O Futuro da Saudade 2

January 9th, 2010

Gustavo Costa – no noise

Als Anarcosatanic Jazz bezeichnen die Lost GorbachewsGustavo Costa, Drums, João Martins, Saxophones und Henrique Fernandes, Doublebass –  ihre Musik ,”…weil es eine subversive und anarchistische Weise ist, Jazz zu spielen”. Dies im Hinterkopf, wird man beim Beiwohnen eines Liveauftritts trotzdem heftig von einer scheinbar aus Partikeln von Naked City, Ruins, Ground Zero, God, Keiji Haino und Napalm Death zuammengesetzten, verdichteten Energie getroffen, die immer wieder explosionsartig die klaustrophobischen Kellergewölbe zu bekämpfen scheint.


Porto scheint in diesen Tagen mit ähnlich kreativem, energetischem Esprit aufgeladen zu sein und die Rivalität mit der Hauptstadt, die man nur zu gerne kultiviert, ist da noch zusätzlicher Ansporn. Wenn das Museu De Arte Contemporânia Serralves mit avantgardistischer Electronica oder Minimal Music aufwartet und der neue, die Kohlhaassche Handschrift tragende, Architektur – und Musiktempel Casa Da Musica am gleichen Abend das Remix Ensemble (mit zeitgenössischen Werken von Pintscher, Saariaho und Nono) und die Doom-Götter Sunn O >>> programmiert, und das Publikum sich munter zu vermischen scheint, dann darf sich der unsubventionierte Bereich nicht lumpen lassen. Und das hat nicht wenig mit Gustavo Costa zu tun. Lost Gorbachevs ist nur eines seiner Projekte (“Ich würde gerne selbst wissen wieviele es sind”), für die er verantwortlich oder bei denen er sonstwie involviert ist. Und wie so oft, wenn man von Bewegungen spricht, sind es solch hyperaktive Einzeltäter, die die Dinge in Gang bringen und das Feuer lodern lassen.
“ Porto hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren wirklich verändert. Zuvor war es z.B. unerschwinglich, sich Instrumente und Musikstunden zu leisten, Platten zu kaufen usw. ; fünfzig Jahre faschistische Diktatur hatten das Land bis 1974 im Griff. Erst in den letzten zehn Jahren ist es überhaupt möglich, etwas Konstantes aufzubauen. Heute gibt es vielleicht rund ein Dutzend Orte, an denen es Platz hat für nichtkommerzielle Musik, was wiederum schon ein Überangebot für die Zahl Interessierter ist. Gab es früher ein Konzert pro Monat, sind es jetzt drei pro Tag. Es ist aber in jedem Fall eine gute Phase und niemand scheint sich darum zu kümmern, ob drei oder dreihundert Zuhörer anwesend sind. Ich denke deshalb, dass dieser Geist Bestand haben wird.”
Das Motto seines CD-R-Labels LET’S GO TO WAR -“It is not only a label and a website to promote underground artists but it is mainly a way to be in the music scene. We have nothing, so we have nothing to lose”- mag Martialisches vermuten lassen, aber schließlich wurde Costa auch mit Thrash Metal gespeist. “Dies gab mir auch diese Art von Freiheit, die mich später viele Dinge, die an den Institutionen gelehrt wurden, in Frage stellen ließ. Den Außenseiterblick habe ich mir in jedem Fall bewahrt. Ich war während meiner musikalischen Ausbildung nie wirklich glücklich, weil es keine definitive Wahrheit und Lehre in der Musik gibt. Ich studierte zuerst klassische Perkussion, dann Jazz, dann Musiktechnologie und dann Sonologie in Holland. Jetzt, mit meiner eigenen Musik, verbinde ich all dieses Wissen. Obwohl es sicher wert gewesen wäre, sich mit dem einen oder anderen Bereich intensiver zu befassen, hätte ich andererseits nicht die Kenntnisse und die Zeit für die Dinge, die ich jetzt tue.” Auch war das Zusammenspielen bei verschiedenen Gelegenheiten in Portugal mit u.a. John Zorn, Damo Suzuki oder Zu für den musikalischen Werdegang wichtig. Möglichkeiten, die sich wiederum auch nur auftun, wenn man diese akademische Vorbildung aufweisen kann. “Ich denke, es ist mehr denn je wichtig politische Überzeugungen kundzutun; man muss sich ja nur den Zustand der Welt vor Augen führen. Insbesondere in Europa scheint aber mittlerweile eine ziemliche Ermüdung eingetreten zu sein, was Politik anbelangt, wahrschleinlich weil jeder reich geworden ist. Das Hauptproblem ist, dass der Kapitalismus sehr subtile Wege geht, um die Leute zu manipulieren und blind zu machen. Jeder hat den Eindruck, alles sei in Ordnung, dass z.B. die Leute in den armen Ländern zwar eine Menge Probleme haben, hauptsächlich mit Geld, aber trotzdem glücklich sind. Ich finde, man muss auch die linken Klischees ironisch beleuchten, denn Slogans wie “No Nazis” oder “Destroy Capitalism” reichen ja nicht aus und werden zudem in erster Linie als eitler Modegag benutzt.”
Der Wunsch sich gleichfalls diese Ambivalenz als Motor kreativen Schaffens zu bewahren, meint man in der Musik Gustavo Costas’ und im Auftritt des Labels ständig zu spüren. Derzeit sind im kleinen Zirkel der internationalen Avantgarde auch Namen von portugiesischen Musiker wie Rafael Toral, Nuno Rebelo oder Carlos Zíngaro geläufiger geworden. Und das dürfte letztlich der Maßstab sein.
Das Label wird von Costa praktisch in Eigenregie (“Mit der Unterstützung von ein paar Freunden”) und als Möglichkeit zur Kommunikation betrieben. Anfragen aufgrund des Web-Auftritts gibt es naturgemäßwenige bis keine, aber bei Auftritten sind die mittlerweile sechs Alben ein Aushängeschild und eine essentielle Quelle des Informationsflusses. Das Album der Lost Gorbachevs – From Neoliberalism to Totalitarian Capitalism wird demnächst in einer um längere Improvisationen erweiterten Form auf einem “regulären” Label erscheinen. Die vorliegende Version mit nur zwanzig Minuten Spiellänge ist ein Destillat in Form zehn komponierter “Songs” (“Ich hasse die prätensiöse Angewohnheit von vielen, die immer gleich von Stücken oder Werken reden”). Der kruden Mixtur aus Splatter-Punk-Fake-Jazz tut diese Straffheit gut. Des weiteren ist Gustavo Costa beim Stealing Orchestra (“Klingt etwas nach Residents und Negativland, wobei das gute daran ist, dass der Songschreiber diese Bands nicht kennt) zu hören, bei Children For Breakfast (Solo Computermusik), bei Motornoise (Punk, Hardcore) und auch in verschiedenen improvisatorisch spielenden Formationen, die schon auf Let’s Go To War dokumentiert sind: Stabs (3” CD, Costa, Albrecht Loops), Red Albinos (Table of Mutations and Polymorphisms, Pinto, Martins, Costa) sind beinahe klassische Impro-Alben, die auch den Labelkatalog von z.B. Creative Sources bereichern könnten. Das Klank Ensemble ( José Miguel Pinto, Albrecht Loops, João Tiago, Gustavo Costa, Ana Costa, João Martins und Alexandre Gamelas) sorgt auf dem Album Minorities & Oddities mit einer filigranen Mischung aus Störgeräuschelektronik, Minimal Music und Post-DDAA-Ethno/Industrial, gespielt mit unkonventionellem Instrumentarium – Zeremin, Triviolin, Mutated Sixxen, Tisch, Ocasio, Gritarra, Plastic Flutes, Junk Percussion (sic) – für subtile Irritationen.
Die beiden Kompilationen No Noise in Porto Vol. 1 und  No Noise in Porto Vol. 2 sind schließlich besonders gelungene, unnötig zu sagen, eklektische, Porto-Klangführer, wobei aufgrund kargster Angaben fleißig geraten werden darf, wie gross die Szene denn nun wirklich ist. Nebst Ausschnitten obengenannter Veröffentlichungen von der “jazzigeren” Seite finden sich hier im gleichen Masse elektronische Beiträge (Nuno Peixoto, Bruno Ribeiro, Fátima Vieira beispielsweise) oder Musique Concrète- und EA – Beeinflusstes (Carla Oliveira, José Alberto Gomes). Auch die Dekonstruktionisten von Mécanospère (siehe BA # 45) und die Fado/Jazz/Drum & Bass-bastardisierenden HHY sind vertreten.
Gustavo Costas Solo-Projekt Most People Have Been Trained To Be Bored ist die erste Produktion, die auf konventionelle Weise vertrieben wird. Success In Cheap Prices und eine EP erschienen auf dem Indie-Label Bor Land.  “Diese Platte hat mich eine Menge Mühe gekostet. Ich begann mit den Aufnahmen, als ich in Den Haag Sonologie studierte und war dementsprechend sehr von der akademischen elektronischen Musik beeinflusst. Meine Herangehensweise ist aber eine etwas andere, da ich finde, dass eine Menge klassischer elektronischer Musik sehr langweilig ist.” Das Album besticht durch seine enorm konzentrierte Vielfalt an Stilen, die wie Bausteine kombiniert und stellenweise wild durcheinandergewürfelt werden. Diese Soundpatterns, unorthodoxe Auslegungen von EA, Musique Concrète, Noise, Drone, Minimal, zeitgenössicher Klassik, Free-Jazz bis… you name it, überlagern sich manchmal an den Rändern, sind aber meist harsch von-einander abgegrenzt. Success In Cheap Prices wirkt wie neun komplexe, zu schnell gelesene Kurzgeschichten; man hat immer den Eindruck etwas Entscheidendes verpasst zu haben und beginnt von Neuem. Trocken, präzise und doch geheimnisvoll gelingt Gustavo Costa für den Bereich der elektronischen Musik eine ähnlich radikale Interpretation wie ihn zuvor beispielsweise Zorn/Naked City für Jazz oder Univers Zero für Kammermusik folgenreich versucht haben.

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