Ripples
November 8th, 2024
BRDCST Festival Bruxelles 2024
Überzeugender als viele größere und bekanntere Festivals gelingt es der Crew des BRDCST-Festivals in Brüssel seit Jahren die jeweils aktuell innovativsten Musiker aus unterschiedlichen Genres des internationalen experimentellen Spektrums für ein verlängertes Wochenende in Belgiens Hauptstadt zu gewinnen. Als Veranstaltungsorte kamen dieses Jahr neben dem gewohnten Ancienne Belgique auch die fußläufig entfernte Kirche Notre Dame Aux Riches und das Cinema Palace gegenüber dem dazu.
Die Pre- (Autechre) und After (Oneothrix Point Never) – Shows hatten es, was Hochkarätigkeit anbelangt, schon in sich; für den Freitagabend und den allgmeinen Auftakt des Festivals zeichnete sich dann aber Tirzah, die man schon einmal auf der Bühne des Festivals erleben durfte, als Kuratorin für ein congeniales Programm mit all den cutting-edge Musikern aus ihrem Umfeld und Freundeskreis verantwortlich – Coby Sey, Lorraine James, Mica Levi, Anja Ngozi und als Nicht-Londoner Meril Wubslin.
Hyperaktivität und eine aus Prinzip künstlerische Uneinsortierbarkeit verbindet die Londoner Musiker neben der langjährigen Freundschaft. Mica Levi kommt ja wie manch einer weiß aus einer Künstlerfamilie. Als Wunderkind spielte sie schon mit vier Jahren Violine und studierte dann später in London an der Guildhall School Of Music And Drama, nur, um dann vor dem Diplom abzubrechen und mit ihrer verqueren Pop/Punk-Band Micachu & The Shapes und einem Plattenvertrag von Rough Trade in der Tasche erst einmal ihre Vorstellung von Sophistication außerhalb den Hochkulturzirkeln zu verfolgen. Die Annäherung an klassisches Komponieren lebte sie dann mit den Soundtrackarbeiten für Arthousefilme und in engen Zusammenarbeiten mit unkonventionellen Regiesseuren wie Jonathan Glazer aus. Zurück auf die große Bühne des Ancienne Belquiques: Solo mit elektrischer Gitarre leitet Mica Levi den Abend von Tirzah auf ihre Art ein. Songs auf das absolut Grundsätzlichste reduziert, weder Folk, noch Rock, aber den Punkspirit insichtragend zeigt sie wieder eine andere unerwartete Facette ihres Könnens.
Coby Sey ist ein weiteres Universaltalent in Sachen zeitgemäßen musikalischen Outputs. Seine kulturellen und biographischen Hintergründe – er wuchs in den sich sehr schnell verändernden Südlondoner Stadtvierteln von Lewisham und Peckham auf – hört man in seiner, sich aus einflussreichen britischen Musikstilen, von Post-Punk, Grime, Spoken Word zu weirder Electronica speisenden komplexen Kompositionen deutlich heraus.
Dass seine eigene Musik sich bislang nur in einem Album – Conduit von 2022 – manifestierte, mag vor allem daran liegen, dass ihn die zahlreichen Produktionstätigkeiten und Filmmusik-Auftragsarbeiten in Trapp hielten. Zudem spielt er auch in der Band von Tirzah.
An diesem Abend konnte man die Beiden sogar als Duo erleben. Tirzah begeisterte das Publikum schon vor zwei Jahren beim BRDCST-Festival mit ihren süchtigmachenden Songs, eine so nicht kopierbare Mischung aus Pop, Post-Grime und R & B, gesungen mit scheinbarem Understatement. Die Songs auf ihren mittlerweile drei Alben wirken zwar wie dahingehuscht und wie nebenbei zum Beispiel in der Küche oder beim Aufräumen gesungen, sind aber natrülich doch ausgeklügelte Perlen und ein alternatives, persönliches Statement zum Leben in der Metropole. Auf der Bühne steht heute ein Lounge-Sofa, als Dekoration und auch Ort, um von dort aus die Wohnzimmeratmosphäre, die ihre Musik ausstrahlt, zustätzlich zu unterstreichen. Die leichte Windschiefheit der Songs wird durch die noisigen elektronischen Sounds von Coby Sey noch zustätzlich auf eine parallele Ebene gehoben.
Die Ehre, jedes Jahr eines der wegweisenden Alben von Can durch eigene Interpreation in ein neues Licht zu rücken wurde dieses Jahr dem in Brüssel wohnenden Saxophonisten Shoko Igarashi zuteil, der dem luftig-spacigen Meisterwerk Future Days mit seinen Mitmusikern, unter anderem einer Harfistin, im Clubraum des AB auch eine nicht werkgetreue sympathische Note gab.
The Necks machten das, was sie schon seit 35 Jahren in sich immer wieder variierender und doch gleicher Weise tun: mit Piano, Bass und Schlagazeug Minimalismus, Introspektion, Jazz und Klassik das perfekte Zusammenspiel auf eine manchmal fast metaphsyische Ebene zu heben. Attila Csihar konfrontierte Brüssel mit der Interpretation seines Void ov Voices – Projekts, das heißt animalischem Kehlkopfsingen und Texten aus den Verliesen diverser Zwischenwelten. Das allles stilecht hinter einem von Kerzen beleuchtenden Altar stehend, seinem Ruf als Extrem-Matal-Vokalist nicht abhold zu werden. Die Japaner von Goat sind ausgemachte Perfektionisten. Ihre Musik, die gerne als minimal techno ohne elektronische Instrumente beschrieben wird, wird von exakten Perkussionsgewittern getragen, die, ganz japanisch, dem Rituellen nahestehen.
Amaro Freitas aus Recife spielte auf dem Piano einerseits Jazz in der Tradition der großen Meister aus den 1960ern Jahren, aber mit einem warmen, brasilianischen Einschlag und wurde ebenfalls vom Publikum mit warmen Applaus bedacht.
Alabaster DePlume, schwer angesagt und mit einer noch angesagteren Veröffentlichung auf International Anthem, stellte sich mit seinen Saxophon- und Hampelmann-Kapriolen als eher unangenehme Nervensäge heraus, die sich auch nicht zu schade war, das Publikum mit billigen politischen Kommentaren zum Weltgeschehen zu animieren.
Die Schlagzeugerin Valentina Magaletti war mit zwei Bands – den Post-Punker Moin und den ebenfalls zurecht hochgelobten Holy Tongue, die in Fußstapfen von Projekten aus dem Adrian Sherwood-Stall und modernem Dj-ing präsent.
Zwischen all den unterschiedlichen Musikern und Genres, die das Festival auch dieses Jahr wieder zu bieten hatte,
gab es nach dem Tirzah-Programm einen zweiten Schwerpunkt: Free Folk.
Mehr London als es das neunköpfige Shovel Dance Collective verkörpert, geht wohl nicht! Weit weg von jeglichem konservativen und kolonialem Denken oder gar strengen Bewahren der traditionellen Songs, interpretiert das bunte, queere Kollektiv mit alten und teilsweise selbstgebauten Instrumenten unbekanntere Protestsongs, Seefahrtslieder, Mystisches oder Thematisches wie auf ihrem Debutalbum, das sich thematisch um Wasser dreht. Eine Affinität zu Drones und abenteuerliche, freie Abzweigungen der Folktunes lässt das Kämpferherz des Publikums höher schlagen. In der Notre Dame Aux Riches Claires Kirche, wo sich die Musiker vor dem Altar im Halbkreis versammeln wird schnell noch vor Konzertbeginn Jesus verhüllt; keine United Bible Studies also, sondern sozialistisches Gedankengut heißt die heutige Botschaft.
Brighde Chaimbeul verbindet auf unwiderstehlich charmante Weise traditionelle rurale Songs ihrer Heimatinsel Isle Of Skye mit transzendenten Drones. Harmonie und Dissonanz gehen in ihren Songs Hand in Hand und ihr Instrument – der kleine Dudelsack oder eleganter ausgedrückt – Scottish Small Pipe – lässt in ihrer zur Könnerschaft gereiften Technik eine fesselnde Musik entstehen, die in sich wiederholenden Melodiefolgen eine trance-ähnliche Stimmung zwischen Außerweltlichem und Meditativem kreieren vermag, aber auch die rhythmusbetonten, Tänzen entlehnten, derrwischartigen Momente kommen zum Zuge. Auf ihrem aktuellen Album arbeitete sie mit dem kanandischen Saxophonisten und Freigeist Colin Stetson zusammen, was der Musik und vor allem den droneartigen Sequenzen eine zusätzliche faszinierende Schattierung gibt.
Youmna Saba, Musikologin, Out-Spielerin, verlegte vor einiger Zeit ihren Wohnort von Beirut nach Paris. Ihre Musik speist sich aus einem ätherischen Klangteppich, den sie sparsam mit ihrem Hauptinstrument als Grundlage aufbaut, um darauf durch elektronische Verfremdung und Sprache/Gesang eine phasenweise meditative, introspektivische Stimmung zu kreiieren. Ästetisch ist sie als ausgewiesene Klangkünstlerin allerdings beim Touch Laben von Jon Wozencroft sehr gut aufgehoben.
Clarissa Conelly, in Schottland geboren, aber seit langer Zeit in Dänemark wohnend, hat sich in ihren Acapella – oder mit Piano oder Gitarre interpretierten Songs als Künstlerin zur Aufgabe gemacht, “das Leben, den Tod und das Göttliche in meiner Musik zu vereinen.”
Intim, irgendwie vom Himmel gefallen wirkt ihre Musik, die auch Einflüsse aus der traditionellen schottischen und nordeuropäischen Folkmusik integrier, allemal, noch zusätzlich verstärkt in der atmosphärisch aufgeladenden Notre Dame Aux Riches Claires Kirche. Trotzdem wirkt die quirlige Künstlerin alles andere als streng bibeltreu.
Ihre Mischung aus Art Pop, liturgischen und naturreligiösen Einflüssen und der Idee von Extase und Apocalypse in ihren Songs in Einklang zu bringen, rief sogar die coole Warp Records Crew aus Sheffield auf den Plan, die ihr Debutalbum veröffentlichten.
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September 6th, 2024
Catherine Ribeiro – La Vie En Bref (R.I.P. 1941 – 2024)
Inmitten des Wiederveröffentlichung- Booms der letzten Jahre wurden vom New Yorker Hip Label Mexican Summer auch drei essentielle Alben aus den 1970ern Jahren von Catherine Ribeiro & Alpes wiederveröffentlicht, und das in opulenter Ausführung und Preis (die trotzdem in Windeseile vergriffen waren).
Um Catherine Ribeiro, die am 23.8.2024 in einem Pflegeheim in der nördlichen Provence starb, war es zuvor nach einem kurzen Revival in den 00er Jahren ruhig geworden. Der autobiographische Roman, an dem sie schrieb, wurde nicht mehr beendet, private (Tod des Ehemanns und der Tochter) und gesundheitliche Probleme zuvor trugen das Übrige bei.
Im Wikipedia-Eintrag steht neben dem Eintrag “aktive Zeit: 1963 – 2010” auch “Ideologie : anarchistisch” :
Für die Künstlerin stand “Freiheit” und vor allem auch die Verteidigung der eigenen inneren Freiheit über allem. Den Ruf, äußerst schwierig zu sein, erwirbt sie sich durch ihre leidenschaftliche Verteidigung der Rechte der Unterdrückten und Unterprivilegierten und dezidierten politischen Aussagen, und, ja, auch durch die sperrige Musik, die anarchistische Ideen mit avantgardistischer Musik in Gleichklang bringt. “Lasst der Kunst all ihre Schönheit und die Reinheit” ist zeitlebens ihr Motto.
Und so wird ihre Musik mit Alpes – im Gegensatz zu ihren späteren Alben mit Chansoninterpretationen – weiterhin von einer größeren Öffentlichkeit unentdeckt bleiben, dafür wird sie von einer jüngeren, nicht am Mainstream interessierten, Generation entdeckt.
Die Geschichte von Catherine Ribeiro beginnt 1941 inmitten des Zweiten Weltkriegs im Industriegürtel von Lyon, wo ihre Eltern, portugiesische Auswanderer, arbeiten und politisch der Kommunistischen Partei nahestehen. Ihre Mutter lehnt die früh erwachte künstlerische Neigung Catherines ab und reagiert mit Härte und Ablehnung. Die Traumata werden von Catherine in ihrem Buch über ihre Kindheit L’Enface (L’Archipel, 1999) zwar poetisch verschlüsselt, aber schonungslos beschrieben. Mehrere spätere Suizidversuche sind wohl auch in den Konflikten der Kindheit begründet.
Danach: Die Flucht nach Paris mit 19 Jahren, sie schreibt Gedichte und taucht ab in die Welt der großen Dichter, will Schriftstellerin werden. Sie muss aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen, Rollen in Theaterstücken, und auch in Jean-Luc Godards “Die Karabinieri” und einigen anderen Filmen führen aber zu nichts. Das heißt, das stimmt nicht ganz. Sie lernt Patrice Moullet kennen, mit dem sie eine lange amouröse und künstlerische Liason in der Musik beginnt.
Mit der “yé yé-“ Welle, der französischen Interpretation des neuen Pop-Phänomens der Früh-1960er, das durch die Beatles ausgelöst wurde, versucht man sich zuerst mit Adaptionen von Folkstücken und aufgepeppten Chansons, bevor Moullet psychedelische Musik und sein Talent für das Bauen von eigenen Instrumenten – das “Percuphone” beispielsweise – und Klangtechniken entdeckt.
Es entsteht Musik, die so noch keine Vorläufer in der französischen experimentellen Musik hat. Elektronische, halluzinierende und hypnotische Klangteppiche kombiniert mit Free Folk, die die Grundlage für Catherine Ribeiros Gesang bilden. Im Laufe der Alben entfernt man sich auch immer mehr von der klassischen Songform, obwohl die Texte die Essenz bleiben. Die komplexen Strukturen der Songs lassen Vergleiche mit der unkonventionellen Prog-Band Van der Graaf Generator und ihrem ähnlich stimmlich ausdrucksstarken und die Grenzen überschreitenden Mastermind Peter Hammill zu.
Themen wie Suizid, Einsamkeit, Unterdrückung, poilitische Konflikte; teils poetisch verschlüsselt, teils konfrontativ sind das eine, die Stimme Catherine Ribeiros aber das eigentlich Sensationelle:
“ Eine großartite Stimme: Stimme der Hoffnung, der Verzweiflung, der Geburt und der Agonie, des Hasses und der Liebe, eine Stimme des Herzens und des Sex, eine Stimme des Wimmerns und des Schreiens, eine magische Stimme mit den Wörtern, die sie ausspricht, eine Stimme, die aus den Eingeweiden kommt und direkt in die Eingeweide derjenigen trifft, die sie hören,”
so überschwänglich schwärmt der Musikjournalist Etienne Blondet 1975.
Die Platten von Catherine Ribeiro & Alpes aus den 1970ern Jahren stehen als einzigartiges Zeugnis für die heute undenkbare Verbindung von wegweisender experimenteller Musik, politischem Engagement und sehr persönlichen und introspektiven Lyrics.
Auch ebnen sie den Weg für einheimische Musiker, zum Beispiel aus dem Rock In Opposition – Umkreis wie Etron Fou Leloublan oder Albert Marcoeur, aber auch für von der “reinen Lehre” abkommende Chansonsängerinnen wie Brigitte Fontaine, die Songs oder den Chanson in eine freiere, experimentelle Richtung weiterentwickeln.
Siehe auch :
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March 17th, 2024
Outfest 2023 – Festival Internacional de Música Exploratória do Barreiro
Zum neunzehnten Mal ist die nicht mehr ganz aber doch noch weitgehend ungentrifizierte ehemalige Industrie- und Arbeiterstadt Barreiro für vier Tage im Oktober Zentrum für ein unkonventionelles, in alle Richtungen offenes Musikprogramm, veranstaltet vom Out.Ra – Kollektiv.
Neue Musik (- Pioniere), experimentelle Elektronik, Afro-Jazz, alternativer Hip Hop, Dub und sogar Black Metal; vieles ist hier möglich. Traditionell liegt der Schwerpunkt auf dem einheimischen Musikschaffen, auch mit der Absicht, Kontakte untereinander herzustellen oder zu vertiefen.
Out.ra (“das Andere”) ist der Trägerverein, der unter dem Direktor Rui Pedro Damasio neben dem Outfest im Oktober auch das experimentelle Filmmusikfestival Sónica Ekrano und zahlreiche Einzelveranstaltungen an oft sehr aussergewöhnlichen Stätten der post-industriellen Überbleibseln in Barreiro veranstaltet. Den Weg über den Fluss zu den Konzerten finden natürlich auch die in der Metropolis lebenden, an ungewöhnlichen Klängen Interessierten Beim Festival trifft man aber auch sympathischerweise auf neugierige Einwohner, die ansonsten nicht soviel am Hut mit schrägen Klängen haben dürften.
Nach der Pandemie ist das Geld noch knapper als gewohnt und die Zahl der Sponsoren für Musik, die sich gewöhnlich unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit ansiedelt, ist überschaubar. Das tut dem Geist des Festivals allerdings keinen Abbruch und der charmnante und familiäre Charakter hebt sich von vielen anderen, schon kommerziell durchgetakteten Veranstaltungen wie Le Guess Who? oder Moers wohltuend ab.
Die Ateliers der Pada Studios sind inmitten des inzwischen teilweise unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Fabrikgeländes und der Arbeitersiedlung der Companhia União Fabril (CUF) situiert und bieten Künstlern eine inspirierende Umgebung, um Projekte entwickeln und realisieren zu können.
Unweit des Mausoleums des Gründervaters und industriellen Pioniers Alfredo Da Silva, der 1944 starb und mit seinen Unternehmungen Barreiro zum wichtigsten Indstriestandort Portugals machte, berfinden sich die besagten Wohnhäuser der Fabrikarbeiter, die heute unter dem Namen Baia Do Tejo weitere Ateliers, Musikräume und Kunstwerkstätten beherbergen. In einem Teil der Fabrikanlagen wird immer noch gearbeitet, aber die Zeit als hier Seifen, Kerzen, Pflanzenöle, Textilien, Tabak und anderes hergestellt und verarbeitet wurde sind definitiv vorbei. Die CUF existiert immer noch, allerdings als eine Kette für Privatkliniken.
Nach Sonnenuntergang verliere ich mich beinahe im riesigen Arreal, die dampfenden Schlote und die gespenstische Beleuchtung der noch fungierenden Textil-Fabrik weisen mir und anderen Herumirrenden aber dann doch den Weg.
Mit Mitgliedern aus den städtischen Musikschulen entwickelte der Neue Musik Pionier Alvin Curran für das abendliche Eröffnungskonzert in den Pada Studios eine neue Version eines seiner zentralen Stücke – Beams. Das anarchistische Gen des Freigeistes unter der Komponistenschar, die in den 1960er Jahren, die zeitgenössische klassische Musik auf den Kopf zu stellen versuchte, ist auch mit über achzig Jahren Lebensalter weiterhin intakt. Das Ensemble Musica Elettronica Viva sorgt in den 1960ern Jahren mit ihrer radikalen Auffassung, wie Musik zur Zeit klingen sollte, sogar für Tumulte. Später, als Curran sich in Rom niedergelassen hat, komponiert er stetig Stücke für Kammermusik bis zu grossen Ensembles, Stücke für das Radio wie für einzelne Instrumente. Curran experimentiert mit aussergewöhnlichen Tonquellen, Stimmen und neuen Technologien, und das oft mit einem in den elitären Kreisen verpönten Augenzwinkern.
Die in der Gallerie sich örtlich immer wieder neu verteilenden Musiker spielen neben tönenden Objekten wie z.B. Muscheln meist akustische- und Blasinstrumente und werden von Curran, der am Tisch stehend dem Midi-Keyboard und Computer Erstaunliches entlockt, bei dieser strukturierten Improvisation sachte dirigiert.
Ein gelungener Auftakt. Die Nachtstunden kann man dann im benachbarten A 4 verlängern; mit Rojin Sharafis strengen elektro-akustischen Exkursionen, die auch direkter Ausdruck der in Wien ansässigen Musikerin auf die Represalien sind, denen kritisch denkende Menschen in ihrem Heimatland Iran ausgesetzt sind, und dem in Lissabons Underground Musikszene nicht wegzudenkende Zé Moura und seinem luftigen Gebräu aus Dub, House und Noise.
Introspektiveres gibt es am darauffolgenden Nachmittag in der beeindruckenden Kirche Nossa Senhora do Rosário hören. Tiago Sousa präsentiert auf der Orgel und dem Piano die Premiere eines weiteren Stückes seiner Organic Music Tapes Serie. Zwischen Formen der Avantgarde und minimalistischen Anleihen angelegt, lässt es sich in diesem Ambiente tief in die Musik Sousas eintauchen. Die Schottin Brighde Chaimbeul ist derzeit auf vielen Festivals mit experimenteller Musik zu hören und ihr Stamminstrument – der Dudelsack – befreit sich durch ihre Kunst vom Image des Volkstümlichen. Chaimbeul bedient den scheinbar endlosen Kosmos des Obertönespektrums ganz vorbildlich.
Beim Outfest steht man permanent vor dem Luxusproblem, sich zwischen zeitlich parallel laufenden Konzerten zu entscheiden oder die Aufmerksamkeitsspanne drängt nach einer Pause. Ins Gasoline am Nachmittag, wo Leonor Arnaut & Ricardo Martins, XIII und NZE NZE ihr Repertoire zwischen Post-Punk und Improvisation offerieren, schaffe ich es nicht, aber die Veteranen abends im Klub Os Penicheiros – Sven – Ake Johansson & Jan Jelinek und dem Free Jazz Afro – Rock des Nok Cultural Ensembles aus dem Sons Of Kemet – Umfeld sind mehr als ein Ersatz, da sie die experimentelle Musik in selten oder noch gar nicht gehörte Richtungen weiterführten, Jazz – Drums gepaart mit elektronischen Drones bzw. Free Jazz Ethno-Dub.
Die finnisch-luxemburgerische Künstlerin mit italienscher Abstammung Maria Rossi veröffentlichte unter ihrem Künstlerprojekt Cucina Povera schon einige Alben auf unterschiedlichen Labels und bewegt sich mit ihren Einflüssen aus experimentellem Folk, verfremdetem Gesang und komprimierter Elektronik nah am Label-Raster von Fonal oder Kraak. In der Igreja de Santa Cruz verströmt sie mit ihren rituell wirkenden Acapella- Folksongs, über die nach und nach Schichten aus dem Echo ihrer Stimme und elekronisch – gerierte Drones legt pure Magie.
Die slovenische neo-folk Band Sirom und die Fusion-Band Horse Lords lassen am Abend den diesjährigen Hauptveranstaltungsort ADAO zur Tanzfläche metamorphosieren.
Am Samstag laufen dann wieder drei Konzertblocks zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten in Barreiro.
Die Biblioteca Municipal ist aber sicherlich eine sehr gute Wahl. Noa Kurzweil aka Voice Actor gibt eine Art Best- Of ihres unglaublichen Albums Sent From My Telephone. Hinter einem transparenten Vorhang, auf dem vage Bilder und Clips projeziert werden, steht sie am Tisch mit ihrem Computer und spricht und “singsangt” in einer beinahe unbeteiligt wirkenden Alltagsstimme. Aber, ihre Songs stellen eine geniale Spiegelung der hyperdigitalen Welt von heute mit ihren oft sinnlosen Voice Mails, Playlists und endlosen ins Leere laufenden Kommunikationsformen in verschieden Sprachen dar. Unglaublich ist ihr Album auch schon alleine aufgrund der Länge: viereinhalb Stunden und 109 Songs, die wie ein fiktives tönendes Tagebuch klingen, das man in ein Mixtape transferiert hat.
Die Musik zitiert scheinbar ähnlich eklektisch dezent im Hintergrund angelegte ambiente Klanglandschaften, Hip Hop, dubbige, narkotische Beats, Popelemente, die idiosynkratische Szene um Space Afrika, Mica Levi, Tirzah und vieles mehr.
Ravenna Escaleira spielt anschießend einen Solo – Saxophon-Set. Street Art, Poetry, bildende Künste, Aufenthalte in Brasilien, Spanien und Italien sowie das Musikmachen in den Straßen diverser Metropolen schliffen ihr künstlerisches Profil; die intensiven dreißig Minuten ihres Auftritts beinhalten alle Gefühlszustände, die man mit einem Instrument ausdrücken kann.
Joana de Sá hat zwei sehr gute Alben auf dem portuenser Sirr-Label veröffentlicht und zeigt in der Bibliothek live wie sie ihre Stücke mit Gitarre und Synthieloops, die meist sehr leise an der Hörschwelle beginnen und sich nach und nach aufbauen, verdichten und dramatisch entwickeln. Ihre Songs beziehen sich auf Orte oder Musik, die sie berührt und einen emotionalen Eindruck hinterlassen haben und die sie in ihre eigene Musikästhetik übersetzt.
Wieder im ADAO beginnt der Abend mit einem Konzert von Rita Silva, die seit einiger Zeit am Institute of Sonology in Den Haag studiert. Ursprünglich inspiriert von Pionierinnen wie Delia Derbyshire und Laurie Spiegel entwickelt sie – nachzuhören auf zwei empfehlenswerten Tapes – ihre eigene Handschrift. Mit modularen Synthesizern spielt sie eine sich stetig verändernde organische psychoakustische Musik, die auf geniale Weise Kopf und Körper miteinander vereint.
Holy Tongue – Valentina Magaletti, Susumu Mukai, Al Wootton – amagalmisieren dann auf der großen Bühne (mit offenem Scheunentor im Rücken des Publikums) fünfzig Jahre britsche Undergroundmusik. Über das prägnante Rhythmusgerüst von Magaletti und Mukai, das man ansonsten so hypnotisch und aufeinander eingespielt vielleicht nur so in der Blütezeit von Can hören konnte, setzt Al Wootton die melodischen wie disharmonischen Spitzen: On-U-Sound, rituelle, oszillierende Beats aka 23 Skidoo, Rough Trade-Ästetik und vieles mehr meint man hier herauszuzhören und erneut fusionieren Intellekt und Körper bei der Musik von Holy Tongue zu einer Einheit.
Wie es noch eines Beweises bedurft hätte, was den eklektischen Geschmack des Veranstalterteams anbelangt, übernehmen danach die alternativen Black Metaller von Liturgy um die Gitarristin und Sängerin Haela Hunt-Hendrix die Bühnenhoheit. Ein wenig wie die Doom-Götter Sunn >>> experimentierte die Band in den letzten Jahren mit verschiedenen Einflüssen, die von der “reinen Lehre” des Black Metal-Kanons abweichten. Elektronische Elemente, chorale- und orchestrale Passagen zwischen die Noise-Gewitter eingeflochten und auch die NYC-Lower East Side – Historie von Bands und Musikern wie Sonic Youth, Glenn Branca oder Rhys Chatham zitierend, macht die die Band auch für ein avantgardistisch ausgerichtetes Publikum interessant.
best of 2023
January 5th, 2024
Music
Tara Clerkin Trio – On The Turning Ground
Voice Actor – Fake Sleep
Tirzah – trip9love…???
eyedress – Let’s Skip to the Wedding
Various – Gespensterland
Madvillain – Madvillainy
Slowdive – Everything Is Alive
Bar Italia – Tracey Denim
Pere Ubu – Trouble On Big Beat Street
Doja Cat – Scarlet
Cloth – Secret Measure
Teresa Winter – Prosperine
Marina Satti – Yenna
Gina Birch – I Play My Bass Loud
Rita Silva – The Inflationary Epoch
SZA – SOS
Fiesta En El Vacío – Fiesta En El Vacío
Aksak Maboul – Une Aventure De VV
Nídia – 95 Mindjeres
Kali Malone – Live @ Subset Festival Athens
Xexa – Vibrações de Prata
Paul Rooney – Surface Industries II
Philip Jeck & Chris Watson – Oxmardyke
Esben & The Witch – Hold Sacred
TSVI (Anunaku) – Stella Remota
Marlene Ribeiro – Toquei No Sol
Bear Bones, Laylow – Ideas Flotantes
The Cleaners From Venus – Kassetten 1981 – 1992
Claire M Singer – Saor
Clientele – I Am Not There Anymore
Film/TV
Kristoffer Borgli – Dream Scenario
Lee Sung Jin – Beef
Retrospektive – Maurice Pialat
Hiroshi Shimizu – Sound of the Mist
Henk Handloegten, Tom Tykwer & Achim von Borries – Babylon Berlin S5
William Friedkin – To Live and Die in L.A.
Ronan Bennett – Top Boy S5
Aki Kaurismäki – Fallen Leaves
Davy Chou – Retour à Séoul
Nicolas Roeg – Walkabout
Ali Abbasi – Holy Spider
Zal Batmanglij & Brit Marling – A Murder at the End of the World
Alice Rohrwacher – La Chimera
Peter Bogdanovich – What’s up, Doc?
Thomas Cailley – The Animal Kingdom
Werner Herzog – Nomad, In the footsteps of Bruce Chatwin
Books
Cathi Unsworth – Season Of The Witch
Gustave Flaubert – Madame Bovary
Deborah Levy – August Blue
Thurston Moore – Sonic Life
James Corbett– The Outsiders
Roberto Bolaño – Die Wilden Detektive
Georg Büchner – Gesamtwerk
Sarah Waters – Fingersmith
Alan Warner – Kitchenly 434
Alvaro Siza – Piscina Na Praia de Leça de Palmeira
Barbara Klemm – Frankfurt
Ursula K. Le Guin – No time to spare
Ripples
December 9th, 2023
Winter Of Discontent:
Bob Stanley/Pete Wiggs – Winter Of Discontent
Gina Birch – I Play My Bass Loud
The Memorials – Music For Film: Tramps! / Women Against The Bomb
Cathi Unsworth – Season Of The Witch
Der Begriff “Winter Of Discontent” fasst die Unruhen in Großbritannien in verschiedenen urbanen Brennpunkten und die massiven Streikwellen Ende der 1970er Jahre – genauer von November 1978 – Februar 1979 – und die zunehmend prekären wirtschaftlichen Verhältnisse eines Landes im Niedergang zusammen. Schließlich führte dies zum Fall der Regierung von James Callaghan und dem Wahlsieg von Margaret Thatcher am 3. Mai 1979. Von den Yellow Papers genüsslich ausgeschlachtet, konnte man Horrorgeschichten von im Müll versinkenden Städten bis zu nicht bestatteten Leichen aufgrund der Arbeitsniederlegung in verschiedenen Branchen lesen.
Außerdem sorgten die klimatischen Verhältnisse in diesem besonders kalten Winter für weiteres Unbehagen. Die Labour-Regierung befand sich in einem Dilemma:
Den von den Gewerkschaften geforderten Lohnerhöhungen konnte nur teilweise nachgegeben werden, da gleichzeitig in Inflation in astronomische Höhen kletterte. Das Land hatte jedenfalls jede Menge Probleme außer nicht abgeholten Müllsäcken.
Aus (Sub-) kultureller Sicht waren die Mitt- bis Endsiebziger dagegen eine wahre Blütezeit der Nonkonformität.
Die Initialzündung von Punk fand schon 1976 durch Malcom McLarens geschickte Inszenierung der Sex Pistols – ausgestattet mit schrägen Klamotten aus der mit Vivian Westwood betriebenen Boutique SEX in Chelseas Kings Road, exzentrischen Haarschnitten, scheinbar rüdem Auftreten und mit einem kulturtheoretischen Überbau aus situanistischen und (salon-) marxistischen Ideen gepimpt. Nachdem sich das gemeine Volk von den Beleidigungen bzw. Infragestellen des Königshauses und der verbalen Eskalation in einer reaktionären Talkshow (Where Is Bill Grundy now? sangen die TV Personalties dann später auf ihrer Debut-Single) irgendwie erholt hatte und sich an die bunten Gestalten im Straßenbild der Großstädte gewöhnt hatte, hatte der Punk-Urschrei für die junge, kulturinteressiere Generation in jedem Fall den Effekt, dass nun jeder, der etwas zu sagen hatte, dies sich auch traute zu tun, im zweifelsfall auf einer Bühne.
Und die musikalischen Ideen aus dem Wohnzimmer konnte man durch die plötzlich entstehende und florierende Infrastruktur auf Schallplatte pressen, das Cover gestalten und das Produkt selbst oder in den spezialisiereten Läden vertickern.
Nachdem Punk endgültig verpufft war, fing der Spaß erst richtig an, wie die Masterminds von Saint Etienne Bob Stanley und Pete Wiggs in den Linernotes der dem Thema gewidmeten Kompilation, einem weiteren Höhepunkt ihrer sich diversen obskuren Musikrichtungen der britischen Kultur widmenden Albumserie schreiben.
Margaret Thatchers viel zitierte Aussage -There’s No Such Thing As Society -, darauf gemünzt den Gemeinschaftssinn und die Solidarität der Gesellschaft lächerlich zu machen und die rücksichtslose Individualität und Privatisierung als das neue Credo zu verkünden, führte ironischerweise in der Subkultur zu merkwürdigen Blüten. Das für ein bis zwei Jahre zugestandende Fördergeld für neu gegründete Self Made-Unternehmen wurde von Labels wie Alan Jenkins Cordelia Records oder Yukio Yungs Hamster Records kurzerhand dafür eingesetzt, die obskursten der obskuren Untergrundmusiker auf Schallplatte zu pressen.
Bob Stanley / Pete Wiggs present Winter Of Discontent versammelt hier aber einige der absoluten musikalischen Perlen der DIY-Kultur, die als Kontrast zu den grauen Endsiebzigern farbenfroh schillern. Einge der Singles wie King And Country von Dan Treacy’s TV Personalities, Fairytale In The Supermarket von The Raincoats, Work von The Blue Orchids, Scitte Politti oder The Mekons gehören inzwischen zum Kanon des Post-Punks. Andere, nicht minder wichtige aber unbekannt gebliebene Bands gibt es (wieder) zu entdecken. Die meisten Projekte waren rein privater Natur und die in Eigenregie produzierten Singles hätten ohne das offene Ohr für besondere Klänge von John Peel und der Schirmherrschaft des Rough Trade Ladens in der Londoner Talbot Road nie außerhalb des eigenen Freundeskreis Gehör gefunden.
Bandnamen wie The Red Pullover, Human Cabbages, Thin Yoghurts, Fatal Microbes oder The Gynaecologists zeugen von einem latent bis manifesten DADA-Gen, während die Musik dagegen sehr britisch, Art-School-geprägt und das enge Korsett von Punk in alle möglichen Richtungen ausweitend, Perspektiven für eine in die Zukunft gerichtete Musik versprach.
Ab 1981 schien sich aber die neue Freiheit wieder zu verlieren, Bands lösten sich wieder auf, drifteten in den Mainstream und neue subkulturelle Bewegunbgen (New Romantics, Dance Music) ab.
Gina Birch hat sich als eine der wenigen Urgesteine der frühen Rough Trade-Schule deren Aufbruchsgeist bewahrt und nebenbei den “Winter Of Discontent” selbst aktiv erlebt. Von der ersten Single mit den Raincoats bis zu I Play My Bass Loud sind über vier Jahrzehnte ins Land gegangen und doch ist dies ihr erstes Solo-Album. Musik ist für Birch eben nur eine von vielen Möglichkeiten sich auszudrücken; Malen und Filmen sind ebenbürtige Leidenschaften.
I Play My Bass Loud klingt einerseits so wie die Zeit stehen geblieben wäre und durch die sparsame, spröde Instrumentierung doch auch zeitgemäß und aktuell.
Verschrobene Rocker und noch windschiefere Balladen, Dub und Reggae, Krawall und Introspektion reichen sich die Hand und Gina lässt dem geneigten Hörer die Illusion, dass die Vision einer aktiven Counter-Culture-Szene (und nicht Cancel Culture) immer noch existiert.
Prima Platte!
In Brighton haben sich Ex-Electrelane Mastermind Verity Susman und der Wire-Gitarrist Matthew Simms gefunden, um nun als The Memorials in Zusammenarbeit mit progressiven Filmdirektoren all ihre musikalischen Vorlieben und Exzentritäten in die Form von Soundtracks fließen zu lassen.
Die schöne Doppel-LP Music For Film beinhaltet einerseits die Musik für die Dokumentation Tramps! von Kevin Hegge, der ehemalige Protagonisten der New Romantic Szene der 1980er interviewt (und Film- und Fotomaterial von damals gegenschneidet. Die Outfits in dieser Vor-Aids-Zeit können aus heutiger Sicht eher als Proto-Drag und Art-Statement als reine Popmusikbewegung durchgehen.
Susman und Sims komponierten für den Film weniger die vermutbaren Synthiepopsongs, sondern abstraktere, düstere Klanglandschaften à la Cabaret Voltaire oder Dome.
Women Against The Bomb von Sonia Gonazales ist der andere Dokumentarfilm, für die The Memorials die Musik geschrieben haben. Der Film erzählt die Geschichte des Peace Camps von Greenham Common, das 1981 von Frauen als Protest gegen die Stationierung von Nuklearwaffen ins Leben gerufen wurde. Musik hatte als Begleitung für die Proteste einen wichtigen Stellenwert. Tatsächlich dort gesungene und imaginäre Songs, kombiniert mit Zitaren der alternativen Musik von damals – New Wave, Noise, Krautrock und Gitarrenpop – lassen die Musik authentisch und gleichzeitig in der jetzigen Zeit verankert klingen. Susman und Sims beweisen sich als wahre Meister ihres Fachs, was sie auch live wie bei einem Konzert vergangenen Oktober in der Lisabonner Music Box zeigen (sieh Foto), als das Duo ihre Songs zwischen Indie-Pop und Avantgarde mit einer Vielzahl Instrumenten (und einigen vorgefertigten Computerspuren) auf die Bühne brachten und eine Spur Magie verbreiteten.
Die ehemalige Sounds-Schreiberin Cathi Unsworth hat sich in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf als Autorin für düstere Noir-Kriminalromnane erschrieben; ihre ursprüngliche Leidenschaft – die Musik – aber keinesfalls vergessen (z.B. die ausgezeichnete Biographie über die Punk – und Modepionierin Jordan, die im Umfeld von McLarens und Westwoods Sex/Seditionaries – Shop, den Sex Pistols und später bei den ersten Filmen von Derek Jarman einen großen Einfluss hatte)
Season Of The Witch beleuchtet aus eigener Erfahrung den, nicht nur musikalischen Hintergrund von Goth. Auch hier kann man den Ursprung und die Initialzündung auf den Winter of Discontent und Thatchers radikale Umformung Großbritanniens in den 1980ern zurückführen. Siouxsie & The Banshees, Joy Division, The Cure und Magazine waren die ersten, die einen Weg fanden die Dissonanz und die in der Luft liegende Düsternis des Jahrzehntewechsels in ihrer Musik auszudrücken. Viele andere folgten:
Aus erster Hand und eigenen Erfahrungen durch Interviews usw. schöpfend, lernt man den Werdegang auch von erst später dem Genre zugerechneten Bands und Musikern wie Bauhaus, Killing Joke, The Cramps, Lydia Lunch, Foetus, These Immortal Souls, Birthday Party, Diamanda Galas, Einstürzende Neubauten, Cocteau Twins und vielen anderen kennen; im Hintergrund spielen dabei immer die sozialen und weltpoltischen Spannungen einer Welt, die scheinbar vor dem Abgrund und der nuklearen Apocalypse stand.