Ripples Januar 2017
January 2nd, 2017
Joana Guerra, Julia Kent – Ao Vivo Igreja de St. George
Der Mond der Erde so nah wie seit 1948 nicht mehr und ein sternenklarer nächtlicher Himmel über Lissabon; der Tejo schimmert dunkel und ist ungewöhnlich still, von der Wasseroberfläche steigt leichter Dunst auf. Kann es da noch eine atmosphärische Steigerung geben? Na ja, zum Beispiel, wenn man sich auf dem Weg zur Igreja dos Ingleses beim Parque da Estrela über den Friedhof vortastet und vereinzelten dunklen Gestalten begegnet, die die gleiche Idee zu haben scheinen; nämlich an diesem Novemberbend einem Doppelkonzert der beiden Violoncellistinnen Julia Kent und Joana Guerra beizuwohnen.
Im leicht frostigen Kirchenschiff, an den Wänden Gedenktafeln von ehemals in Lissabon heimisch gewordenen Briten; “lost at sea” – sorgen auch die aufgestellten Heizöfen nur bedingt für Wohlfühltemperaturen; aber für die beiden Künstlerinnen ist dies dennoch der perfekte Ort, um ihre letzten Alben live vorzustellen und auf ein konzentriertes Publikum zu treffen, das neben den Veranstaltern der Kirchengemeinde aus Eingeweihten zu bestehen scheint. Das Violoncello ist das Instrument das die beiden Musikerinnen miteinander verbindet.
Joana Guerra, wie Julia Kent akademisch geschult, scherte vor einigen Jahren aus dem konventionellen Musikschaffen aus und widmet sich seitdem dem grenzenlosen Spektrum der Außenseitermusik. Ihre Musik, dokumentiert auf mittlerweile zwei Alben, wechselt von klassisch anmutenden Cellokompositionen über Free-Folk und experimentellen Improvisationen zu französischen Chansons und viktorianischen Songs.
Ihr gerade erschienenes zweites Album Cavalo Vapor unterstreicht dies auf sympathische Weise. Joana Guerra spielt Cello, Orgel, Kalimba, Kazoo und singt. Bei einigen Stücken wird sie von Gil Dionísio (Violine) und Alix Sarrouy (Perkussions) begleitet. Ihre wunderbare Musik spannt von dem sanften, ätherischen O Cavalo que Penteia a Crina über das folkig-expressive Duelo einen Bogen zu dem Catherine Ribeiro-verwandten Parcous de Goutte hin zur tuberkolösen, zerbrechlichen Schönheit von Between Present, Future and Fear. Roendo und A Passagem é Estreita sind nicht minder düster und beim Schlussstück Carpideiras wäre ein Gang zur Gruft der Kirche nicht unangebracht.
In der Irgreja de St. George bestreitet sie den ersten Part des Konzerts als Solistin ohne die Mitmusiker der Platte, was die Intensität merkwürdigerweise nur noch verstärkt.
Die in New York lebende Kanadierin Julia Kent hat sich als Filmkomponistin, als Mitglied von Rasputina, der Band von Anthony and the Johnsons und durch die Zusammenarbeit mit vielen angesagten Namen des erweiterten Undergrounds einen Namen erworben; was sie auch selbstredend zur Headlinerin des heutigen Abends prädestiniert hat. Ihre generell sehr soundtrackaffine Musik gewinnt aber noch auf ihren eigenen Platten – vor allem den beiden letzten, die auf dem Leaf-Label erschienen sind – wo sie ihre tiefmelancholischen Kompositionen durch elektronische Brechungen, Verfremdungen und Übereinanderschichtungen (dem MacBook sei Dank) verdichtet und dramatisiert. Beeindruckend wie Julia Kent live Cello und Computer parallel spielt und den Ort mit einer angemessenen, andersweltlichen, nebulösen Aura besetzt.
Julia Kent – Asperities (Leaf)
Joana Guerra – Cavalos Vapor (rvlv)