Ripples

April 24th, 2020

Delphine Dora – L’Inattingible / Brigitte Fontaine – Terre Neuve

“Alles trägt zur Isolation bei: voneinander unabhängige Home-Studios, Telefon und Fax, Sampling und Synthesizer, Computer, willkürliche Klassifizierung der Musikarten, Verschwinden der kleinen, spezialisierten Schallplattenhändler, kleinbürgerliche Streitereien, fehlende Gesprächspartner innerhalb der Institutionen, gleichsam ein Nichtexistieren der Kritik…”
So hieß es in den Linernotes zur Urgent Meeting – Serie, die das intellektuell und künstlerisch in alle Richtungen offene Musikerkollektiv Un Drame Musical Instantané zu Beginn der 1990er Jahre, als neue Technologien zugleich Fluch und Segen für die unabhängigen Musikfirmen und Musiker wurden, veröffentlichte: ein Ausruf zur Zusammenarbeit Angesicht zu Angesicht.

Gerade jetzt tragen auch nicht selbst bestimmbare Begebenheiten zur Isolation bei, aber beim Hören von Delphine Doras neuer Platte L’Inattingible, die in Zusammenarbeit mit befreundeten Musikern bei geplanten oder spontaner Treffen in verschiedenen europäischen Städten oder vielleicht auch per Mail entstand, kommen einen die Pariser Pioniere der multidisziplinären Avantgarde in den Sinn, und vor allem die unkonventionell denkende und spontan handelnde Hélène Sage.

Delphine Dora veröffentlichte in den vergangenen Jahren auf eigenen Mikrolabels oder denen von Freunden und Gleichgesinnten ausgiebig Musik. Ob auf Kassette, CD-R, File oder Schallplatte bei engagierten Labels wie Okraina oder Three:Four Records; ihrer Musik immer eigen ist eine unbefangene Spontanität bei gleichzeitig leidenschaftlicher Ernsthaftigkeit, ganz im Sinne von Eriks Saties Definition des Amateurs. Bislang waren alle ihre Veröffentlichungen Solo- oder Duoaufnahmen, oft entstanden mit seelenverwandten und befreundeten Musikern wie Mocke, Sophie Cooper, Valerie Leclercq, Eloise Decazes und einigen anderen feinen Zeitgenossen. Zuletzt erschien die hervorragende Solo-LP Eudaimon mit Lyrics der außerhalb Großbritanniens kaum auf Aufmerksamkeit gestoßenen Poetin aus Northumberland Kathleen Raine.
Auf ihrem zweiten Album für das Lausanner Label three:four records L’Inattingible singt die auf dem Land lebende Pariserin nun zum ersten Mal auschließlich Songs in ihrer Muttersprache und Lyrics, die sie selbst verfasste. L’Inattingible entstand auch nicht aus dem Stehgreif, sondern über mehrere Jahre mit der Idee von einem Konzeptablum im Kopf. Bemerkenswerterweise zähmte diese Arbeitsweise keinesfalls den ihr innewohnenden wilden Geist. Die durchwegs melancholisch aufgeladene Musik pendelt stilsicher zwischen spirituellen, traumähnlichen, zwischenweltlich-geisterhaften und surrealen Aggregatzuständen. Stimme und Klavier bleiben auch auf dieser Platte, bei der bei jedem Song zahlreiche Gäste mitwirken – von Nau Nau, Aby Vulliamy, Adam Caddell, Gayle Brogan über Valérie Leclercq, Susan Mathews bis zu Paulo Chagas, Sylvia Hallett und Le Fruit Vert – die wichtigsten Gestaltungsmittel für eine gleichzeitig freie wie strenge, immer noch karg auf das Notwendigste reduzierte Musik. Delphine Dora beherrscht meisterhaft, sie prägende oder stimulierende musikalische Stile wie Free Folk, Klavier – und Kammermusik, Drone oder Liedformen oder wegweisende Figuren wie Nico, Brigitte Fontaine, Schubert oder Satie subtil zu zitieren. Die meist kurzen Stücke, bei denen Dora singt, wirken oft etwas windschief an der Harmonie vorbeigehangelt. Bei den anderen rezitiert sie Gedichte, Fragmente und Kurzgeschichten und beschwört eine mysteriöse Atmosphäre herauf, was mich irgendwie an das wunderbare Projekt von Alain Neffe und Nadine Bal Cortex aus den 1980ern denken lässt.

Auf ihre ganz eigene Art wagt sich Delphine Dora auch mit dem zentralen Stück des Albums – dem aus vier Teilen bestehenden und auf der Platte verteilten Lumière Aveugle – in eine abstrakte und wacklig-brüchige Welt der Kammermusik vor.

Brigitte Fontaine wird dieses Jahr 81 Jahre alt! Mit ihrem zu Beginn des Jahres erschienenen neuen Album unterstreicht sie wieder einmal aufs Neue ihren absoluten Sonderstatus, selbst in der an Exzentrik nicht armen experimentellen Künstlerszene von Paris. Ihr anarchistischer Geist muss sowieso nicht extra befeuert werden. Terre Neuve klingt wie eh und je schräg, spleenig, kratzbürstig, weise und künstlerisch absolut auf der Höhe der Zeit. Schon der Titel ihres ersten Albums – Brigitte Fontaine …est folle -, das zusammen mit Jean-Claude Vannier entstand und mit verschiedenen Formen des Chansons experimentierte, gilt sowohl bei den ihr zugeneigten wie sie ablehnenden Musikliebhabern als Blaupause für ihre weitere Karriere, die außer der Musik auch Theater, Literartur und Filmrollen umfasst. Ende der 1960er Jahre lernt sie auch Areski Belkacem kennen, eine künstlerische wie private Verbindung fürs Leben und nimmt mit dem zweiten Album Comme a la Radio, das zusammmen mit dem Art Ensemble Of Chicago eingespielt wird, einen absoluten Meilenstein der experimentellen Musik auf. Neben politischen Aktivitäten veröffentlicht sie mit Areski in den 1970ern und 80ern auf kleinen Labels intime Alben, die mit einer eigenwilligen Mischung aus Chanson, traditioneller nordafrikanischer Musik und Jazz erst zeitversetzt als wichtige Zeugnisse der unabhängigen französischen Untergrund – Chansonszene, deren andere stilprägende Vertreter Catherine Ribeiro (& Alpes) und Albert Marcoeur sind, anerkannt werden.

Nach einem Beitrag für das Projekt Blow-Up von Un Drame Musical Instantané startet sie mit ihrem 1995er – Album Genre Humain und einer Zusammenarbeit mit Etienne Daho musikalisch voll durch: Elektro-Punk und eine aktualisierte Version von Comme A La Radio läßt auch eine jüngere Generation aufhorchen und Madame Fontaine kann ab dann für ihre Alben neben ihrem Weggefährten Areski immer die Creme de la Creme der französischen und internationalen Avantgarde – Rock – Szene gewinnen: Jim O’Rourke, Sonic Youth und Noir Desir für Kékéland (2001), das Gotan Projet und Zebda für Rue Saint Louis en L’ile (2004) oder Katerine und Grace Jones für Prohibition (2009). Im Film von Gustave Kervern Le Grand Soir gibt sie in einer kleinen Nebenrolle sich selbst und die Mutter zweier missratener Söhne (der eine Punk, der andere Spießer), die in der Einkaufscenter-Ödnis einer französichen Kleinstadt die Revolution üben.
Auf Terre Neuve, einem musikalisch spartanischen und ungemein direkten Album, spielt Yan Péchin eine knorztrockene Rock/Punk-Gitarre oder wahlweise den Depro-Blues, ab und an illustriert Areski gekonnt die Stücke zusätzlich mit Streicherarrangements. Brigitte Fontaine haucht, flüstert, schreit, rezitiert und gestaltet mit schwer nikotingeschwängerter Stimme ihre aktuellen Songs. Die Lyrics auf Terre Neuve sind entweder parolenhaft (Je Vous Déteste, Destroy Nihilisme, God Go To Hell…) oder subjektive, ironische oder schlicht poetische Betrachtungen (Vendetta, Les Beaux Animaux, Terre Neuve, Hermaphrodite…) über den Weltenlauf im Allgemeinen und die aktuelle Lage im Besonderen.

three:four records

verycords

Kraak Festival 2020

April 11th, 2020

Kraak Festival 2020

Die zwanzigste Ausgabe des Kraak Festivals, die die umtriebige Genter Crew erneut in der geschichtsträchtigen Beurschouwburg in der belgischen Metropole veranstaltete, war, besonders natürlich jetzt im Rückblick gesehen, eine besondere.
Auf der Hinfahrt aus dem Süden konnte man an diesem vorletzten Tag im Feburar schon eine latente Anspannung und ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis in den Zügen ausmachen (wohl aber nicht der Beweggrund dafür, warum sich die Spur meiner Festivalbegleitung schon vorab irgendwo im Nirgendwo verlor); in Brüssel wiederum gab man sich noch locker und ausgehfreudig, was sich dann schon eine Woche später grundlegend ändern sollte.
Auch im Schaltjahr 2020 herrschte aber wie immer an einem gewöhnlichen Freitagabend in der Brüsseler Innenstadt Hochbetrieb. Der sich nach und nach von einer Rennstrecke zu einer lauschigen Fußgängerzone verwandelnde Boulevard Anspach verliert auf dem Weg zur Gare Du Midi nun auch einige seiner grandios verwittereten Lagerhallen und Herrschaftshäuser. Die dafür hochgezogenen trögen Funktionalbauten mit ihren Late Night Supermarktshops sind da kein wirklicher Trost. Vor zwei Jahren herrschte in der Stadt während des Festivals aufgrund der Antiterroraktionen noch eine gewisse Nervosität, die etwas andere Seuche dagegen bleibt – für den Moment wenigstens – eine noch diffusere Bedrohung.


Nach dem 24-Stunden – Marathon-Wahnsinn von 2019 vertraut man dieses Jahr wieder darauf, dass die gewünschte Bewußtseinserweiterung schon alleine aufgrund des hochkarätigen Programms auch ausgedehnt auf den Freitagabend und den Samstag zustande kommt. Der Freitag  ist diesesmal den Musikern vorbehalten, die 2020 Alben auf dem Label veröffentlichen.
McCloud Zicmuse von der Herberg Rustiek, einem schrägen Kollektiv, das in Brüssel einerseits ausgesuchte Gäste beherbergt, aber auch Konzerte veranstaltet, Ausstellungen organisiert, Fanzines produziert oder Kunstobjekte herstellt, führt ganz in der Tradition der vergangenen Moderationen und doch auf seine eigene eigenwillige Art und mit dem Anspruch, noch exzentrischer als die Musik sein zu wollen, souverän durch das Programm.

Von der lauschigen Bar der Beurschouwburg wird man zum Auftakt des Festivalls von Mr. McCloud Zicmuse also direkt auf die Straße in den Nieselregen gebeten, wo der eigentlich visuelle Künstler Stijn Wybouw, seine andere, musikalische Ader als Kramp in einer zehnminütigen Kakaphonie von Noise und Punk kanalisiert. Länger wäre das Eindreschen auf eine Schlagzeugtrommel und das gegen eine Krachkollage Anschreien auch wohl physisch nicht möglich gewesen.

Als erfahrener Kraak Festival-Besucher weiß man natürlich, dass die musikalische Schattierung sich schon beim folgenden Konzert wieder verschieben wird und die einzige Konstante ein Faible für die inzwischen rare Spezies der verqueren, freigeistigen Einzelgänger zu sein scheint. Eva Van Deuren ist da z.B. ein Prototyp: Unter dem Namen Orphan Fairytale wird sie ihrem Künstlernamen mehr als gerecht. Mit Harfe, low-fi-electronics, Keyboards und Tape Loops gestaltet, suggerieren ihre verspielten, langen Kompositionen die Illusion, alleine, der Welt entrissen, auf einem fliegenden Teppich über psychedelisch-verschwurbelte Klanglandschaften zu schweben.

Nachdem die Antwerperin auf unterschiedlichen Labels Kassetten veröffentlicht hat, war ihre Doppel-LP auf Aguirre – Records ein starkes Statement. Nun darf man gespannt sein, was sie für die Kraak-Veröffentlichung plant.
Vica Pacheco aus Oaxaca, Mexiko lässt mit ihrer akademisch geprägten elektronischen Musik unweigerlich Erinnerungen an die große Tradition von radiophonischen Hörspielkomponisten, elektroakustische und acousmatische Musik wach werden. Ihre dynamischen Kompositionen wirken (und sind wahrscheinlich) wie aus tausend Partikeln zusammengesetzt. Aus der jüngeren Generation kommt einem die unkonventionelle Bérangére Maximin in den Sinn, deren “Dangerous Orbits” auch mächtig Eindruck hinterlassen.

Jonna Karanka bewegt sich anschließend in einer ähnlichen musikalischen Welt, lässt aber gerne und immer wieder ihren Punk-Gen aufblitzen. Der hyperaktiven finnischen Undergroundszene um Fonal Records entsprungen, kennt man sie schon von der dronig-lärmigen Frauenband Olimpia Splendid, und wird nun von Kuupuu, ihrem Soloprojekt, ebenfalls angenehm überrascht. Sie spielt melodisch-krachig und mit trockenem Humor dann überraschend fein gesponnene Songs. Maria Rossi aka Cucina Povera, trotz des Namens ebenfalls Finnin und in Glasgow residierend, ist von ähnlich genialen Kaliber und könnte die Schwester von Jonna Karanka sein.

Crash Toto, zusammengesetzt aus Mitgliedern von Lemones, die vor zwei Jahren schon als Lokalmatatoren einen Auftritt beim Festival hatten, Carrageenan und Christophe Clébard, klingen dann wie …. die Lemones: die bewährten Mittel – auf das Grundgerüst reduzierter Rock, parolenschreiender Nichtgesang, tribalistisches Schlagzeug, und das alles inmitten des Publikums zelebrierend – sorgen dann neben dem Spaßfaktor auch für eine gewisse gemeinsame Entrückheit, manche würden es Magie nennen.

Nach dem beinahe schon traditionellen Spaziergang zum Wiels Museum für Moderne Kunst (die Ausstellungen -Thao Nguyen Phans – Monsoon Melody und Wolfgang Tillmans’ Today Is The First Day – haben es gewohnt schwer mit der Architekur der ehemaligen Brauerei und dem Ausblick von der Dachterrasse mitzuhalten) startet das Samstagsprogramm des Festivals am Nachmittag mit Fiesta en el Vacío.

Luna Cedron lebte, von ihrer umtriebigen Mutter ins Schlepptau genommen, schon in Frankreich, Mexiko, Kuba, Spanien und Argentinien; ein Überschwall von prägenden Einflüssen und Eindrücken, der sich auch in ihrer von Cold Wave -, Synthie-Pop -, Ambient – bis zu Flamenco -versatzstückelnden Musik ausdrückt. Die argentisch-jüdische Poetin Alejandra Pizarnik, die von ihren aus der UDSSR geflohenen Eltern und ihrer Geschichte auch die Schwermut vererbt bekommen hat, wird von Luna Cedron in der Festivalausgabe des Avant – Guardian auch als wichtiger Einfluss genannt. Eine schöne Verbindung zu ihren subtil melancholischen Songs, bei denen es im Gegensatz zu ätherischeren Vertretern ihrer Zunft durchaus auch hin und wieder gesanglich zur Sache geht. Eine Single von Fiesta En El Vacío ist auf dem für Synthie/Cold-Wave – Musik bekannten Brüsseler Label Lexi-Records, das uns auch schon solche Perlen wie Capelo oder ELG bescherte, erschienen.

Bei Siet Raeymaekers und Tomas Dittborn ist dann im Gouden Zaal Multidisziplinarität angesagt, bzw. unter dem Projektnamen Quanto Qualia die Live-Vertonung von Computeranimationen von Landschaften auf der Leinwand. Zusammen mit Lizzy Vandierendonk zeigte sich das Duo auch für die filigrane visuelle Gestaltung mit Objekten und Videos der Festivalräumlichkeiten verantwortlich.

Die Vergleiche mit Jandek und anderen verschrobenen, zurückgezogenen Außenseitern der Gitarrenmusik ehren ihn sicherlich, doch Gaute Granli, seines Zeichens Norweger, wirkt auf der Bühne überhaupt nicht von mangelndem Selbstbewusstsien geplagt und Geheimniskrämerei scheint auch nicht seine Sache zu sein. Souverän unprätentiös sorgt er mit seinen kompakten, dann plötzlich in bizarre Gefilde und ins Ungewisse ausscherenden Songs zwischen stoischer nordischer Unterkühltheit, exotischen oder irgendwie zusammengeleimten Samples der Sparte Fake-Ethno und knorzigem Gesang für inspirierende Verwirrtheit unter dem Publikum.

Christina Gusimano machte sich in Rom und auch teilweise in den ausländischen alternativen Szenen als Maria Violenza als genresprengende Multiinstrumentalistin mit herzerwärmenden Songs, die von nervöser Energie und außer von italienischen auch von nordafrikanischen Quellen inspiriert sind, einen Namen. Nach schon manch kopflastiger Performance bei diesem Festival trifft ihre Musik straight into the heart.
Man hätte vermutet, dass man gerade in Stuttgart duchaus des Zählens mächig ist, aber die Großformation, die da auf der Bühne der Bar als Yürgen Karle Trio stand, sprengt im wahrsten Sinne des Wortes den Rahmen.

Vor zwei Jahren bekam man an gleicher Stelle den krautisch-verspacten Freak Out von Transport, die auch als eine junge Großkommune anreisten, offeriert; die Szene um die Neue Schachtel am Nordbahnhof in der Baden Württembergischen Hauptstadt ist mehr mit der Free Form Impro-Szene liiert. Da passen Jazz, dissonante Jams, Rhythmusorgien mit selbstgebauten, so schönen wie obskuren Perkussionsinstrumenten und feiner Humor perfekt zusammen.

Mit Fuji wird nach der Pause die bewusstseinserweiternde Freakschraube noch um einige entscheidende Umdrehungen angezogen.
Die belgischen Urgesteine Ware Fungus, Gast Sloow und Louis Frerès treffen hier mit dem japanischen Gitarrenmeister Junzo Suzuki und Mik Quantius, der vom Metal kommend irgendwann bei Embryo landete und sich dann aber als Mann vom Outer Space offenbarte, zusammen.
Fuji heben die Erdenwelt mit einer nur schwer nachvollziehbaren musikalischen Könnerschaft und einer verqueren Mixtur aus pulsierendem Jazz-Kraut-Rock, einer Überholspurenergie und den kryptischen Intonationen des im Schneidersitz auf dem Boden sitzenden und kettenrauchenden Sängers im No-Smoking-Café aus den Angeln und katapultieren sie in ein anderes Universum.
So kann man sich täuschen; normalerweise hätte ich die Band wahrscheinlich ignoriert, aber das sind die unerwarteten Überraschungen, die man auf Festivals erlebt.

 

Zurück im Gouden Zaal wird mit der Aufführung von Mesias Maihuastacas Kompostition Holz arbeitet II die Tradition des Festivals fortgeführt, wichtige Pioniere der Avantgarde, deren Musik immer noch von Relevanz ist, in diesem Rahmen zu präsentieren. Der 1938 in Quito in Equädor geborene Musiker gehörte in den 1960er mit Mauricio Kagel, César Bolanos oder Beatriz Ferreyra (die 2018 beim Festival anwesend war) zu den wenigen Nicht-Europäern, die eigene Akzente in der Neuen Musik setzten. Im Gegensatz zu den oft sehr theoretischen Ansätzen der Avantgarde, ist Maiguashcas nach den wilden, mit Sound experimentiereden Jahren, daran gelegen, die Geschichte seines Landes und seiner eigenen Herkunft als Abkömmling von nativen Intellektuellen zu reflektieren. Das einerseits introspektive, andererseits mit folkloristischen Versatzstücken durchzogene Stück Holz Arbeitet II spiegelt dies wieder und stach auch choreographisch aus dem Festivalprogramm heraus.
Eine andere, junge, Südamerikanerin, Ailin Grad aus Buenos Aires offeriert dann unter dem Künstlernamen Aylu einen Einblick in ihre aktuelle Musik, die einerseits eine zeitgenössiche Version elektroakustischer Musik sein könnte, aber selbstredend genreübergreifend angelegt ist und mit melodischen Gitarrensamples und lupfigen Melodien angereichert, federleicht ist.

Mit Radioactive Sparrow, der legendären Untergrundband um den aus Wales stammenden, aber nun in  Newcastle residierenden und dort die Szene aufmischenden Will Edmondes aka Gwilly Edmondez, begibt sich dann nochmals eine Formation auf die Bühne, die sich die Spontaneität und Unberechenbarkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Die Sparrows können schon auf über neunzig Veröffentlichungen zurückblicken, mit einer Musik, die in der besten britischen DIY-Tradition steht. Alle Sparten der Musikgeschichte werden geplündert, um daraus exzentrische Songs zu basteln, die mit der Kompromisslosigkeit von Punk gespielt werden. Manche dauern nur einige Sekunden, andere ufern komplett und in ungeahnte Richtungen aus.
Vor einigen Jahren, 2016 genauer, spielte Edmondes aka Gustav Thomas mit seiner Tochter Freya aka Elvin Brandhi als Yeah You! eine ganz andere Musik….

Guilhelm All läutet dann mit seinen Plastic Turntabels die Schlussrunde im Gouden Zaal ein, bevor DJ Werner nochmals ins Café zum Kehraus bittet.
Da schon einige Tage später auch in Belgien der Shutdown auch aller kulturellen Aktivitäten in kraft tritt, wird das zwanzigste Kraak-Festival nicht nur wegen der wieder ausgesucht guten Konzerte in besonderer Erinnerung bleiben. Zum Glück ist der Mailorder-Versand weiterhin aktiv.

kraak.net