten Post-Rave auslotet).

Wie schon auf Painting Stupid Girls, das auf dem Label des befreundeten Hype Williams erschien, sind das mit einer halbakustischen Gitarre gespielte, rauhe, meist bewusst unfertig wirkende Stücke, die im privaten Rahmen aufgenommen wurden. Das Rauschen und andere Störgeräusche sind wohl Stilmittel, um neben Intimität eine Aura von Verlorenheit und Einsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Auf dem aktuellen mit dem mobilen Telefon aufgenommenen Video zum Titelsong Blue Car läuft Joanne Robertson durch menschenleere Hotelgänge und Einkaufspassagen, inspiziert ihr Zimmer und sich im Spiegel des Bades in einem Anti-Selfie-Style. Anstatt gestellt-bemühte Fröhlichkeit und das Protzen mit einem großen Freundeskreis sieht man nur das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Blue Car ist eine Huldigung der Introspektion. Der durch die Aufnahmetechnik manchmal betont verwaschen wirkende Gesang und die fragil-schrägen Gitarrenmelodien transportieren eine spukhafte Stimmung, die den geneigten Hörer unweigerlich in den Bann ziehen kann.

Annelies Monseré bewegt sich im weitesten Sinne im gleichen Fahrwasser wie Joanne Robertson, wobei die multibegabte Musikerin aus Ghent ihre Wurzeln im Slow Core, also der introvertierten Variante des Grunge hat.

Auf ihren Alben entdeckte sie aber zunehmd die experimentelleren Formen der europäischen Folktraditionen, die als Inspiration und eine dunkelschillernde Musik, die immer auch mal in Drones münden, zutage bringt. Kollaborationen mit unterschiedlichen Musikern aus dem Off-Stream-Spektrum wie Steve Marreyt im Duo Distels oder Luster ließen in den letzten Jahren ebenso aufhorchen wie ihre Solo-Alben und Live-Auftritte. Die komplexen Songs auf ihrem aktuellen Album Mares, das Kindheitserinnerungen von Ausflügen ans Meer, die aufgrund der Zeit von anderen Geschehnissen überlagert oder verblasst sind, als zentrales Thema hat, klingen trotz aller Ausgefeiltheit – die Aufnahmen entstanden über eine lange Zeitspanne von 2017-2022 – und Fragilität roh und düster.

Delphine Dora zeigt sich auch nach der Veröffentlichung ihres bisherigen Meisterwerks L´inattingible (three four records) umtriebig wie eh und je. Neben Konzerten an ausgesuchten Orten sind ihre Alben auf verschiedene Labels verstreut, so daß es nicht gerade einfach ist, einen Überblick zu behalten. Beliebig ist ihre Musik allerdings nie. Die ihr eigene Spontanität und Neugier bringen imnmer wieder unerwartete Facetten hervor. Im Gegensatz zum durchkomponieten Album L`inattingible, auf dem das ganze Spektrum ihres künstlerischen Umfelds mitwirkte und das als eine Art Zwischenbilanz betrachtet werden kann, bekommt man es bei As Above, So Below mit Delphine Dora pur zu tun. Fasste L ´inattingible alle ihre Interessen, sei es Chanson, Stücke für Orgel Solo, Poetry, Field Recordings oder Folk zusammen, überrascht sie auf As Above, So Below mit einem Konzeptalbum, das um ein deutsch und französisch vorgetragenes Gedicht von Novalis Cantique Spirituel kreist.

Rätselhaft abstrakte, spirituell angehauchte Piano-Miniaturen erinnern entfernt an die Saties Rosenkreuzer-Kompositionen. Vernebelte Gesangparts, im Hintergrund hört man Straßengeräusche, entfernt Gespräche; Naturaufnahmen von Vögelgesängen, Wind und Regen. Und alles zusammen bildet die perfekte Atmosphäre, um innerlich zwischen intimer Schönheit und mittelalterlichem Spuk hin- und her zu pulsieren.

Das Trio aus Brighton Esben & The WitchRachel Davies, Thomas Fisher, Daniel Copeman – das seit 2008 für eine ganz eigene musikalische Variante aus Goth, Shoegaze, Soundscapes und experimentellem Rock steht, hat sich vor einigen Jahren wie so viele andere in Berlin niedergelassen. Für die Entstehung ihres bislang fünften Albums Hold Sacred quatierten sie sich aber wie üblich an abgeschiedenen Orten ein, wie in den Linernotes zu lesen ist: Außerhalb Roms, an der Atlantikküste bei Porto, auf dem Land in Frankreich und Deutschland, um genau zu sein.

Dort fand man offenbar auch einen spirituellen Zugang zur Natur, die bei einer Band, deren Namen sich ja auf eine dänisches Gruselmärchen bezieht, immer auch eine übersinnliche Komponente vermuten lässt. Die früheren teilweise epischen Songs mit dramatischen Spannungsbögen sind auf Hold Sacred kürzeren, überwiegend einem leiseren Klangspektrum zuzurechnenden gewichen. Der markante Gesang der Bassistin und Texterin Rachel Davies ist der zentrale Kern dieser trotz Dislokation durch und durch britischen Musik, um den Gitarre und Keyboard die verschachtelten Songs ausgestalten.

http://www.theorielles.co.uk

http://www.joannerobertson.bandcamp.com

http://www.annelies-monsere.net

http://www.delphinedora.bandcamp.com

http://www.esbenandthewitch.bandcamp.com

Ripples

February 11th, 2023

Firmaet Forvoksen- Undone Shal
Bloedneus & De Snuitkever – Milli Milli

Aus der auffällig vielseitigen musikalischen Szene in Stavanger kommt nach der sperrigen Solo-Platte von Gaute Granli für Ultra Eczema ein weiteres Beispiel der Kategorie Unanhörbarkeit mit Ohrwurmcharakter. Diesesmal konnte Granli Thore Warland als ähnlich veranlagten kompromisslosen Weggefährten gewinnen. Unter dem Bandnamen Firmaet Forvoksen spielen sie eine Musik, die manchmal wie eine aktualisierte Version des unbestrittenen Meilensteins von The Residents – Eskimo – klingt, denn die Fake-World Music-Songs widmen sich mit ähnlich musikalischen Mitteln den kargeren Landschaftsteilen Norwegens. Steife Winde jagen über die Tundra, ein undefinierbarer, klagender Singsang beschwört und besänftigt die Naturgeister, exzentrisches Gitarrengezupfe und rituelle Trommeleien vereinen sich zu einem alchemistisch bis zäh-dichten Klangteppich, der, mit Synthesizer-Noise angereichert, und psychedelisch verschwurbelt ständig Gefahr läuft, ins Chaos abzustürzen, dann aber doch immer wieder die Kurve bekommt und beweist, dass der Wahnsinn immer auch Methode haben kann.

 

Das beiliegende Poster, das Granli und Warland beim Ausritt vor einem norwegischen See zeigt, lässt uns noch mehr rätseln.

Lukas De Clerck hat sich für seine Experimente der musikalisch-transzendenten Art dem alt-griechischen Aulo als Instrument seiner Wahl verschrieben. Als Kontrast zu dem sanften Flöten, mit denen das Aulo laut Wikipedia fälschlicherweise assoziiert wird, geht es hier phasenweise laut und fast Dudelsack-Oberton-mäßig zur Sache.

 

Bloedneus & De Snuitkever als Künstlername kann auch wahrscheinlich nur einem Belgier einfallen und mit seinen feedback-nachhallenden Kompositionen auf der Milli Milli – LP lotet er das Klangspektrum der Kirchen, in denen die Platte aufgenommen wurde, nochmals neu aus. Das klingt als Gegensatz zum dronigen Part auch zwischenzeitlich irrlichternd-melancholisch und vortastend. Die nicht ganz unbekannten Pfade, die Lukas De Clerck mit der Verbindung von alter und neuer Musik beschreitet, passt perfekt in das Kuriositätenkabinett des Labelkatalogs von Kraak.

kraak.net