Bruxelles Soundscapes 4

January 8th, 2009

Ignatz – The Gloom Of The Darkest Day

Steigt man am Gare Du Nord aus dem Zug, bekommt man, sobald man der schmierigen Vorhalle entkommen ist und in den Himmel von Europas Hauptstadt blinzelt, einen ersten Eindruck von dem, was die Einheimischen Bruxellisation nennen. Städtebauliche Verwahrlosung, mit dem Ziel, die eigene Vergangenheit zu zerstören, um mit der Zukunft zu experimentieren; Art Nouveau, High Tech-Coolness, großangelegte Parks aus Zeiten Kaiser Leopolds II, Ruinen, wild durcheinandergewürfelt und an den Ringstraßen als gemeinsamer Nenner zur überdimensionierten Tankstellen- und Shopping Mall-Landschaft verdichtet. Von perverser Faszination, und natürlich wurde das alles schon längst von den ansässigen Comic-Künstlern aufgearbeitet. Der Drang zur stetigen Erneuerung mit oft chaotischen Resultaten der Fragmentation überträgt sich und läßt dem Geist Luft und Freiheit sich auszuleben.

img_2106

Gut vorstellbar, dass sich hier eine Maus vom Schlage Ignatz’ zurechtfände, die surreale Endlosigkeit der Kakteenlandschaft gegen die Stadtwüste eintauschend. George Herrimans minimalistisch-genialer Zeitungs(s)trip Krazy Kat aus den den 1910-40er Jahren, indem er mit bewundernswerter Sturheit in endlosen Variationen ein (Liebes-)Dreieckverhältnis ausleuchtet, ist in seiner untertrieben inszenierten Schlichtheit immer noch unübertroffen. Die verschlagene, aber ‘very cute’ Maus Ignatz wirft als Zeitvertreib vorwiegend Backsteine an den Hinterkopf von Krazy Kat, das diese (oder dieser?) als Liebesbeweis auffasst. Hund Pupp, der Polizist, sucht stets nach Gründen, die Maus einzulochen, damit er freie Bahn bei der Katze hat.

Natürlich wählt Bram Devens Ignatz als alter ego für sein musikalisches Projekt.

Die neunte Kunst war ursprünglich für ihn, der, wie er sagt, im beschaulich langweiligen Hasselt vorbildlich als Sohn linker Eltern aufwuchs, für lange Zeit die erste und weitaus faszinierender als die Musik. Trotzdem, als Independent zum Mainstream degenerierte, landete er auch als mäßig Interessierter zwangsläufig in einer Band und versuchte sich an entsprechenden Weisen. Nach bescheidenem Amusement auf diesem Gebiet zog es ihn schnell wieder in die Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände zurück; allerdings nun angefixt von der Welt der Töne. Über Experimente mit der Manipulation von Kassetten und exzessivem Improvisieren auf der Gitarre entwickelte sich nach und nach der Sound, der jetzt schon, nach drei Alben, als unverwechselbar bezeichnet werden darf. Eskapismus ist dabei als Grundhaltung zu verstehen; nur so klingt die Musik wie sie klingt: Willkommen zu den magischen Klangfahrten ins Ignatzland!

Bram Devens’ Texte, sofern man sie aufgrund Verfremdung und Murmeln überhaupt als solche wahrnehmen kann, spielen mit Phrasen und Nichtigkeiten der Populärmusik, also dem Resultat von jahrzehntelanger anglo-amerikanischer Beschallung und sind, so Devens, “auf dem intellektuellen Stand eines Fünfjährigen, da ich ja nicht wirklich gut Englisch spreche.”

Dass die Musik aber keinesfalls Cartooncharakter hat, sondern in gar seltsame und versponnene Soundmisanthropien führt, ist natürlich seiner Kunst geschuldet. Obwohl nur mit Gitarre gespielt, sind die Stücke mit Effekten und Bearbeitungen enorm verdichtet und mit Verfremdungen, minimalistischen Drones und irgendwo durch ferne Echokammern gejagten Melodien und bizarren Stimmen entstellt. Psychedelisch, wenn man will, aber wie alle Musik, insbesondere aber solche abstrakte, läßt sie sich nicht wirklich in Worte fassen. Es schimmert die Affinität für amerikanische Folk- und Rootsmusik – mehr aus der Faszination für deren schäbigeen Low-Fi-Sound als aus Werkstreue heraus geboren – durch und gibt Struktur vor. ‘Ignatz I’, ‘Ignatz II’ und ‘Ignatz III’ sind so klaustrophobisch (und ironisch) wie nur irgend möglich; während des Entstehens von ‘Ignatz II’ scheint Devens doch hin und wieder von seinem Zimmer in den Vorgarten gespäht und einen Streifen Licht abbekommen zu haben; trotzdem bleibt die vage Stimmung erhalten: irgendwie dunkel, hypnotisch, endlich und auf ähnlich unerklärliche Weise unheimlich wie Lynchs’ Hasen in ‘Inland Empire’ . Ein Gefühl, das sich beim Hören vom aktuellen Album ‘Ignatz III’ noch verstärkt.

Außer den Platten, veröffentlicht Bram Devens in loser Folge Momentaufnahmen aus seinem Wohnzimmer in Form der guten alten Kassette. “Der kreative Prozess ist vergleichbar mit dem beim Zeichnen. Es entstehen Skizzierungen, an denen ich herumspiele, ausbessere, ergänze usw. Intuition und innere und äußere Einflüsse tun das Übrige. Außer Gesang und Gitarre verwende ich nur einige Effektgeräte und einen Computer. Auch Samples, ohne die Auftritte nicht möglich wären, speisen sich aus eigenen Quellen. Die Möglichkeiten dieser rudimentären Ausrüstung sind für mich bei weitem noch nicht ausgeschöpft und erst, wenn ich mich wiederholen oder langweilen würde, müßte ich über Alternativen nachdenken. Speziell bei Auftritten läuft man allerdings Gefahr, bei den improvisierten Parts immer die gleiche Lösung zu wählen.”

Nach dieser Schlussfolgerung ist Wiederholung also Stillstand und daher inakzeptabel. Die Stücke für die drei (offiziellen) Alben wurden aus einem jeweils aktuellen Fundus von ihm und dem Plattenlabel nach einem Punktesystem ausgewählt. Was nicht Gnaden in den Ohren der “Jury” fand, wurde, da Devens zudem den Anspruch hat, stets Aktuelles zu veröffentlichen, erbarmungslos vom Computer gelöscht.

Die Verbindung mit dem Label (K-RAA-K)3 darf als eine glückliche bezeichnet werden. Gerade hat man im Headquarter in Gent auf den zehnjährigen Geburtstag mit Nurse With Wound, Jac Berrocal und Maher Shalal Bash Haz anstoßen können. Was mit Toothpick als Kassettenlabel begann, mündete 1997 in die Gründung von (K-RAA-K)3 und in den Versuch Label, Distribution und Promotion für andere Musiker und Konzertorganisation parallel nebeneinander laufen zu lassen. Seit 2002 konzentriert man sich auf Label und dem Organisieren von Konzerten und wird mittlerweile auch staatlich (flämisch) bezuschusst, wodurch sich nun neben der von Dave Driesmans zwei weitere Teilstellen finanzieren lassen. Auf drei ausgewiesen anspruchsvolle Festivals – Pauze und Courtisane in Gent bzw. Brüssel und (K-RAA-K)3 in Hasselt, kleinere Veranstaltungen in den belgischen Metropolen, dem Herausgeben des monatlich erscheinenden Ruis – Magazin und ein habes Dutzend Veröffentlichungen pro Jahr auf dem Label hat man sich nun eingependelt. Für belgische Musiker abseits des Gängigen, aber auch für internationale Künstler, ist (K-RAA-K)3 eine der momentan ersten Adressen.

Schnell tief im musikalischen Niemandsland von Drones, Psych, Minimalismus und Free Folk findet sich derjenige, der sich in den Katalog hineinhört. Die drei Alben von Ignatz sind persönliche Favoriten, aber auch die sich grimmige Vertreter des Death Metal gebärdenden, musikalisch aber merkwürdigerweise dann doom-folkigen Silvester Anfang. das zwischen Impro- und Geräuschmusik fungierende R.O.T. – Ensemble, die schön-seltsame Einsiedler Psychedelicelectronica von Sami Sänpäkkilä aka ES ziehen nicht minder in den Bann. TUK, das Projekt von Guillaume Graux geht live Verbindung mit visuellen Künstlern ein; die Stücke sind vorwiegend aus zerhäckselten und manipulierten Bausteinen aus Bekanntem entstanden und es wird zur Ratestunde eingeladen. Der Instrumentenbauer und Expunk Stef Heeren wirkt wie ein Sohn von Free-Folk-Übervater David Tibet/Current 93. Kiss The Anus Of A Black Cat lässt ein permanentes Augenzwinkern vermuten, lotet aber einen ähnlich globalen Spiritismus aus. Greg Malcom gehört zur jungen Generation von Gitarristen, die Improvisation im intellektuellen, Bailey’schen Sinn mit Folk verbinden.

Und das nächste Ignatz – Album? Keiji Haino sei ein weiterer wichtiger Einfluss, mit Jack Rose oder Sunburned kollaborierte er schon – das (K-RAA-K)3 – Netz macht es möglich – aber noch ist Bram Devens mit Vorliebe Musiker und gleichsam talentierter Improvisierer in eigener Sache. Welche Drehungen und Wendungen das nehmen wird, interessiert hoffentlich nicht nur mich?

Ignatz.be

Comments are closed.