Ripples Oktober 2010
October 1st, 2010
Dolly Mixture -Everything And More
Margaret Thatcher war in den 1980ern in Großbritannien indirekt um die Förderung der Subkultur besorgt. Anstatt einem nicht mehr vorhandenen Fabrikjob nachzujagen, bot sie dem Menschen on the dole die Möglichkeit eines staatlichen Förderungskredits, um damit eine eigene Firma zu gründen, was als Nebenerscheinung zur Folge hatte, dass zahlreiche Musiker ihr eigenes Independent-Label gründeten. Cordelia Records war ein Paradebeispiel. Deren Katalog hatte neben den eigenen Bands für einige Zeit allerhand Obskures zu bieten. Das Fireside – Minialbum von Dolly Mixture, 1986 erschienen, eine leicht melancholische Mischung von Kammer- und Hausmusik, vorgetragen von drei sympathischen, sehr englisch aussehenden jungen Frauen, ist diesbezüglich noch in bester Erinnerung. Aber diese handvoll Songs sollten schon den Schlußpunkt der ‘Karriere’ dieser weitgehend undokumentiert gebliebenen Band bilden.
Dolly Mixture sind – ironischerweise ? – entgegen dem scheinbaren D.I.Y.- Ethos des Punks und New Waves bei ihrem Bemühen professionell mit der Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen, schnell wieder auf eine abgehalfterte Garde von Labelmanagern und Produzenten getroffen, die es absurd fanden, dass die drei Frauen ihre Instrumente selbst spielen und die Musik arrangieren wollten. So ist von Dolly Mixture außer ein paar verstreuten Singles ( die erste, man glaubt es kaum, eine vom Ex- Bay City Rollers Eric Faulkner produzierte Cover-Version von Baby It’s you, zwei weitere wurden von Captain Sensible arrangiert und von Paul Weller auf Respond, Wellers vorübergehendes Steckenpferd für ‘real teenagers’ veröffentlicht) nie ein Album erschienen. Auch enthusiastische Reviews und Jubelarien über ihre Konzerte brachten ihnen keinen Vertrag ein. Bei Captain Sensibles beiden Überraschungshits Happy Talk und Wot? gaben Dolly Mixture die Backgroundsängerinnen und waren in TOTP zu sehen. Auch eine ‘Bananarama-Laufbahn’ sollte es aber dann nicht sein. Es entstanden einige Stunden Material, das aber auf der Demostufe stecken blieb.
Unbegreiflich, denn Debsey Wykes, Rachel Bor und Hester Smith waren nicht weniger als eine Verheißung. Wunderbares Gespür für eingängige Melodien und catchy Refrains, die perfekte Verbindung aus Sixties Girl Group, Mersey Beat – Tradition und Punk; nicht sperrig wie The Raincoats oder konfrontativ wie The Slits zwar, schrieben sie einfach gute Popsongs am Laufmeter.
Nun also, drei Jahrzehnte später, die 3 CD Edition mit all den genialen Demo-Stücken, den Singles, der Fire-Side EP und reichlich Obskurem. Dolly Mixture, besonders Debsey Wykes – und Rachel Bors Gesang, klingt gleichzeitig unbekümmert-selfmade, old-fashioned english und selbstbewusst-originell; alle aktuellen, auf diesem Terrain aktiven Bands, von den Dum Dum Girls bis Vivian Girls, sollten für einen Moment innehalten und ihnen Ehre erweisen. Dolly Mixture, eine weitere, letztlich sympathische, Geschichte des Scheiterns. File under: Obscure Independent Classics Volume 71.
dollymixture.net