Bandes Sonores Françaises 4

January 10th, 2010

Thierry Müller – Hors temps/Out of time

Mitte der 1980er kursierte im Bekanntenkreis eine merkwürdig aufgemachte Platte: Ilitch – 10 Suicides. Die collagenhaft aufgemachte Hülle und das Beiheft spielten ironisch mit der dunkel-romantischen Idee, dem Leben irgendwie zu entkommen. Die Musik, eine schräge Mèlange von kautrockigen Elektronikpassagen, improvisatorisch anmutende Gitarrenstücken und unterkühltem New Wave Disco. Musik, Bezugspunkte und Intellektualität passten gut in den Kreis der anderen geschätzten Vertretern der ‘New French Music’ – Berrocal, Marcoeur, Ribeiro, Tazartès, Heldon, DDAA etc.

Thierry Müller ist ein Mann, prädestiniert für jedes Außenseiterlexikon. Seit 1974, als er in Paris mit einem Kunststudium begann, experimentierte er auch mit musikalischen Ausdrucksformen. Beeinflusst von der Avantgarde der Neuen Musik – Stockhausen, Xenakis, Cage etc., aber auch von deutscher und französischer Elektronikmusik, die ein Gegenstück zu den vom Beat geprägten Großteil von Bands bildete, kreierte er mit dem Verständnis seines eigenen (Kunst-) Wissens und dem ebenfalls stark Spuren hinterlassenden Pariser Umfeld von Beginn an sperrige, geheimnisvolle Musik, die sich Kategorisierungen stets entzog. Sein anderes Metier blieben aber immer graphische Arbeiten und Fotographie. Periodikmindtrouble, 1978 erschienen und 10 Suicides, 1980, verwendeten Taperecorder-Manipulationen, Synthesizer, stark modulierte Gitarren als Instrumente, das zweite Album arbeitet auch mit verfremdeten Stimmen. Beide Platten passten mit ihrer dezenten Prog-Attitüde eigentlich gut in das Umfeld der damaligen experimentellen Musik, von Heldon über Art Zoyd bis Can und Neu. Eine Besonderheit, und seiner künstlerischen Ausbildung geschuldet, waren die graphisch aufwendigen, umfangreichen Booklets, die scheinbar von der surrealistischen Collagenkunst geprägt, einen eigenen, irritierenden Stil hatten . Für das Bandprojekt Ruth kollaboration Thierry Müller mit einigen anderen Musikern und die Platte, die 1985 veröffentlicht wurde, kann den New Wave- und Discoeinfluss jener Zeit , wenn auch nach eigenem Selbstverständnis stark gebrochen, nicht verbergen: Ruth klang wie durchgeknallte Roboter-Sythniemusik, ironisch, kühl, lasziv gar, aber doch wieder zu verkopft, um wirklich den Massengeschmack zu treffen. Trotzdem, Polaroid/Roman/Photo wurde zu einem Insiderhit – den man heute auf einigen französischen 80ern – New Wave – Samplern findet, und lieferte, so könnte man sagen, Kas-Product oder Les Rita Mitsouko die kostenlose Steilvorlage und Stilberatung, wie sich tatsächlich kommerzielles Potential ausschöpfen lässt. Danach erschienen eine EP eines weiteren Projekts (Crash mit Philippe Doray) und einige stark limitierte Platten (eine war gar ein Unikat); Müller widmete seine Schaffenskraft aber verstärkt graphischen Arbeiten und der Mitarbeit bei einem Pariser Verlag. Die musikalischen Projekte von 1974 – 84 sind auf dem ausgezeichneten Sampler Thierry Müller – Rare & Unreleased (Fractal Records) angerissen.
In der Zwischenzeit wurde Müller immer wieder von sich besser vermarktenden Kultmusikern wie Steven Stapleton bis Thurston Moore (der die Einnahmen von seinem Mainstream-Status scheinbar dafür verwendet, diverse Labels mit Unverkäuflichem zu unterhalten) auf deren Reverenzlisten als wichtiger Einfluss erwähnt; was nicht zuletzt wohl auch eine jüngere Generation interessiert und neugierig machte.
Fractal sorgte sich 2002 um schön aufgemachte Wiederveröffentlichungen; Thierry Müller selbst, macht Musik inzwischen auch wieder für die Öffentlichkeit.
Ilitch – Hors temps (2004) und Ilitch – Lena’s Life & Other Stories (2007) sind zwei zeitgemäße, überzeugende Alben. Mit diversen Gästen (alten Bekannten und neu Auftauchenden) als offeneres Projekt wie früher realisiert, hört man in Müllers’ aktueller Musik seine ihn prägenden Einflüsse – Minimal Music, Kraut, Elektronik etc.- weiter entwickelt, nicht im Nostalgischen schwelgend und in modernen Suiten collagiert. Diese bestehen aus grotesk- exzentrischen Songs und meist längeren, dunklen, ins Abstrakte verfremdeten Instrumentalstücken. Auch eine Hommage an Kraftwerk wirkt nicht redundant, denn irgendwie umgibt Ilitch immer noch eine Aura des Futuristischen, was nach wie vor nicht die uninteressanteste Assoziation für Kunst und Musik sein dürfte.

ilitchmusic

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