Ripples

November 25th, 2024

Free Folk New Ruralism

Carme López – Quintela
Laura Cannell – The Rituals Of Hildegard
Ana Lua Caiana – Vou Ficar Neste Quadrado
Memorials – Waterslides
Rosso Polare – Campo Amaro
Layla Martínez, Olga Merino Sara Mesa, Irene Solà – Literatur über ein entvölkertes spanisches Hinterland

 

Mit der Gaita – einer galizischen Variante des Dudelsacks /Bagpipe – versetzt die Musikologin und Lehrerin Carme López an diesem heißen Nachmittag im Atelier des Sechoirs, einem der vielen Veranstaltungsorte dieser Ausgabe des Méteo Festivals in Mulhouse, das Publikum in die ländliche Stimmung ihres Elternhaus im nordspanischen Hinterland. Fein ziselierte elektronische Miniaturen und Feldaufnahmen fügen sich in die langen dronigen Kompositionen ein. Tradition, folkloristische Sagen und Geister, aber auch das unvermeidliche Gefühl der Vergänglichkeit weiß Carme López mit ihrer Musik in Töne zu fassen. Wie auch auf ihrem Album Quintela (Kassette) stehen ihre Kompositionen trotz dem traditionellen Bezug vor allem ihren Vorbildern Éliane Radigue, Pauline Oliveros oder auch den aus ihrer Generation stammenden Kali Maloni und Brighde Chaimbeul nahe. Die nach wie vor etwas seltsame und manchmal irritierdende Verbindung von Harmonie und Drones, die die Musiker dem Instrument entlocken können, bringt in den letzten Jahren spannendste Resultate hervor. Galizien als Rückzugs- und Kreativort ist nebenbei auch für nicht einheimische Musiker offenbar ein Geheimtipp zur Inspirationsfindung geworden. Esben and The Witch haben dort ihr letztes Album komponiert wie unter vielen anderen auch die progressive Folkmusikerin und Lyrikerin Josephine Foster.

Interessanterweise gibt es auch in der spanischen Literaturszene eine kleine Welle mit Romanen von Schriftstellerinnen, die sich ganz in der Tradition des legendären Buchs von Julio Llamazares – Das Gelbe Haus – Der beeindruckende Monolog des letzten Einwohners eines Dorfes in den Pyrenäen, der nach und nach von den Geistern der ehemaligen Nachbarn und der Familie heimgesucht wird und seine eigen Kräfte zum Überleben schwinden sieht – einem Neo-Ruralismus verschrieben haben.
Die ganz oder fast verlassenen Dörfer, vor allem im Süden Spaniens sind eine Realität. Teilweise findet aber seit einigen Jahren eine noch kaum spürbare Gegenbewegung statt: die Pandemie, die Gentifizierung in den Städten oder schlicht der Wunsch, ein selbstbestimmtes, einfacheres Leben zu führen, lassen manche den Rückzug aufs Land antreten. Die Verklärung wird dann meist von der harten Realität eingholt. Olga Merino schildert im düsteren La Forastera das Leben einer mittelalten Frau in einem Dorf mit ihren zwei Hunden, die sich bewusst am Rande der Gesellschaft bewegt. Die wenigen Einwohner, die noch im Dorf leben, begegnen ihr mit Misstrauen oder stempeln sie als verrückt ab. Während sie ihre Hütte und den Garten pflegt, tauchen die Geister der Vergangenheit auf: Geheimnisse der Familie, eine verflosene Liebe und und ein gefundener Toter vermischen sich mit den Erzählungen von früheren Morden in der Gegend.
Layla Martínez erzählt in Caruncho die Rückkehr einer Nichte in ihr Heimatdorf und lässt einen tief in das Herz eines entvölkerten Spaniens blicken, wo die Franco-Zeit noch nicht aufgearbeit wurde. In einer sterilen Atmospähre werden Rachegedanken geschürt und unbewältigte Traumata blockieren die Gefühlswelten.
Irene Solà erzählt in Eu Canto E A Montanha Dança episodenhaft das Landleben in den Pyrenäen von heute und kontrastiert es mit überlieferten mündlichen Geschichten, die natürlich metaphysisch aufgeladen sind und von Gespenstern und zwischenweltlichen Gestalten bevölkert sind.
Die Hauptperson in Sara Mesas Eine Liebe, ist eine Frau, die die Stadt verlässt, um sich ähnlich wie die Protagonistin in La Forastera in einem kleinen Dorf auf dem Land einzurichten. Auch sie wird in der monotonen Landschaft der Olivenhaine bei den Einheimischen zum Eindringling und Fremdkörper und muss einen Weg finden, sich nicht in der Einsamkeitshölle zu verlieren

Die Kompositionen und vor allem der – überlieferte – Werdegang der Nonne, Herbalistin und Mystikerin Hildegard von Bingen hat schon manches Underground-Projekt, vor allem aus dem Post-Industrial-Umfeld, die brisante Würze für einen intellektuellen Überbau gegeben. Laura Cannell, die Musikerin aus Norfolk, hörte die Interpretationen Hildegard von Bingens Canticles Of Ecstasy in der Version von Sequentia, so die Linernotes, zuerst bei ihrem Onkel 1997.

Die Musik aus den dunklen Mittelalterzeiten vor tausend Jahren passt gut zum bisherigen musikalischen Werdegang von Laura Cannell. Ihr Interesse für Alte Musik, mystische Folk-Waisen aus dem ruralen England vergangener Tage und experimentellen Drones, entsprungen aus unseren Tagen zieht sich durch ihr Ouvre. Mittels Bass-Rekorder und Zwölfsaitiger Harfe hebt sie die raue Schönheit der ursprünglichen Melodien, zusätzlich inspiriert durch die Aufnahmen in der Dorfkirche eines verlassenen Dorfes beim Broads National Park in Nofolk, auf eine zusätzlich unweltliche, zeitlose und natürlich spirituelle Ebene, die einen durch das transportierte Gefühl von allumfänglicher Einsamkeit zwischenzeitlich erschauern und innehalten lässt.

Die junge Portugiesin Ana Lua Caiano,Tochter des Schriftstellers Gonçalo M. Tavares und der Illustratorin Rachel Caiano, sorgte mit einem Vertrag beim Label für die etwas andere Weltmusik Glitterbeat und ihrem Debut-Album Vou Ficar Neste Quadrado für Aufsehen in der einheimischen Presse. Vor allem bringt sie aber frischen Wind in das etwas zum Einfallslosen verkommenen Genre der traditionellen Musik.
Bei langen Autofahrten als Kind mit ihren Eltern mit einem Soundtrack der progressiven Liedermacher aus den 1970ern der portugiesischen Musik – Fausto und José Afonso unter anderem – geimpft, greift sie diese Einflüsse in ihrer eigenen Musik wieder auf. Schon früh setzte sie sich mit Musik auseinander, das Erlernen von Instrumenten schon als Kind prägte, aber natürlich kommt man in einer internationalen Stadt wie Lissabon und seinen außergewöhnlich vielseitigen Szenen mit allen musikalischen Trends hautnah in Kontakt.

Ihre erste EP Cheguei Tarde A Ontem bot 2022 schon einen Vorgeschmack, aber auf dem während der stillen und dunklen Pandemiezeit produziertem Debutalbum stimmt die Mélange aus den in der Tradition portugiesischen Folk-Musik stehenden Melodien, die manchmal an die folkloristischen obertonsingenden Vokalensembles erinnern und die nervösen elektronischen Beats und Synthesizerlinien perfekt. Ana Luas Caianos Gesang ist da auch mehr an die experimentellen artifiziellen der Popavantgarde als an Fado angelehnt.

 

Nach den zurecht hochgelobten und inhaltlich subversiven Filmmusik-Soundtracks Women Against The Bomb und Tramps erscheint nun auch das Debutalbum von The Memorials: Waterslides. Verity Susman (vormals bei Electrelane) und Matthew Simms (Gitarrist bei Wire) lassen noch viel mehr als bei ihren anderen Bandprojekten die unterschiedlichsten persönlichen Vorlieben in die Songs einfließen. Zugleich catchy und verschwurbelt, introspektiv und punkig wandeln sie zwar in erster Linie auf ihren ganz eigenen Spuren, führen aber auch die Tradition von geheimnisumrangten britischen Bands wie Pram oder Movietone fort, die ihre fantasievollen musikalischen Psychogeographien facettenreich und labyrinthisch gestalteten.
Versteckt in zehn Popsongs der ganz eigenen idiosynkratischen Art geht es vom Folktune zur Sun Ra-artigen Jazz-Improvisation, von der Sixties-Pop Hymne, die auch dem Hair-Soundtrack gut angestanden hätte zum keyboardigen, spacigen Freak Out.

Zwischen Brescia und Milano spüren Cesare Lopopolo und Anna Vezzosi vergessen gegangene historische Fakten auf und stellen sie in Kontext zu musikalischen Bewegungen. Auf nunmehr vier Alben – das letzte erschien auf dem legendären ADN aka Recommende Records Italia – Label – greifen sie die Linie der in letzter Zeit etwas abebnenden experimentellen Szene in Italien wieder auf.

Das aktuelle Album Campo Amaro, als Kassette auf dem kanandischen Students Of Decay Label erschienen – widmet sich den vernachlässigten oder schlicht sich selbst überlassenen Kanälen und Bächen, die viele italienischen Städte umrunden und heute ihre Wichtigkeit als Transportwege verloren haben und oftmals stark verschmutzt sind. Andererseits hat sich die Natur die Böschungen und die teilweise ausgetrockneten Flussbette zurückerobert und mit spröden und widerstandsfähigen Pflanzen und Kräutern bewachsen lassen. Eine Metapher für widerborstige Musik: Cesare Lopopolos und Anna Vezzosis Songs lassen elektroakustische Experimente, jazzige Exkursionen und Noise-Elemente auf im Hintergrund geisterhaft wahrnehmbare traditionelle Widerstandslieder treffen. Ähnlich wie bei der hervorragenden Antologia de Música Atípica Portuguesa – Reihe auf Discrepant-Records gelingt es Rosso Polare durch diese Verbindung die Folksongs nicht nostalgisch zu verklären, sondern in die Gegenwart zu transportieren.

 

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September 6th, 2024

Catherine Ribeiro – La Vie En Bref (R.I.P. 1941 – 2024)

 

 

Inmitten des Wiederveröffentlichung- Booms der letzten Jahre wurden vom New Yorker Hip Label Mexican Summer auch drei essentielle Alben aus den 1970ern Jahren von Catherine Ribeiro & Alpes wiederveröffentlicht, und das in opulenter Ausführung und Preis (die trotzdem in Windeseile vergriffen waren).
Um Catherine Ribeiro, die am 23.8.2024 in einem Pflegeheim in der nördlichen Provence starb, war es zuvor nach einem kurzen Revival in den 00er Jahren ruhig geworden. Der autobiographische Roman, an dem sie schrieb, wurde nicht mehr beendet, private (Tod des Ehemanns und der Tochter) und gesundheitliche Probleme zuvor trugen das Übrige bei.
Im Wikipedia-Eintrag steht neben dem Eintrag “aktive Zeit: 1963 – 2010” auch “Ideologie : anarchistisch” :
Für die Künstlerin stand “Freiheit” und vor allem auch die Verteidigung der eigenen inneren Freiheit über allem. Den Ruf, äußerst schwierig zu sein, erwirbt sie sich durch ihre leidenschaftliche Verteidigung der Rechte der Unterdrückten und Unterprivilegierten und dezidierten politischen Aussagen, und, ja, auch durch die sperrige Musik, die anarchistische Ideen mit avantgardistischer Musik in Gleichklang bringt. “Lasst der Kunst all ihre Schönheit und die Reinheit” ist zeitlebens ihr Motto.
Und so wird ihre Musik mit Alpes – im Gegensatz zu ihren späteren Alben mit Chansoninterpretationen – weiterhin von einer größeren Öffentlichkeit unentdeckt bleiben, dafür wird sie von einer jüngeren, nicht am Mainstream interessierten, Generation entdeckt.

Die Geschichte von Catherine Ribeiro beginnt 1941 inmitten des Zweiten Weltkriegs im Industriegürtel von Lyon, wo ihre Eltern, portugiesische Auswanderer, arbeiten und politisch der Kommunistischen Partei nahestehen. Ihre Mutter lehnt die früh erwachte künstlerische Neigung Catherines ab und reagiert mit Härte und Ablehnung. Die Traumata werden von Catherine in ihrem Buch über ihre Kindheit L’Enface (L’Archipel, 1999) zwar poetisch verschlüsselt, aber schonungslos beschrieben. Mehrere spätere Suizidversuche sind wohl auch in den Konflikten der Kindheit begründet.
Danach: Die Flucht nach Paris mit 19 Jahren, sie schreibt Gedichte und taucht ab in die Welt der großen Dichter, will Schriftstellerin werden. Sie muss aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen, Rollen in Theaterstücken, und auch in Jean-Luc Godards “Die Karabinieri” und einigen anderen Filmen führen aber zu nichts. Das heißt, das stimmt nicht ganz. Sie lernt Patrice Moullet kennen, mit dem sie eine lange amouröse und künstlerische Liason in der Musik beginnt.
Mit der “yé yé-“ Welle, der französischen Interpretation des neuen Pop-Phänomens der Früh-1960er, das durch die Beatles ausgelöst wurde, versucht man sich zuerst mit Adaptionen von Folkstücken und aufgepeppten Chansons, bevor Moullet psychedelische Musik und sein Talent für das Bauen von eigenen Instrumenten – das “Percuphone” beispielsweise – und Klangtechniken entdeckt.

Es entsteht Musik, die so noch keine Vorläufer in der französischen experimentellen Musik hat. Elektronische, halluzinierende und hypnotische Klangteppiche kombiniert mit Free Folk, die die Grundlage für Catherine Ribeiros Gesang bilden. Im Laufe der Alben entfernt man sich auch immer mehr von der klassischen Songform, obwohl die Texte die Essenz bleiben. Die komplexen Strukturen der Songs lassen Vergleiche mit der unkonventionellen Prog-Band Van der Graaf Generator und ihrem ähnlich stimmlich ausdrucksstarken und die Grenzen überschreitenden Mastermind Peter Hammill zu.
Themen wie Suizid, Einsamkeit, Unterdrückung, poilitische Konflikte; teils poetisch verschlüsselt, teils konfrontativ sind das eine, die Stimme Catherine Ribeiros aber das eigentlich Sensationelle:
“ Eine großartite Stimme: Stimme der Hoffnung, der Verzweiflung, der Geburt und der Agonie, des Hasses und der Liebe, eine Stimme des Herzens und des Sex, eine Stimme des Wimmerns und des Schreiens, eine magische Stimme mit den Wörtern, die sie ausspricht, eine Stimme, die aus den Eingeweiden kommt und direkt in die Eingeweide derjenigen trifft, die sie hören,”
so überschwänglich schwärmt der Musikjournalist Etienne Blondet 1975.

Die Platten von Catherine Ribeiro & Alpes aus den 1970ern Jahren stehen als einzigartiges Zeugnis für die heute undenkbare Verbindung von wegweisender experimenteller Musik, politischem Engagement und sehr persönlichen und introspektiven Lyrics.
Auch ebnen sie den Weg für einheimische Musiker, zum Beispiel aus dem Rock In Opposition – Umkreis wie Etron Fou Leloublan oder Albert Marcoeur, aber auch für von der “reinen Lehre” abkommende Chansonsängerinnen wie Brigitte Fontaine, die Songs oder den Chanson in eine freiere, experimentelle Richtung weiterentwickeln.

 

Siehe auch :

https://www.mikro-wellen.net/wordpress/frankreich/

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March 17th, 2024

Outfest 2023 – Festival Internacional de Música Exploratória do Barreiro

 

Zum neunzehnten Mal ist die nicht mehr ganz aber doch noch weitgehend ungentrifizierte ehemalige Industrie- und Arbeiterstadt Barreiro für vier Tage im Oktober Zentrum für ein unkonventionelles, in alle Richtungen offenes Musikprogramm, veranstaltet vom Out.Ra – Kollektiv.
Neue Musik (- Pioniere), experimentelle Elektronik, Afro-Jazz, alternativer Hip Hop, Dub und sogar Black Metal; vieles ist hier möglich. Traditionell liegt der Schwerpunkt auf dem einheimischen Musikschaffen, auch mit der Absicht, Kontakte untereinander herzustellen oder zu vertiefen.
Out.ra (“das Andere”) ist der Trägerverein, der unter dem Direktor Rui Pedro Damasio neben dem Outfest im Oktober auch das experimentelle Filmmusikfestival Sónica Ekrano und zahlreiche Einzelveranstaltungen an oft sehr aussergewöhnlichen Stätten der post-industriellen Überbleibseln in Barreiro veranstaltet. Den Weg über den Fluss zu den Konzerten finden natürlich auch die in der Metropolis lebenden, an ungewöhnlichen Klängen Interessierten Beim Festival trifft man aber auch sympathischerweise auf neugierige Einwohner, die ansonsten nicht soviel am Hut mit schrägen Klängen haben dürften.
Nach der Pandemie ist das Geld noch knapper als gewohnt und die Zahl der Sponsoren für Musik, die sich gewöhnlich unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit ansiedelt, ist überschaubar. Das tut dem Geist des Festivals allerdings keinen Abbruch und der charmnante und familiäre Charakter hebt sich von vielen anderen, schon kommerziell durchgetakteten Veranstaltungen wie Le Guess Who? oder Moers wohltuend ab.

Die Ateliers der Pada Studios sind inmitten des inzwischen teilweise unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Fabrikgeländes und der Arbeitersiedlung der Companhia União Fabril (CUF) situiert und bieten Künstlern eine inspirierende Umgebung, um Projekte entwickeln und realisieren zu können.
Unweit des Mausoleums des Gründervaters und industriellen Pioniers Alfredo Da Silva, der 1944 starb und mit seinen Unternehmungen Barreiro zum wichtigsten Indstriestandort Portugals machte, berfinden sich die besagten Wohnhäuser der Fabrikarbeiter, die heute unter dem Namen Baia Do Tejo weitere Ateliers, Musikräume und Kunstwerkstätten beherbergen. In einem Teil der Fabrikanlagen wird immer noch gearbeitet, aber die Zeit als hier Seifen, Kerzen, Pflanzenöle, Textilien, Tabak und anderes hergestellt und verarbeitet wurde sind definitiv vorbei. Die CUF existiert immer noch, allerdings als eine Kette für Privatkliniken.
Nach Sonnenuntergang verliere ich mich beinahe im riesigen Arreal, die dampfenden Schlote und die gespenstische Beleuchtung der noch fungierenden Textil-Fabrik weisen mir und anderen Herumirrenden aber dann doch den Weg.
Mit Mitgliedern aus den städtischen Musikschulen entwickelte der Neue Musik Pionier Alvin Curran für das abendliche Eröffnungskonzert in den Pada Studios eine neue Version eines seiner zentralen Stücke – Beams. Das anarchistische Gen des Freigeistes unter der Komponistenschar, die in den 1960er Jahren, die zeitgenössische klassische Musik auf den Kopf zu stellen versuchte, ist auch mit über achzig Jahren Lebensalter weiterhin intakt. Das Ensemble Musica Elettronica Viva sorgt in den 1960ern Jahren mit ihrer radikalen Auffassung, wie Musik zur Zeit klingen sollte, sogar für Tumulte. Später, als Curran sich in Rom niedergelassen hat, komponiert er stetig Stücke für Kammermusik bis zu grossen Ensembles, Stücke für das Radio wie für einzelne Instrumente. Curran experimentiert mit aussergewöhnlichen Tonquellen, Stimmen und neuen Technologien, und das oft mit einem in den elitären Kreisen verpönten Augenzwinkern.
Die in der Gallerie sich örtlich immer wieder neu verteilenden Musiker spielen neben tönenden Objekten wie z.B. Muscheln meist akustische- und Blasinstrumente und werden von Curran, der am Tisch stehend dem Midi-Keyboard und Computer Erstaunliches entlockt, bei dieser strukturierten Improvisation sachte dirigiert.

Ein gelungener Auftakt. Die Nachtstunden kann man dann im benachbarten A 4 verlängern; mit Rojin Sharafis strengen elektro-akustischen Exkursionen, die auch direkter Ausdruck der in Wien ansässigen Musikerin auf die Represalien sind, denen kritisch denkende Menschen in ihrem Heimatland Iran ausgesetzt sind, und dem in Lissabons Underground Musikszene nicht wegzudenkende Zé Moura und seinem luftigen Gebräu aus Dub, House und Noise.
Introspektiveres gibt es am darauffolgenden Nachmittag in der beeindruckenden Kirche Nossa Senhora do Rosário hören. Tiago Sousa präsentiert auf der Orgel und dem Piano die Premiere eines weiteren Stückes seiner Organic Music Tapes Serie. Zwischen Formen der Avantgarde und minimalistischen Anleihen angelegt, lässt es sich in diesem Ambiente tief in die Musik Sousas eintauchen. Die Schottin Brighde Chaimbeul ist derzeit auf vielen Festivals mit experimenteller Musik zu hören und ihr Stamminstrument – der Dudelsack – befreit sich durch ihre Kunst vom Image des Volkstümlichen. Chaimbeul bedient den scheinbar endlosen Kosmos des Obertönespektrums ganz vorbildlich.

Beim Outfest steht man permanent vor dem Luxusproblem, sich zwischen zeitlich parallel laufenden Konzerten zu entscheiden oder die Aufmerksamkeitsspanne drängt nach einer Pause. Ins Gasoline am Nachmittag, wo Leonor Arnaut & Ricardo Martins, XIII und NZE NZE ihr Repertoire zwischen Post-Punk und Improvisation offerieren, schaffe ich es nicht, aber die Veteranen abends im Klub Os Penicheiros – Sven – Ake Johansson & Jan Jelinek und dem Free Jazz Afro – Rock des Nok Cultural Ensembles aus dem Sons Of Kemet – Umfeld sind mehr als ein Ersatz, da sie die experimentelle Musik in selten oder noch gar nicht gehörte Richtungen weiterführten, Jazz – Drums gepaart mit elektronischen Drones bzw. Free Jazz Ethno-Dub.
Die finnisch-luxemburgerische Künstlerin mit italienscher Abstammung Maria Rossi veröffentlichte unter ihrem Künstlerprojekt Cucina Povera schon einige Alben auf unterschiedlichen Labels und bewegt sich mit ihren Einflüssen aus experimentellem Folk, verfremdetem Gesang und komprimierter Elektronik nah am Label-Raster von Fonal oder Kraak. In der Igreja de Santa Cruz verströmt sie mit ihren rituell wirkenden Acapella- Folksongs, über die nach und nach Schichten aus dem Echo ihrer Stimme und elekronisch – gerierte Drones legt pure Magie.

 


Die slovenische neo-folk Band Sirom und die Fusion-Band Horse Lords lassen am Abend den diesjährigen Hauptveranstaltungsort ADAO zur Tanzfläche metamorphosieren.
Am Samstag laufen dann wieder drei Konzertblocks zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten in Barreiro.
Die Biblioteca Municipal ist aber sicherlich eine sehr gute Wahl. Noa Kurzweil aka Voice Actor gibt eine Art Best- Of ihres unglaublichen Albums Sent From My Telephone. Hinter einem transparenten Vorhang, auf dem vage Bilder und Clips projeziert werden, steht sie am Tisch mit ihrem Computer und spricht und “singsangt” in einer beinahe unbeteiligt wirkenden Alltagsstimme. Aber, ihre Songs stellen eine geniale Spiegelung der hyperdigitalen Welt von heute mit ihren oft sinnlosen Voice Mails, Playlists und endlosen ins Leere laufenden Kommunikationsformen in verschieden Sprachen dar. Unglaublich ist ihr Album auch schon alleine aufgrund der Länge: viereinhalb Stunden und 109 Songs, die wie ein fiktives tönendes Tagebuch klingen, das man in ein Mixtape transferiert hat.
Die Musik zitiert scheinbar ähnlich eklektisch dezent im Hintergrund angelegte ambiente Klanglandschaften, Hip Hop, dubbige, narkotische Beats, Popelemente, die idiosynkratische Szene um Space Afrika, Mica Levi, Tirzah und vieles mehr.
Ravenna Escaleira spielt anschießend einen Solo – Saxophon-Set. Street Art, Poetry, bildende Künste, Aufenthalte in Brasilien, Spanien und Italien sowie das Musikmachen in den Straßen diverser Metropolen schliffen ihr künstlerisches Profil; die intensiven dreißig Minuten ihres Auftritts beinhalten alle Gefühlszustände, die man mit einem Instrument ausdrücken kann.
Joana de Sá hat zwei sehr gute Alben auf dem portuenser Sirr-Label veröffentlicht und zeigt in der Bibliothek live wie sie ihre Stücke mit Gitarre und Synthieloops, die meist sehr leise an der Hörschwelle beginnen und sich nach und nach aufbauen, verdichten und dramatisch entwickeln. Ihre Songs beziehen sich auf Orte oder Musik, die sie berührt und einen emotionalen Eindruck hinterlassen haben und die sie in ihre eigene Musikästhetik übersetzt.
Wieder im ADAO beginnt der Abend mit einem Konzert von Rita Silva, die seit einiger Zeit am Institute of Sonology in Den Haag studiert. Ursprünglich inspiriert von Pionierinnen wie Delia Derbyshire und Laurie Spiegel entwickelt sie – nachzuhören auf zwei empfehlenswerten Tapes – ihre eigene Handschrift. Mit modularen Synthesizern spielt sie eine sich stetig verändernde organische psychoakustische Musik, die auf geniale Weise Kopf und Körper miteinander vereint.

Holy TongueValentina Magaletti, Susumu Mukai, Al Wootton – amagalmisieren dann auf der großen Bühne (mit offenem Scheunentor im Rücken des Publikums) fünfzig Jahre britsche Undergroundmusik. Über das prägnante Rhythmusgerüst von Magaletti und Mukai, das man ansonsten so hypnotisch und aufeinander eingespielt vielleicht nur so in der Blütezeit von Can hören konnte, setzt Al Wootton die melodischen wie disharmonischen Spitzen: On-U-Sound, rituelle, oszillierende Beats aka 23 Skidoo, Rough Trade-Ästetik und vieles mehr meint man hier herauszuzhören und erneut fusionieren Intellekt und Körper bei der Musik von Holy Tongue zu einer Einheit.
Wie es noch eines Beweises bedurft hätte, was den eklektischen Geschmack des Veranstalterteams anbelangt, übernehmen danach die alternativen Black Metaller von Liturgy um die Gitarristin und Sängerin Haela Hunt-Hendrix die Bühnenhoheit. Ein wenig wie die Doom-Götter Sunn >>> experimentierte die Band in den letzten Jahren mit verschiedenen Einflüssen, die von der “reinen Lehre” des Black Metal-Kanons abweichten. Elektronische Elemente, chorale- und orchestrale Passagen zwischen die Noise-Gewitter eingeflochten und auch die NYC-Lower East Side – Historie von Bands und Musikern wie Sonic Youth, Glenn Branca oder Rhys Chatham zitierend, macht die die Band auch für ein avantgardistisch ausgerichtetes Publikum interessant.

 

 

Out.Fest Barreiro Oktober 2021

October 20th, 2021

Out.Fest: Festival International de Música Exploratória do Barreiro

Das Festival für “Música Exploratória” fand dieses Jahr in zwei Etappen statt. Aufgrund der nach wie vor unsicheren gesundheitlichen Situation und den teilweise damit verbundenen Einreisebeschränkungen wurden sowohl im Juni wie jetzt im Oktober überwiegend einheimische (bzw. europäische) Musiker eingeladen; dem Spirit des Festivals konnte das aber – auch wenn kaum internationales Publikum anreiste – nichts anhaben.

Wie gewohnt stellte das engagierte Team des Kulturvereins Out.Ra auch bei der 17. Edition des Out.Fests ein wagemutiges Programm zusammen, das als einen Schwerpunkt die Musikpionierin für elektronische neue Musik Éliane Radigue in den Mittelpunkt stellte, zudem, wie gewohnt, einen Überblick über das aktuelle musikalische Geschehen der portugiesischen Off-Stream-Szene bot. Auch schon Tradition haben die ungewöhnlichen Auftrittsorte in der ehemaligen Industriestadt Barreiro, die inzwischen auch von vielen Lisboetas, denen die Kapitale zu teuer wird, als Wohnort entdeckt wird. Noch wirkt die Stadt aber wie ein Relikt aus den 1990ern Jahren. Im Kern der Altstadt werden zwar nach und nach Häuser und einige der imposanten Industriebauen restauriert, aber noch ohne Spekulanten Tür und Tor zu öffnen. Als Gegenstück stößt man dann an der Peripherie und im Stadtgebiet rund um die Fähreanlegestelle auf brachliegende Flächen und kaum noch bewohnte Straßenzüge, wo Drogenhandel und Prostitution zu späterer Stunde Einkehr halten und die auch ansonsten wenig einladend sind. Ungeachtet des sich langsam vollziehenden Umbruchs der Stadt, in der, nebenbei bemerkt, sich auch langsam aber spürbar die politische Gewichtung verschiebt und die traditionell starken linken Parteien, getragen durch die Industrie- und Hafenarbeiter, mit dem Niedergang der Zweige an Gewicht verlieren, trifft man in den intakten Wohnquatieren auf eine lebendige kulturelle und politisch engagierte Szene.

Éliane Radigue, inzwischen 89 Jahre alt, hat sich über die Jahrzehnte den Ruf einer Säulenheiligen der elektronischen experimentellen Musik erworben. Dies natürlich in erster Linie aufgrund ihrer bahnbrechenden Stücke, aber auch dadurch, dass sie im Gegensatz zu manch anderen der Avantgarde sich zugehörig fühlenden Musiker immer wieder mit gewohnten Traditionen brach und sich in teils unerwartete Richtungen weiterentwickelte. Nachdem ihr Interesse für “konkrete Töne” Radigue in Paris zu Pierre Schaeffer und Pierre Henry führte, deren Assistentin sie schließlich wurde, komponierte sie dann auch eigene Musique Concrète – Stücke. Als ihre Experimentierfreundigkeit von den Meistern als Abweichung von der “reinen Lehre” kritisiert wurde, wurde sie umso mehr darin bestärkt, ihren eigenen Weg zu gehen. Durch Laurie Spiegel entdeckte sie in New York den Buchla- und ARP-Synthesizer und orientierte sich an der Minimal Music. Die stark vom Buddhismus inspirierten Stücke Adnos I – III, die in einem langen Zeitraum zwischen 1975 – 1983 entstanden, stehen für eine völlig eigenständige musikalische Sprache, die zugleich meditativ wie intensiv wirkt. Die langformatigen Stücke wirken wie in sich ruhende Klangflächen, die subtilen, aber kontinuierlichen Veränderungen geben sich nur allmählich preis. Das andere, große Stück aus dieser Periode – Triologie de la Mort – , eine Meditation über den kontinuierlichen Zyklus von Leben und Tod knüpft direkt an Adnos an.
Seit längerer Zeit konzentriert sich das Schaffen von Éliane Radigue aber auf akustische Stücke, die eng in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Musikern entstehen und die die Suche nach dem Innern der Töne und ihre unverkennbare musikalische Sprache wieder in eine neue Richtung lenkten.

Beim Out.Fest konnte man nun im Museu Industrial da Baía do Tejo das elektronische Stück Kyema, interpretiert von Caroline Profanter und drei akustische Kompositionen des Occam-Zyklus, darunter eine Erstaufführung, in der Igreja de Santa Maria und gespielt von Julia Eckhardt und Enrico Malatesta (jeweils solo und beim dritten Stück im Duo) hören.
Die Kompostionen Occam IV für Viola und Occam XXVI für Perkussion tasten sich von für das Ohr kaum Wahrnehmbaren langsam und ohne jegliche Dramaturgie vor und bilden durch kleinste musikalische und lautstärkerische Veränderungen fließende, sich überlagernde Klangflächen und Drones. In manchen Momenten kommt einem die klassische japanische Musik, die am Kaiserhof gespielt wurde, Gagaku, die gleichfalls ohne offensichtliche Spannungsmomente ein Gefühl von Starre und Eingefrorenheit heraufbeschwor, in den Sinn.

Vor dem Konzert mit der Musik von Éliane Radigue in der Igreja de Santa Maria konnte man im Amphitheater Paz & Amizade, im fantastischen Stadtpark von Barreiro gelegen, den beiden Perkussionisten João Pais Filipe und Manongo Mujica zuhören und zuschauen, wie sie den musikalischen und kulturellen Bogen zwischen Peru und Portugal, zwischen Folklore und Free Jazz, zwischen abstraktem Rhythmusgeflecht und hypnotischem Innehalten spannten.

Im wundervollen Konzertsaal des “social clubs” Os Franceses, inmitten des verwitterten Hafengeländes von Barreiro versteckt, gab es am Mittwoch die Chance zwei junge, innovative Duos aus dem großen Fundus der experimentellen einheimischen Szene zu hören.

João Almeida und Mariana Dionísio aka LUMP gaben sich äußerst reduktionistisch: Trompete und Gesang bzw. Soundpoetry, das ist es! Was diese Kombination auf dem Papier herzugeben verspricht, löste sie ein. Hörbar vom Jazz und der Improvisation beeinflusst, setzt João Almeida die Töne und Melodietupfer und lässt auch die Leerstellen zur Geltung kommen und Mariana Dionísio experimentiert mit Sprache und Stimme. Das klang manchmal wie die Tonleiter rauf und runter gesungen, dann plötzlich liturgisch und dann wieder, wenn die Trompete sich in das Gebiet der Obertöne vorwagte schlichtweg poetisch und angenehm irritierend.

Filipa Campos und Paulo da Fonseca spielen unter dem etwas kryptischen Namen seit 2015 zusammen. Die Metropole Lissabon haben sie vor einiger Zeit mit einer Bleibe auf dem Land getauscht; vielleicht klingen ihre mit analogen Synthesizern und daran angeschlossener Gitarre kreierten Stücke deshalb so organisch. Weich, dynamisch, melodisch, geheimnisvoll kommt einem als Beschreibung für ihre schönen, spektralen Drones in den Sinn, in die man unweigerlich versinken und doch auch die Sinne schärfen kann.

Im Hörsaal der Bibliotéca Municipal in Barreiros Altstadt bläst uns Vasco Alves am nächsten Abend zuerst mit seinem Dudelsack gemäß seiner letzter Veröffentlichung Gaita Contra Computator Obertoniges um die Ohren, was in der Kombination mit zerschredderten Beats aus dem Computer und dadurch, dass sich Alves ständig im Raum hin- und herbewegt und die Akustik verändert dem Genre eine neue reizvolle Nuance hinzufügt.

Adriana João und Pedro Tavares befassen sich außer mit Musik auch intensiv mit Videokunst, Installationen oder Malerei; im Auditório beschränken sie sich aber heute Abend auf die Musik. Mit Piano, Violine und Computer als Gestaltungsmittel spielen sie eine Art nervöse Kammermusik, die durch ständige Brüche und melodische Farbtupfer im Wechsel eine so eigenwillige wie eigenartige, irgendwie abgehoben-verschwurbelte Stimmung zwischen Erde und Himmel imaginiert.
Das outfest-Publikum wäre ganz sicher auch dazu bereit gewesen länger als dreißig Minuten den verschlungenen musikalischen Pfaden von Adriana João und Pedro Tavares zu folgen; auf der Bandcamp-Seite des Lissaboner Labels CD-R lässt sich allerdings das Vergnügen mit dem Erwerb von 6 Ensaios verlängern.

Das Auditório Municipal Augusto Cabrita ist ein modernes multifunktionales Kulturzentrum, das sich auch eine finanziell gebeutelte Stadt wie Barreiro leistet. Im bestuhlten Saal kann man ansonsten Theater, Mainstream-Rock oder den Weihnachtschor auf der Bühne erleben. Freitag und Samstag sind aber an diesen ersten Oktobertagen für kulturelle Exkursionen ganz anderer Art gebucht.

Die Französin Jessica Ekomane, die nun wie mindestens jeder zweite Künstler auch nach Berlin geflüchtet ist, ortet sich musikalisch zwischen Soundinstallationen, die gerne auch quadrophonisch den Raum beschallen, der multidiziplinären Kunst- und der elektronischen Musikszene ein. Liveauftritte können dann auch einmal in ein nächtliches Schlafkonzerten münden. In Barreiro bekommt das Publikum aber ein konzentriertes Programm in Form abstrakter dynamischer elektronischer Klangflächen mit wenigen Beats geboten; eine Musik, die wie die Synthesizermusik von Kara-Lis Coverdale oder die geometrischen, holprigen Achterbahnfahrten von Autechre abstrakt und organisch zugleich wirkt.

Bruno Silva darf sich fast schon als Veteran in der Geschichte der elektronischen Musik in Portugal der letzten Jahrzehnte bezeichnen. Beim Out.Fest trat er auch schon mit seinem ersten Projekt Osso in Barreiro in Erscheinung. Als Serpente und Ondness veröffentlichte er in den letzen Jahren verschiedene Alben, z.B. auf Discrepant Records, die eine ganz eigene Handschrift tragen und auf eine in den Bann ziehende Weise repetive, ungemütliche, verschlungene Beats, melodische musique concète, Samples und Außenaufnahmen fusionieren. Auch als erklärter Freigeist in der Elektroszene darf die Besetzung für den Out.Fest – Auftritt mit den beiden aus der aktiven Free-Jazz/Impro-Szene stammenden Margarida Garcia (Kontrabass) und Pedro Sousa (Saxophon) als gewagt bezeichnet werden. Und so wirkte das Aufeinandertreffen auf der Bühne nach einem starken Beginn, der etwas an die atmosphärisch-dichten “electronic landscapes” von Benjamin Lew und Stephen Brown erinnerte, tatsächlich etwas bemüht und inkompatibel. Die Jazzelemente und mächtigen elektronischen Soundwände Silvas wechselten sich ab oder bliesen zum jeweiligen großen Finale der Stücke, ohne die erhofften magischen Momente zustande zu bringen.

Am letzten Tag es Festivals traf sich im Os Franceses eine kleinere Schar schon um 15.00 Uhr am Nachmitttag, um, diesesmal in einem kleinen Saal und im Dunklen mit der Möglichkeit, sich auf Matratzen auszustrecken, zwei Stunden João Sarnadas’ The Humm zu lauschen. Dieses gewaltige Stück, das sich in zwei Teilen auf vier CDs erstreckt – The Hum und The Humm – ist ein im wahrsten Sinne des Wortes hypnotisches Abtauchen in warme, dronige und kitschfreie subtile musikalische Labyrinthe. Die Töne stehen über einen längeren Zeitraum beinahe starr im Raum. Die Musik, so Sarnadas, entstand in intensiven Sessions über einen kurzen Zeitraum. Der zweite Teil – The Humm – imagniniert einen Spaziergang durch ein verlassenes Porto an einem sehr warmen Tag. Das Stück komponierte Sarandas mit einem Synthesizer und Oszilatoren. João Sarnadas’ Musik ist im Geiste nicht so weit von der, Éliane Radigues entfernt.
Im Parque Paz & Amizade verlängerte um 18.00 Uhr das schwer angesagte Manchester Duo Space Afrika, das vorgibt, die britischen Genres Trip Hop, Dubstep und Post-Punk nochmals zu erneuern, unfreiwillig das Schlaferlebnis am späten Nachmittag. Ihre düsteren Soundscapes passen gut in eine verregnete Manchester Nacht, bei Sonnenschein, gepaart mit dem Naturerlebnis des Parks verblasst das alles zur Loungemusic. Selbst die Fotographen waren dermaßen verzweifelt, dass sie im Publikum nach interessanteren Motiven suchten.


Zum Glück konnte man zum Abschluss der Oktoberausgabe des Out.Fests 2021 im AMAC mit Gustavo Costa und den Glasgowern Still House Plants nochmals aufregendere Töne erwarten.

Costa hat mit einigen anderen Musikern und Weggefährten aus der produktiven Musikszene in Porto in den letzten Jahren das kreative Zentrum Sonoscópia, das zugleich Veranstaltungsort für verquere Musik, Schule, Residenz, Label und vieles mehr ist, aufgebaut. Seine Wurzeln in der Hardcore- und Undergroundszene verleugnete er selbstverständlich auch nicht auf den Veröffentlichungen mit elekro-akustischen – oder auf der kürzlich erschienen Platte Entropies and Mimetic Patterns mit Perkussionsstücken. Entsprechend kurzweilig und grenzüberschreitend gestaltete Costa das Set auf seinem Hausinstrument (Schlagzeug). Klangforschung und Energie, Minimalismus und Drones, Neue Musik und Underground; alles floss in die Stücke ein, ohne bloß konstruiert zu wirken.

Die Still House Plants haben ihre reduktionistische Version von rhythmisch-abgehackten Jazz-Punk – Songs inzwischen nach mehreren Platten und zahlreichen Auftritten perfektioniert, ohne an diesem Konzept scheinbar etwas zu verändern oder zuzufügen zu wollen. Aber warum auch? Der warme Gesang von Jessica Hickie-Kallenbach wirkt als perfekter Kontrapunkt bei den genussvoll ausgereizten repetiven Disharmonien der Songs. Ein schöner Ausklang.

Météo Music Festival Mulhouse 2021

Von einer Rückkehr zu vorpandemischen Gepflogenheiten kann zwar keine Rede sein, trotzdem wagen einige Veranstalter seit dem Sommer den Online-Modus wieder aufzugeben und Musik auch wieder live mit Zuschauern zu präsentieren.
Météo in Mulhouse war im vergangenen Jahr schon eines der wenigen Festivals, das unter entsprechenden Auflagen stattfinden konnte. So konnte die Crew für die traditionell Ende August programmierten Aventures Sonores schon mit einer gewissen Routine aufwarten. Den Pass Sanitaire vorgzeigt und schon konnte man sich am Ticketstand das ersehnte Armband für den Zugang besorgen und bekam noch zusätzlich eine CD aus dem grossen Fundus des Mulhouser Musikbüros geschenkt.
Das Programm war, wohl auch aufgrund der Unsicherheit was die ständig wechselnden Reisebeschränkungen anbelangt, überwiegend auf französische und schweizerische Musiker ausgerichtet und auch der Zuschauerzuspruch blieb überschaubar und setzte sich fast ausschliesslich aus Leuten aus der Region zusammen. Das Motoco, wo sonst eher DJ-Events stattfinden, im fantastischen Areal der ehemaligen Textilfabrikation beheimatet, diente wie schon vergangenes Jahr als Hauptveranstaltungsort anstatt das traditionelle und großzügerige alternative Zentrum Noumatrouff.


Zur Eröffnung duellierte sich das Toulouser Duo Sarah Brault (Stimme ) und Marion Jo (Violine) unter dem schönen Künstlernamen Tarzan & Tarzan mit dem Le Choeur Sauvage aus Strasbourg, was glücklicherweise zu verhältnismäßig wenigen Ausbrüchen ins vokalakrobatische Minenfeld führte, sondern überwiegende spannende Momente hervorbrachte. Momente, deren Quellen man in osteuropäischer Folklore, Neuer Musik, Drone, Stockhausen auszumachen vermutete. Auch wenn das theatralische Faible des Chors immer mal wieder an eine aus dem Ruder gelaufene Familienaufstellung gemahnte: ein gelungener Festivalauftakt und ganz nebenbei eine Art Erweckungserlebnis für die Zuhörer – Musik, live und unter Gleichgesinnten zu erleben; das gab es lange nicht mehr. Tarzan & Tarzan konnte man zwei Tage später im Auditorium des Musikkonservatoriums auch noch in Reinform erleben, wo sie ihre, dem Konzept geschuldete, Zurückhaltung aufgaben und einen intensiven, noisig-dronigen Auftritt hinlegten.
Mathieu Werchowsky, versierter Violinist, stellte daraufhin sein neues Album vor, das die gesamte Gestaltungsvielfalt, die dieses Instrument und Genre mit sich bringt, beleuchtet. Beeindruckend wie Werchowsky eine dreiviertel Stunde, beinahe unbeschwert wirkend, Virtuosität und Musiklität vor Publikum zur Schau stellt.

Danach kommt es für mich zum ersten Höhepunkt der diesjährigen Météo-Ausgabe: Éloïse Decazes, Pariserin mit einer Affinität für obskure, traditonelle Songs, die sie gerne sanft ins Surreale transferiert und die sie mit Arlt, Eric Cheneaux oder der gleichsam unwiderstehlichen Délphine Dora in Szene setzt, trifft diesesmal mit Julien Desailly als musikalischen Gefährten auf die Formation Begayer (Loup Uberto, Lucas Ravinale, Alexis Vineis).

Ein Sammelsurium an “gefundenen” selbstgebauten oder umfunktionieren Instrumenten und ausrangierten Radios liegt da auf dem Teppich, der die fehlende Bühne ersetzt, und während von den Musikern ein leises, anarchisch-verspieltes Klanggemälde inszeniert wird, bezirzen sich der sich fordernd-forsch gebende Loup Uberto mit seiner Interpretation von norditalienischen Folkadaptionen und die kühl-ironische und sich sophisticate gebene Éloïse Decazes. Auch Éloïse Decazes und Julien Desailly und Loup Uberto und Lucas Ravinale kann man an anderer Stelle wärhrend der Festivaltage nochmals erleben. Von Begayer, Loup Uberto (auf Three Four Records) und Éloïse Decazes sind im vergangenen Jahr ausgezeichnete Platten erschienen, vielleicht inspiriert der Auftritt zu einer gemeinsamen Produktion.

Stéphan Clor, in Colmar aufgewachsen, hat in Wien Musik studiert und fühlt sich nicht nur in der klassischen Avantgarde zuhause. Einflüsse von Minimal Music, Folk, Ambient-Noise oder Elektroakustik lassen sich zahlreiche in seinen verschiedenen Projekten finden. Bei Hyperborée spielt er Cello; Léa Roger, die wir mit Osilasi zwei Abende später erleben, Harfe und Clara Lévy Violine. Ihre Kammermusik bekommt durch den experimentellen Mix und elektronische Elemente eine hypnotische, andersweltliche Atmosphäre. Für den Auftritt des (Bläser-) Ensembles Liken begibt man sich vom Motoco über das Fabrikgelände in ein zur Kletterhalle umgestalteten Gebäude.

Der bizarr-scheinende Hintergrund der hoch aufragenden Kletterwand motiviert die Formation und den unruhigen Dirigenten, dem man einen Hang zum Overacting nachsagen könnte, zu entsprechenden Höhenflügen des Genres der  freien Improvisation.
Grégory Dargent dagegen, der den Abend beschließt, spielt Gitarre und Oud und zusammen mit Anil Eraslan (Cello) und Wassim Halal (Perkussion) finden wir uns unmittelbar in der Sahara wieder, in der die französische Regierung auf algerischem Gebiet in den 1960ern Nukleartests durchführte. Dies erklärt den melancholischen Unterton der neben der Trancemusik der Tuareg auch stark vom Jazz, schrillem nordaffrikanischem Pop und Chansons inspirierten Musik. Als eine Art alternativer Travelogue angelegt vermischt sich die Musik Dargents, die unweigerlich auch Schimmer anderer in der Region hängengebliebener oder sich inspirieren lassenden Künstler wie die Sun City Girls, aufblitzen lässt, mit den visuellen Eindrücken des auch fotografisch Tätigen.
Im Park Salvador verpasste ich den Partymusik-Abend mit Lumpeks, der polnischen Formation, die mit dem Spirit des Free Jazzs traditionelle Folksongs aufmischte und die Bläserformation Kill Your Idols, die unter der Regie von Fred Frith das Sonic Youth-Stück und andere Gassenhauer im Stile einer Brass Band oder der Weill/Eisler – Phase von Heiner Goebbels und Alfred Harth zum Besten gab.
Fred Frith konnte man zum Auftakt des Freitagabends dann im Duo mit der portugiesischen Trompeterin Susana Santos Silva auch auf der Bühne erleben.


Überraschend bediente das Duo nicht die übliche Vorstellung von improvisierter Musik, sondern ließ ein feines Gespür fürs Melodische, Songorientierte zu Tage treten. Jazz, Americana, Noise und ambiente Momente ließen Erinnerungen an die Zeit aufkommen, als Frith mit seinen japanischen Co-Partnern Death Ambient Magisches heraufbeschwor.
Sarah Terral aka Clément Vercellettos Auftritt traf mit dem Veröffentlichungsdatum seines Albums auf dem geschmacksicheren Lausanner Label Three:Four Records zusammen, somit konnte man die exklusive Premiere erleben. Vercellettos Musik, mit modulären Synthesizern komponiert und eingespielt, sticht aus dem Festivalprogramm heraus: Grenzüberschreitender Noise und die Schönheit der Stille gleichermaßen in einer höheren Ordnung in Einklang bringend, spürt man in seiner Musik eine Dringlichkeit, der noch ein Punk-Spirit innewohnt und wie man sie ansonsten auch schon bei seinen anderen Projekten mit Orgue Agnès, der Formation mit ELG oder dem post-Techno Projekt Kaumwald kennenlernen konnte.


Mit dem Duo Osilasi begegnet man auch Léa Roger wieder, die hier, wie auch schon beim Kraak Festival 2019 ihre frei-anarchische Seite zeigen kann und mit Célia Jankowski am Schlagzeug zusammen zelebriert sie diese leicht verschobenen/verschrobenen Free-Folk – Songs, tribaliastisch angelegt und vielleicht imaginären Kulturen nachjagend, die sympathischerweise immer Gefahr laufen, die Balance zwischen Schönklang und Disharmonie zu verlieren.

Das zwischen Kunst, Performance und Klang sich orientierende (und manchmal verlierende) Genfer Zweigespann Julia Semoroz (Electronics, Vocals) und Emma Souharce (Electronics) beschließt den Abend im Motoco mit, im Korsett von post-industriellen dekonstruierten Techno-Landschaften versteckten kleinen Melodietupfern.
Am Abschlusstag ist dann defintiv die Zuschaustellung maskuliner und femininer Muskelkraft angesagt. Anthony Laguerre, vom Rock kommnender Schlagzeuger, mischt elektronisch verstärkt das Les Percussion De Strasbourg-Ensemble ab und Myotis V stellt sich als das angekündigte Trommel-Spektakel heraus.
Bei der Performance Boxing Noise haben sich Julia Semoroz und Emma Souharce mit Cyril Bondi am Schlagzeug und vom weiblichen Boxclub Mulhouse zuammengetan, um Musik und extremen phyischen Sport unter Einbezug des Publikums zu vermischen. Das erinnerte etwas an bemüht orgininelle Theaterkurse in der Schule.