Ripples

March 25th, 2022

Maria Da Rocha – Nolastingname
Filipe Felizardo – Red Cross
Clothilde – Os Principios Do Novo Homem
Septeto Interregional – Dito
Hidden Horse – Opala

Die Pandemie trieb die Musiker in den vergangenen zwei Jahren zwangsläufig von der Bühne ins Wohnzimmer oder Heimstudio; immerhin lässt sich trotz allen Entbehrungen und finanziellen Verlusten  festestellen, dass weiterhin außerordentlich fesselnde Musik aufgenommen und veröffentlicht wird. Und das auch wieder bevorzugt in physischer Form. Die wenigen noch existierenden Presswerke für Schallplatten können die Nachfrage wiederum nur mit teilweisen enormen zeitlichen Verzögerungen bewältigen, was zum Teil aber auch am absurden Wiederveröffentlichungsboom liegen mag: Wie Cordelia/Deep Freeze Mice – Mastermind Alan Jenkins schon in den 1980ern anmerkte: Nachdem mit dem Aufkommen der CD alle ihre Tubellar Bells und Dark Side Of The Moon – Schallplatten zum Trödler getragen und sie sich die gleichen Alben dann im neuen Format zugelegt hatten, werden nun erneut die gleichen Gassenhauer des Mainstream-Kanons mit dem Einläuten des Vinylrevivals verkauft. Zahlreiche Off-Stream-Labels machen nun aus der Not eine Tugend und entdecken mit der Kompaktkassetten noch ein Relikt aus der vordigitalen Zeit neu.

Wie schon ihr Album “Beetroot & Other Stories”, das auf dem experimentellen Sublabel von Clean Feed shhpuma erschien, wurde das 35minütige Stück “nolastingname” im für Klangforschung bekannten EMS-Studio in Stockholm (Kali Malone, Ellen Arkbro) aufgenommen. Maria Da Rocha; von Haus aus klassisch geschulte Violinistin, verlässt wie ihre lusitanischen Zeitgenossinnen Joana Guerra und Joana Gama gerne das enge Korsett der Hochkultur, um mit zeitgemäßeren Genres und Themen zu experimentieren. Dem Buchla-Synthesizer in Stockholm und ihrer Violine entlockt sie Töne, die bearbeitet und komponiert, in so undefinierbare wie unheimliche Grauzonen vordringen, in denen sich Drones, Post-Industrial, Neue Musik oder Folk vermischen.
Die Violine versucht sich mit zarten und der Erdenwelt entrückt wirkenden Melodien zu behaupten, aber verwaschene Beats, entfernte Trommeln und Synthieschwaden lassen nicht nur Taghelles erahnen und führen direkt in verschwommenere Gefilde des Unterbewusstseins. Wie eine Schwester im Bunde von Sunn O>>> oder Nocturnal Emissions sucht sie in ihrer Musik nach der Schönheit in der Introspektion und mit Stilmitteln der elektronischen Obertonmusik und dem immer wieder faszinierenden Gegenspiel von Atonalität und Schönklang.

 

Das Septeto Interregional ist eine Formation, die inmitten des ersten Lockdowns auf Initiative des Musikklubs Musicbox und des Labels Lovers & Lollypop als virtuelles Projekt ins Leben gerufen wurde. Sechs Musiker aus der einheimischen Alternativszene wurden per Zufallsprinzip angefragt, ob sie zusammen ein Album aus dem “Home Office” schreiben und aufnehmen wollen. Erstaunlicherweise entstand zwischen der venezulanischen Sängerin Ariana Cassellas von der Band Sereias, Bruno Monteiro (Mr. Gallini, Stone Dead), Rafale Fereiro (Glockenwise), Rodrigo Carvallo (Solar Corona), Violeta Azevedo (Savage Ohm), Zézé Cordeiro (José Pinhal Post Mortem Experience) und Serafim Mendes (Visuals) schnell eine besondere Chemie. Die sieben facettenreiche Stücke, die pop-affin und mit scheinbarer Leichtigkeit Garagenrock, psychedelische elektronische Ausflüge, Folklore mit einem schrägen Latino-Touch und einiges mehr an Einflüssen verbinden, klingen so inspiriert wie organisch, die auf eine längerfristige Zusammenarbeit hoffen lässt.

 

Felipe Felizardos Lockdown-Tape Red Cross klingt wie eine konzentrierte Zusammenfassung seiner musikalischen Affinitäten und wäre eine logische Fortsetzung der diversen Veröffentlichungen, die der Gitarrist für das Lausanner Label Three:Four einspielte. There’s An Endness To It huldigt nochmals einem seiner Vorbilder – John Fahey – und schließt gleichzeitig diesen Zirkel an Hommagen ab. Elegisch, spirituell knüpft er natürlich nebenbei auch gleichzeitig an die Tradition der großen portugiesischen Gitarristen an. Innehalten und Konzentration sind die Eigenschaften, die in Zeiten der Seuche gefragt sind. When Spring Time Comes Again dagegen ist ein dreißigminütiges Drone-Stück, dass dunkel-noisig die lange Zeit der Isolation reflektiert und nur hier und da etwas lichtere Momente zulässt; die Hoffnung auf den Frühling aka ein Ende der Bedrohung ankündigen mögen.

Mit einer ähnlich angelegten düsteren musikalischen Landschaft hat man es, kennt man ihre Musik, erwartungsgemäß bei Clothildes neuem Tape – Os Princípios Do Novo Homem – zu tun. Clothilde (aka Sofia Mestre) befasst sich nicht nur mit Musik, sondern ist auch Fotographin, Illustratorin, Zeichnerin. Gemein mit ihren anderen künstlerischen Ausdrucksformen ist ihr in der Musik das kolorieren bzw. das freie Gestalten ihrer Strücke mit ihren analogen Synthesizern.

Os Princípios Do Novo Homem entstand in Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Pedro Saavedra für das gleichnamige Stück. 1581 residierte der König Felipe in Lissabon für drei Jahre und wollte eine neue Dynastie entstehen lassen, die eine iberische Handschrift tragen sollte. Das Ergebnis solcher Großmannssucht kennt man und erlebt sie gerade wieder aufs Neue. Eingebettet in oszillierenden Drones, bedrohlichen Beats/Trommelwirbel mit beißenden Noise-Spitzen und teilweiser subaquatischer Atmosphäre ist das epische Ambient – Musik für Fortgeschrittene.
Die zwei Masterminds der vom free-folkigen Psychedelica- und Tropicalismo-Virus infizierten Masterminds der Lissaboner Band Beautify Junkyards – João Kyron und Tony Watts spielen als Fingerübung ein Tape ein, das ihre Ideen nochmals in eine etwas andere, elektronischere, Richtung weiterführt. Im Gegensatz zur Musik mit sonnigem Gemüt der Beautify Junkyards tauchen Hidden Horse in eine imaginäre okkulte Welt ein, dessen Facetten sich aus obskuren Fernsehserien, deutscher Elektronik und einer heftigen Dosis Industrial speist.

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