Ed Sanders – Yiddish Speaking Socialists Of The Lower East Side
Eloïse Decazes & Delphine Dora – Folk Songs Cycle

Die eigenwilligen und schön gestalteten Produktionen von Okraïna – allesamt 10” Inches, die die Handschrift der Illustratorin und BD-Künstlerin Gwénola Carrére tragen – weisen zwei neue Kleinode im Labelkatalog auf.
Philippe Delvosalle ist es gelungen, Ed Sanders, den Grandfather des US-amerikanischen Außenseitertums, für ein Projekt zu gewinnen. Die Fugs und deren freiwilligen und unfreiwilligen Zeitgenossen und Nachfolger stehen in der Summe für vieles, worauf sich auch Okraïna – das Label und die Veranstalter für außergewöhnliche Konzerte in und um Brüssel – berufen.

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Die Neueinspielung von Sanders’ Yiddish Speaking Socialists of the Lower East Side – das Original erschien Anfang der 1990er auf Kassette – ist mehr dessen großangelegten Langzeitprojekt – America, a History in Verse – als dem Freak Out und dem Beatnik-Groove der frühen Tage zuzuordnen.
Die Verfolgungen in Russland bewogen viele Einwohner der Shtetl ab 1880 dazu, unter weiteren Entbehrungen und Gefahren, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und in der sogenannten Neuen Welt ihr Glück zu suchen. Ab 1905 bis zur dann doch stattfindenden Russischen Revolution politisierten sich aber auch viele junge jüdische Russen in der auslaufenden Phase der Zarenherrschaft und beeinflussten später auch Gesellschaften in Osteuropa, Palästina und auch in den USA. Die zweimillionen, oft bettelarmen Zuwanderer aus Osteuropa, die nach den Sepharden im 17. Jahrhundert die zweite jüdische Einwanderungswelle darstellten, hatten in der NewYorker Lower East Side ihren ersten Anlaufpunkt in Amerika, blieben meist dort und schufteten überwiegend in den sogenannten Sweatshops der aufkommenden Kleidermassenproduktion oder in den Großschlachtereien .
Die fünzigjährige Geschichte des Arbeiterkampfes der jüdischen Einwanderer – denn, so Tekla Szymanski in einem Beitrag für die Zeitschrift Tribüne, “die ersten modernen sozialen Klassenkämpfe waren jüdische” – in der Lower East Side und die Themen – Pogrome, Flucht, Exil und Ausbeutung, aber auch Solidarität und Widerstand – sind zweifellos aktueller denn je. Die Socialist Party rieb sich während dem Ersten Weltkrieg daran auf, ob man den Eintritt der USA in den Krieg unterstützen oder ablehnen sollte und zerbrach auch an der anti-sozialistischen/kommunistischen Hysterie Restamerikas.
Sanders begleitet sich bei der Rezitation seines Textes mit dem von ihm entwickelten ‘pulse lyre’, eine Art Synthesizer-Leier im Kleinformat, mit der er – ganz in der Traditon der alten Griechen – den Text akzentuiert.

Luciano Berio und dessen Muse Cathy Berberian ist nicht unbedingt zu unterstellen, dass sie mit Humor die zeitgenösische Musik unterminieren wollten. So ist der 1964 entstandende Zyklus Folk Songs, der elf Volksweisen aus verschiedenen Erdteilen adaptiert, und den Berio für seine damalige Angetraute arrangierte, eher eine bemüht-trockene Angelegenheit.
Das hinderte allerdings Eloïse Decazes und Delphine Dôra nicht im geringsten daran, das Werk auf ihre Weise neu einzuspielen.
Eloïse Decazes hat mit Eric Chenaux für die erste, hervorragende Okraïna-Veröffentlichung zeitgenössische und traditionelle Chansons (unbekannter Herkunft) aufgenommen. Bis auf ihren Kern reduziert, minimalistisch und auf faszinierende Weise halluzinatorisch, unterscheidet sich ihre Musik beträchtlich von der anderer Chansonieurs und Chanteusen. Daneben ist sie auch im Duo (bzw. Trio) bei Arlt zugange das wiederum, dem Genre New French Chanson zuzurechnen, eine mit Françoiz Breut vergleichbare Linie von melancholisch-verhangenen, aber zugänglicheren Songs verfolgt.
Delphine Dora hat sich zu recht den Ruf einer anarchischen, für musikalische Eskapaden immer zu begeisternde, klassisch geschulte, Musikerin zu sein, erworben. Zahlreiche Kassetten und CDRs erschienen mit ihrer eigenen oder in Kollaboration entstandenden Musik auf diversen Mikrolabels. Oft, wie in der Zusammenarbeit mit Valérie Leclerq von Half Asleep oder mit Sophie Cooper, sorgt sie für die unberechenbaren, spontanen Momente. Gerade hat sie das Vorprogramm für die Tour von Julia Holter in Deutschland bestritten.
In der Tradition von Onze Danses Pour Combattre La Migraine (Aksak Maboul), Loneley At The Top (Hermine) , La Debutante (Sonoko) und 20th (Jun Togawa) bringen Decazes und Dora genug Sophistication, Charme, Spontaneität und Spielfreude mit, um den musealen Reigen in einen zeitgenössischen zu transformieren. Dabei scheint alles erlaubt zu sein: ätherisch, überzeichnet, schön, schräg, punkig, aus dem Ruder laufend und alles im Griff habend springen sie von Lied zu Lied und verwenden dazu nur ihre Stimmen, Feldaufnahmen, ein Piano und ein Harmonium. (Mocke spielt auf drei Songs Gitarre).
Okraïna

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