Bruxelles Soundscapes 7

January 10th, 2009

Stilll/Off: An Experimental Pop Combination

Jérôme Deuson setzte mit seiner Band Amute auf den beiden Platten ‘A Hundred Dry Trees’ und ‘The Sea Horse Limbo’ einige willkommene Farbtupfer in die sonst weitgehend aseptische musikalische Welt der Laptopkünstler. Warmer Gitarrensound aus der Fennesz’schen Schule vermischt sich mit Folktronics und teilweise opulenten Arangements; emotionale Aufwallungen und ausgesuchte Gastsänger/innen, wie man das aus dem Constellation-Umfeld kennt. Beide Platten erschienen auf dem kanadischen Intr. Vision – Label.

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Der lange angekündigte dritte Streich wird diesen Frühling auf Stilll veröffentlicht werden, das Label, das Deuson 2005 zusammen mit Alain Lefebvre gründete, um die Brüsseler Tradition, ein Mikrokosmos des musikalischen Eklektizismus zu sein, fortzuführen.
Der nun aus einem guten Dutzend Veröffentlichungen bestehende Katalog löst mit Künstlern aus der Post-Rock-, Ambient-, Electronica-, oder anderweitigen Subgenre-Szene das Versprechen ein, wobei ich vor allem den Sampler ‘Illlysm’ (ein Statement von ähnlicher Überzeugunskraft wie die frühen Crammed-Sampler) und die beiden belgischen Kultbands Babils (eine wirre Freakshow aus Psychedelic, Acid Rock und Folk dieser Urgesteine) und De Portables (die Meister der Ironie) empfehlen möchte. Trotz Enthusiasmus und Zuversicht musste man Ende 2008 auf die Bremse treten, denn die Infrastruktur für (physische) Tonträger bröckelt allerorts.

Im Vergleich zum Endzwanziger Deuson hat Alain Lefebvre dies alles schon auf ähnliche Weise erlebt. Als Anhänger des Prä-/Punks, hatte er Ende der 1970er Jahre in Brüssel das Vergnügen, alles was später Rang und Namen haben sollte, in den zahlreichen Clubs bestaunen zu können. Seine eigene Band, Digital Dance, brachte es, ohne letztlich den großen Durchbruch zu schaffen, zu Kultstatus in Belgien. Mit dem charismatischen Sänger Jerry WX (der 2000 starb), Stephàne Barbery (heute bei Ink), Jean-Marc Lederman (später in der Band von Fad Gadget) und Lefebvre selbst, spielte man beispielsweise als Vorband von Joy Division oder The Clash. ‘Das war damals unkompliziert und unbürokratisch’, so Alain, ‘man fragte und war engagiert. Brüssel war heruntergekommen, arm und das Leben billig. Man konnte mitten in der Innenstadt in einer riesigen Art Nouveau – Wohnung oder, alternativ, in einem Loft leben, ohne mehr als 200 Euro auszugeben und seinen eigenen Projekten nachgehen. Das Verdienen des Lebensunterhalts war Nebensache und nicht der Mittelpunkt wie heute. Es waren also die idealen Voraussetzungen gegeben, um eine Alternativkultur mit Clubs, Läden, Studios usw. entstehen zu lassen und unterschiedlichste Ideen zu verwirklichen. Das sprach sich auch im Ausland herum und zog die unterschiedlichsten Musiker, von Stars bis zu Außenseitern nach Brüssel.’

Alain Lefebvre war dann schnell ein vielbeschäftigter Musiker. Neben seiner eigenen Band spielte er Perkussion und Schlagzeug für beispielsweise Isabelle Antena, Anne Clark, Benjamin Lew, Durutti Column oder Tuxedomoon. Spuren im Gedächnis haben vor allem Vini Reilly und Tuxedomoon hinterlassen, ‘exzellente Musiker, zu denen sich auch private Verbindungen entwickelten, die bis heute halten.’ Für Les Disques Du Crépuscule war er in der Promotion tätig und arbeitete für einige Jahre in deren japanischen Dependence. Ende der 1980er Jahre drifteten die meisten der Independentlabels in den Mainstream und in die Belanglosigkeit ab; für Alain wurden die Promotionarbeit und selbst die Tourneen in Japan zum Trott. Nach einem Auftritt mit Anna Domino hatte er genug. ‘Als ich die Schlagzeugstöcke nach der letzten Zugabe hinlegte, war ich überzeugt, dass ich nie mehr Musik machen wollte.

Wieder in Brüssel und nach einer längeren schöpferischen Pause, entdeckte er dann aber die Keyboards für sich und die Musik neu. Mit Benjamin Lew zusammen kreiert Alain Lefebvre als Alinovsky seltsame Ambient – Tonlandschaften; außerdem partizipiert er bei Rob(u)rang und beim Gamial Trio. Eine Soloplatte mit ausschließlich eigener Musik schwebt ihm schon seit langem im Kopf herum.

Und dann ist da noch OFF. Bald nach der Gründung von Stilll mit Deuson stellte sich heraus, dass es keinen Sinn ergibt, die unterschiedlichen musikalischen Vorlieben nur in eine Marke fließen zu lassen. OFF hat ein noch offeneres Raster, widmet sich Modern Jazz, Avant-Rock, Experimental Beats und Women Voices und ist in seiner Experimentierfreude vergleichbar mit Rune Grammofon (ein erklärtes Lieblingslabel Alains). Die bisherigen Veröffentlichungen machen deutlich, dass es sich dabei vor allem um Liebhaberprojekte handelt, in die jede Menge Herzblut investiert wird, die aber in gleichem Maße unkommerziell sind.

Blaine Reininger veröffentlichte aus alter Verbundenheit sein neues Album auf OFF, Toshinori Kondo gleichfalls. Der avantgardistische Anteil des Oeuvres der belgischen Kultfigur Pierre Vervloesem wird hier betreut (der rockige von Carbon 7), ansonsten taucht man beim Checken des Katalogs in eine unbekannte Welt der musikalischen Überraschungen, so wie das sein sollte.

Stilll.org

Myspace.com/off

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