Bruxelles Soundscapes 2

January 23rd, 2009

Tangtype – Data Is Taking Over

Elektronische Musik hat viele Facetten, gerade auch die nicht-akademischen Hintergrundes. Und doch stellt sich beim soundsovielten Laptopkünstler, beim x-ten Minimal Techno-Album oder dem letzten Ambientprojekt gewisse Ernüchterung ein. Da taucht auf einem Sampler des ambitionierten Stilll-Labels ein raffiniert- zerschreddertes Popstück auf, und das Interesse ist wieder geweckt. Die Band: Tangtype, das Stück: ‘Unwinking Transmission’. Danach geschieht erst einmal gar nichts. 2008 erscheint schließlich ihr bemerkenswertes Debutalbum ‘Flake Out’ nach einem ebenfalls bemerkenswerten Schaffensprozess von fünf Jahren. Und, die Platte ist eine der originellsten seit langer Zeit, stilsicher den starren Definitionen der Genres Experimentelle Elektronik und Pop sich entziehend.

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Weltzugewandtheit mag ein schöner Zug sein, aber bringt sie auch relevante Kunst hervor?
Tangtype, von den beiden Brüsselern Julie Cambier und Jean-François Brohée gegründet, haben viel Musik gehört, wählen aber für die Umsetzung der eigenen Stücke eindeutig die Idee der Reklusen und verneinen obige Frage eindeutig. ‘Ist man in einem kreativen Prozess intensiv beschäftigt, wie das bei ‘Flake Out‘ der Fall war, fällt es enorm schwer, diesen plötzlich abzuschließen. Ein Grund vielleicht für die lange Zeit, bis das Album erschienen ist. Man tendiert dazu, sich in kleinen Details zu verlieren und hat immer das Gefühl, dass es noch etwas zu verbessern gibt. Daher war es für uns imens wichtig, die Platte letztlich von einem Außenstehenden produzieren zu lassen’, so Julie und Jean-François. Der Außenstehende in diesem Fall war Christoph Kurzmann, und ‘Flake Out‘ hätte stilistisch und qualitativ auch seinem (leider eingestellten) CharRHIZma-Labelkatalog gut angestanden. Kurzmann, die Wiener Elektronikszene in ihrer Blütezeit während der Jahrtausendwende ist e i n wichtiger Bezugspunkt Tangtypes’. Kurzmann lernte man bei einem gemeinsamen Auftritt kennen und schätzt sich seither gegenseitig. Trocken und der Filigranität der Kompositionen Rechnung getragen produziert, bestätigt ‘Flake Out‘ die Ambitionen von ‘Unwinking Transmissions‘.
Wie kam es zu Tangtype? Jean-François Brohée hatte das Glück in einer musikalischen Familie aufzuwachsen und diverse Instrumente spielen zu lernen, was sich später, nach ersten Gehversuchen in diversen Folkbands, in einem Studium am Royal Concervatoire in Mon fortsetzte, wo er sich unter anderem mit Elektroakustik befasste. Trotzdem war ihm der akademische Weg zu engstirnig. Nachdem er Julie Cambier kennenlernte, war schnell klar, dass man zusammen ein eigenes Projekt starten wollte. Julie wuchs, wie sie sagt, ohne musikalische Berührungspunkte auf, wurde dafür aber sportiv gefördert – die belgischen Erfolge im Tennis waren der Maßstab – und entsprechendes Talent war vorhanden. Trotzdem, die Leidenschaft für die Musik entflammte doch, und nach Experimenten mit Gitarre und Bass, konzentrierte sie sich auf den Gesang und das Textschreiben. Die belgisch-türkische Sängerin Sibel sei dabei Lehrmeisterin und Einfluss gleichermaßen gewesen (und bekommt folgerichtig einen Credit auf der Platte).
Geplant war ‘Flake Out’ auf Stilll zu veröffentlichen, das neu gegründete Elektronik-Pop/Avantgarde – Label von Jérôme Deuson und Alain Levebvre (siehe unten) und eine freundschaftliche Verbindung bestand schon seit geraumer Zeit – Julie singt teilweise bei Livekonzerten von Amute, der Band von Deuson, und auch den besten Track auf deren letzten Platte (‘The Floating Boat’). Letztlich kam der Deal aufgrund der langen Produktionszeit nicht zustande und ‘Flake Out’ erschien auf Humpty Dumpty Records, ein weiteres, junges und überaktives Brüsseler Label. Deren Boss Christophe Hars verfügt über eine rare Kombinatin von Fähigkeiten. Einerseits hat er einen guten Riecher für talentierte Musiker, aber zudem auch noch Ideen für die angemessene Verbreitung der Platten. Vom allgemeinen Jammern und Frust der meisten Protagonisten des ehemaligen florierenden Netzwerkes der alternaitven Musikkultur lässt er sich nicht anstecken. Die Labelmates Tangtypes’; u.a. Half Asleep, das Nordfranzösiche Duo Tazio & Boy, deren geheimnisvoll-schönen Psychedelicperlen ein echter Geheimtip sind (und deren Sängerin bei mir leicht nostalgische Gefühle auslöst, da ihr Timbre an die Konstanzer/Berliner Punkchanteuse Sandrrra Oxid erinnert) zeugen von gutem Geschmack. Das spricht sich herum. Françoiz Breut, Wahl-Brüsslerin und vom Bekanntheitsgrad mindestens eine Stufe höher anzusiedeln, veröffentlicht ihr viertes Album in den Benelux-Ländern auf Humpty Dumpty.
Den künstlerischen Zwiespalt, einerseits in Zurückgezogenheit etwas zu kreieren, aber auch mit der Außenwelt zu kommunizieren hört man. Den Perfektionismus haben sie teilweise bis ins Extrem betrieben, und trotzdem entstand Musik mit einem speziellen Hauch eleganter Leichtigkeit und Schönheit. In den verhuschten Einsprengseln ihrer aus vielen einzelnen Partikeln zusammengesetzen Stücken lässt sich noch der Folkeinfluss, der in ihren Vorgängerbands im Vordergrund stand, heraushören; die akustischen Instrumente – Violine, Gitarre, Perkussion – kommen zum Einsatz, kontrastieren wunderschön mit der knorztrockenen EA-Elektronik, spröde Atonalität und melodische Auflösungen passen in diesem Fall gut zusammen.
Dass man den Eindruck gewinnt, die Musik breche von ihrer Grundstruktur in verschiedene Richtungen aus, kommt nicht von ungefähr. Sozusagen als philosophisches und auch technisches Konzept für ‘Flake Out’ diente Julie und Jean-François die Idee des Tangrams. Wie das siebenteilige chinesische Spiel besteht jedes Stück aus verschiedenen Parts, die kombiniert, und wenn man improvisatorisch arbeiten wollte, je nach Eingebung unterschiedlich zusammengesetzt werden könnten, eine andere musikalische Figur bilden und in alle Richtungen offen bleiben. Konzentrierte Verdichtung, aber auch das Zulassen eines Maßes an Chaos sind die großen Themen.
Von Einflüssen zu reden ist stets müßig, denn genaugenommen beeinflusst einen alles, Freunde, Kultur, Umfeld, das Leben. Noch deutlicher als bei manch anderen, ähnlich veranlagten aktuellen Künstlern scheint die Musik Tangtypes einen Filterungsprozess zu durchlaufen. Anstatt der schnellen, von Sinneseindrücken überbordenden Musik der 1990er, bei der die Aufmerksamkeitsspanne höchstens für einige Sekunden reichte, bevor zur nächsten Idee weitergezappt wurde, gilt hier nun die Kunst der Reduktion und Auslassung. Julie Cambier singt auf Flake Out zudem bewußt in Englisch, um eine Distanz zu wahren (was sich bei manchen der neuen Stücke allerdings änderte) und ihre dekonstruierten – absurden Texte greifen die Tradition von Michaux bis Burroughs auf. Auch ihre Art des Singens spielt mit einer ironischen Ambivalenz zwischen Kunstgesang und Pop. Jean-François Brohées’ Musik folgt meist den Texten und mischt scharf-geschnittene elektroakustische Elemente mit (Mego-Style)- Knisterelektronik und Violine, Gitarre, Bass und konventionelle Perkussion zu einer stetig sich im Fluss befindenden Melange. Das gesagt, ist ‘La Reine Du Sandwich’ eine Liveaufnahme aus dem Bistro, bevor alles in dem bizarren Fake-Ethno – Perkussionsstück ‘Connorie Sen Pagaille”’endet.
Wie das Innencover, ein Potraitzeichnung von Astrid Yskout der Beiden, die direkt aus einem Phantom Orchid, einem phantasmagorischen Garten entsprungen scheint, bleibt eine Spur Befremden.
Bei den neueren Stücken experimentieren Tangtype mit anderen Instrumenten und Julie singt teilweise auch in ihrem Idiom. Es scheint auch, dass es nicht fünf Jahre dauern wird, bis zur nächsten Veröffentlichung. Abschließend bleibt zu bemerken, während uns Julie und Jean-François in den beeindruckendsten Art Nouvau-Bars in die belgische Braukunst einführen, dass die Verbindung von Frau und Gesang, Mann und Instrumente, nicht zwangsläufig in öde Rockposen und Revivalismus, noch in bemühter E-Haftigkeit münden muss. Das ist doch beruhigend.

tangtype.com
www.humptydumptyrecords.be

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